Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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530 dieses aber nun einmal geschieht, so müssen wir die daraM sich ergebender: Konsequenzen ziehen und im öffentlichen Leben wie in der Presse jedes Wort, was nach dieser Richtung ausgesprochen und geschrieben wird, genau auf die Wagschale legen. Es ist ja-eine psychologisch leicht erklärliche Thatsache, daß die Verstandesschärfe und der Witz der Jrrden, die Lebhaftigkeit des Naturells rrnd der Drarrg der Subjektivität, die vorr außen her zrrr Opposition gereizt wird, Manchen darunter sehr leicht zum Spott und zu scharfer Antwort auf ungerechte'Herausforderringen verleitet. Aus solchen Eigenthümlichkeiten der Juden hat. man ja gefolgert, daß sie ein zerfetzendes Element in der Geschichte seien, ohne zu bedenken, woher diese Eigenthümlichkeiteu starnnren, urrd daß diesen ebenso viele völlig entgegengesetzte im Charakter der Juden widersprecherr, die nicht zersetzend, sondern vielmehr konservireud und fördernd wirken. „Gönnet dem Inden ein menschliches Dasein," so ries vor fürrfzig Jahren einer ihrer Vertheidiger aus, „und er wird die Zustände, ans denen es hervorwächst, aus allen Kräften mit dem Aufgebot seiner ganzen Verstandesschärfe konserviren, legt ihm Fesseln an, und wehret ihn:, sich frei zu bewegen, daun wundert euch nicht, wenn er zersetzt und auflöst, bis das Eisen geschmolzen und die Ketten zerrissen!" Auch-damals-, ja gerade damals hat man gegen das Judenthum dieselben Vorwürfe erhoben wie heute, hat man die feindseligen Aeußerungen Einzelner, die längst nicht mehr den: Judenthum angehörten oder sich doch mu dieses so gut wie gar nicht bekümmerten, der ganzer: Religionsgemeinde zur Last gelegt. Und es ist geradezu komisch, wenn man diese Vorwürfe liest. Sie stimmen bis auf den Wortlaut mit denen überein, die heute gegen Juden itub Judenthum erhoben werden. In einer angesehenen Zeitschrift aus dem Jahre 1839 lesen wir folgende:: Satz: „Billigkeit und Vernunft sollten auch den Juden gebieten, in diesen: Zeitpunkt am :venigsten durch Polemik geger: christliche Institutionen, durch Spott und Blasphemie auf das, was für heilig gilt, die ruhige Unparteilichkeit und den Gerechtigkeitssinn der Christen auf eine allzu harte Probe zu stellen. Man kann nicht verlangen, daß die Juden mit unterwürfiger Demuth als eine Gnade erbitten sollen, was ihnen zuzugestehen das vernünftige Recht gebietet; aber nur schaden kann es ihren Ansprüchen, wenn sie, während der Gelter:dmachung ihres Rechts, mit den offenen Feinden des Christenth:::ns in: vertrauten Verkehr stehen und ihre Feindschaft mit denselben trotzig und hochmütig zur Schau tragen." So schrieben unsere Gegner vor 60 Jahren, und es ist traurig, daß wir ihnen heute mit denselben Worten antworten müssen, die damals der unerschrockene Vorkämpfer unserer guten Rechte, Gabriel Rießer, ihnen zugeschleudert hat: „Nicht ein einziger Jude, der die sittlichen und rechtlichen Interessen seiner Glanbeusgenossen vertreten darf, oder der auch nur das mindeste Gefühl für dieselben hegte und an den Tag legte, ja kein einziger, der nicht vorher durch die Lossagung von der religiösen Gemeinschaft des Judenthums die nwralische Forderung seiner Stellung innerhalb desselben abgeschüttelt Hütte, hat je ein Wort des Spottes über christliche Vorstellungen oder Gebräuche laut werden lassen, und zwar ist dies nicht allein in dem Gefühl der ungeheueren Unschicklichkeit unterblieben, die darin liegt, und von der unvermeidlicherweise ein Theil auf die Gesanuntheit zurückfallen würde, es mußte vieimehr schon darnn^unterbleiben, weil der ernste, streng sttzliche Charakter aller wahrhaft gemeinsamen Bestrebungen der Juden, wie einer jeden Religionspartei, jede Frivolität der Gesinnung nothwendig ansschließt,^ weil jedes Gemüth, das sich diesen Bestrebungen aufrichtig widn:et, auch an ihrem sittlichen Ernst theilnimrnt, weil der Spott über religiöse Dinge Dem unmöglich ist, dessen Herz noch eine Spur des , Unmuths empfindet, welchen Keinem mehr als dem Juden der endlose gemeine Spott über sein religiöses Leben verursacht hat, in welchem die ekelhafteste Frivolität nur durch die blindeste Gehässigkeit überwogen wurde und gegen sie zurücktrat." Diese scharfen Worte galten damals den Angriffen gegen das Judenthurn wegen der Blasphemien, die ein Schriftsteller erhoben, der zu gleicher Zeit mit Entrüstung die Behauptung zurückgewiesen hatte, daß er noch Jude sei, und der das Judenthum ebenso verspottete und schmähte wie jede andere Religion. Genau dasselbe ist auch heute der Fall. Es soll unseren Gegnern schwer werden, eine mündliche oder schriftliche Aeußerung eines Mannes, der wirklich als Vertreter des Judenthums gelten darf, gegen die christliche Religion nachzuweisen. Ist einmal eine unbedachte oder thörichte Bemerkung gefallen, so ist das unzweifelhaft von einer Seite geschehen, die den: Judenthum ebenso fern, ja vielleicht noch ferner steht als dem Christenthum. Wir beklagen solche Aeußerungen mehr noch als unsere Gegner, aber es ist eine nicht geringe Frivolität, die Gesanuntheit für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich zu machen. Das wahrhaft religiöse Empfinden zieht sich dem Spott gegenüber scheu zurück. Es erträgt solche Auswüchse, aber es erkennt ihren Ursprung und wird sie deshalb mit Milde beurtheilen. Diejenigen aber, die bei derartigen Anlässen an: lautesten Lärm schlagen, find in der Regel nicht die wahren Vertreter der Religion. All diese Erwägungen entbinden urrsere Glaubensgenossen aber nicht von der heiligen Pflicht, sich immer und überall der großen Verantwortlichkeit bewußt zu sein, die auch der Einzelne in einer so erregten Zeit, wie die gegenwärtige, zu tragen hat. Aie Wsche. Berlin, 7. November. s beginnt doch zu tagen. Die Absagen an der: Antisemitismus mehren sich in gebildeten Kreisen, und man fängt wieder an, sich der Zugehörigkeit zu jener Radaugesellschaft zu schämen. Ein überaus charakteristisches Symptom für diesen Wandel der Anschanungen bietet ein Artikel der Leipziger „Grenzboten", die für die Treitschkeffche Abart des „gebildeten Antisemitismus" einmal' das Hauptorgan bildeten. Dort heißt es in einem Aufsatz über den Fall Dreyfus folgendermaßen: „Wenn man mit Recht die antisemitischen Hetzereien, auch in Deutschland, für ganz besonders geeignet hält, die Massen, selbst die gebildeten, zu verrohen und das Rechtsgefühl im V olke abzustu :npfe n n nd irre zu leiten, so kann man wohl begreifen, daß sich die Ge::erale, wenn sie schuldig sind, jetzt der Antisemiten, und zwar mit gutem Erfolg, bedienen, um vor den Massen den Schein des Rechts für sich aufrecht zu erhalten, aber die ganze Abscheulichkeit, die sie an dem Juden, wenn er unschuldig ist, verübt hätten, bei den Generalen zu erklären, reicht — sollte nun: meinen — auch der Antisenlitisnuls nicht ans. Schon der Gedanke an die bloße Möglichkeit, daß der Mann lmschuldig gemartert werden könne, wie er sich ihnen in Rennes doch nnz:veifelhaft auf-