Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 45 Berlin, 10. November 1899.; Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner Dr Ludwige Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Gertm, Zernfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8V^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlags von Rudolf Moste, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchent l i ch. Abonnements-Preis: Dirrch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. SM. Redaetenrr Gustav Karpeles. Änlsltll. LeUarttfel r Zur Beherzigung. — Die Woche. — Raphael Cohn. Von Rektor Dr. Adler.— Brief aus München. — Protokoll über die Iahresversannnlung des Vereins israelitischer Lehrer von Rheinland und Westfalen. — Das Israelitische Waisenhaus zu Kassel. — Brief aus Oesterreich. -r Die Frauen -im Talmud. II. Von Rabbiner Dr. Tobias Cohn. — Meuittetortr Mirjam. III. Eine Geschichte ans dem römischen Ghetto.— Litterarische Mittheilungcri. Der Gemeittdebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, .Münster, Köln a. Rh., München, Landau, Wien, Budapest, Zürich, Gothenburg. — Von Nutz und Men». — Sprechsaal. — Miseellen. Zur Beherzigung. . Berlin, 7. November. . iebt es wirklich nichts Neues unter der Sonne, wie der alte biblische Zweifler klagt? Fast scheint es so, denn of wenn man viele Vorgänge im Leben der Gegenwart aufmerksam betrachtet, so findet man merkwürdige Analogien zu früheren Ereignissen; insbesondere wird Der, welcher die Geschichte der letzten hundert Jahre verfolgt, die ja jetzt am Ansgang des Jahrhunderts eifrig studrrt wird, zu diesem Ergebniß gelangen. Er wird u. a. finden, daß die Vorwürfe, die mau vor etwa 60 Jahren gegen die Juden erhoben hat, auch heute noch unter völlig veränderten Verhältnissen wiederholt werden, obwohl sie entweder völlig gegenstandslos geworden oder aber schon zu jener Zeit ganz unberechtigt gewesen sind. Wir wollen uns heute nur mit einem dieser Vorwürfe beschäftigen, weil, er gerade in den letzten Tagen »«ehrfach ausgesprochen wurde, und weil er uns andererseits Gelegenheit bietet, ein Mahnwort zu erneuern, das wir schon oft und eiildringlich unseren Glaubensgenossen zugerufen haben. Es ist die Mahnung, das Heiligthum jeder Religion so zu achten wie das eigene. Die Empfindlichkeit, die in dieser Beziehung in unserer Zeit sich geregt hat, ist ja allerdings nicht immer eine echte und entspringt sehr oft weniger aus der Verehrung für die eigene als aus der Feindschaft gegen die andere Religion. Aber sie ist doch, wie jeder Gebildete zugeben wird, eine berechtigte. Eine jede Religionsgemeinschaft erträgt weit eher einen Angriff von Solchen, die innerhalb ihres Bekenntnisses stehen, als nur das leiseste Bedenken Derer, die außerhalb^ stehen. Jede Religion, in der viele Menschen ihren Trost und ihre Seligkeit gefunden haben, muß mit der größten Zartheit und Achtung behandelt werden. Sie ist ein Heiligthum, und es gilt da, natürlich im bildlichen Sinne, das Wort der Schrift: „Ziehe deine Schuhe aus, denn Hier ist heiliger Boden." Ebenso wenig sollte die Mahnung unserer Gesetzeslehrer wiederholt zu werden brauchen, die uns auch in dieses Beziehung die tiefste Ächtung vor beit Sitten, Lehren und Bräuchen jeder fremden Religion einprägen. Wir könnte«! zahlreiche Sprüche anführen, in denen den glaubenstrene» Juden die heilige Achtung zur Pflicht gemacht »vird vor jeder Religion, die sich auf Erkennt«,iß eines einzigen Gottes und auf das Sittengesetz gründet, da die Verschiedenheit der Religionen ja zu der Verwirklichung jenes großen Zieles dient, das unsere Propheten in so begeisterten Worten verkündet haben. Aus dem Bibelwort: „Du sitzest da, lästerst gegen deinen Bruder, hängst dem Sohne deiner Mutter Makel an", folgern die Weisen des Talmud die Lehre, daß man gegen seinen Nächsten, wenn er einer fremden Religion angehört, nicht Spott oder Hohn anwenden darf. „Wenn du deine Zunge gewöhnst, gegen deinen Bruder zu reden," sagen sie, „der nicht der Sohn deines Stammes ist, so «virst du schließlich dazu gelangen, auch dem Sohn deines Stammes einen' Makel anzuhängen." Das Wort ist ein vielschileidiges Schwert, das mit Besonnenheit geführt «verden soll, nainentlich in religiösen Dingen und in einer Zeit, die von politischen und religiösen Gegensätzen so erfüllt ist wie die unsrige. „In der Hand des Thoren," so lehren abermals unsere Weisen, „richtet das Wort tzirerineßlichen Schaden an, und es verwundet,. wenn es nicht geschehen soll, ja, es tobtet wider Wissen und Willen." Es ist daher immer als eine große Kuiist angesehen worden, zu rechter Zeit und in rechter Weise schweigen zu können, und einer unserer Weisen schließt die oben erivähnte Vorschrift so: „Sprich, wie du denkst, aber nicht alles, was du denkst." Denn vieles, was wir denken, ist irrig und unreif, vieles gehört nicht uns allein an, vieles ist anstößig und erregt Streit n»d Haß ohne Fug und Zweck. Alle diese Mahnungen sind so selbstverständlich, daß sie eigentlich nicht ins Gedächtniß zurückgerufen zu werden branchter». Wenn es trotzdem noihwendig geworden, so müssen wir freilich erwägen, daß in einer so anfgeregten Zeit und gegenüber den Aufreizungen, Verleumdungen und Angriffen, die tagtäglich von verschiedensten Seite«« gegen uns erhoben »verden, leicht ein unbedachtes Wort das Gehege der Zähne verläßt, das vielleicht in» selben Moment bedauert und oft gar zu gern zurückgenoinmen werden möchte. Es n»»»ß daher mehr als seltsam erscheinen, wenn iiian einer Religio,»sgenossenschaft. die in einen» fort angegriffen und geschmäht »vird, derer» heiligste Einrichtungen in den Schmutz gezerrt werden, die Travestirung eines Kirchenliedes oder die unbesonnene Aeußerung einzelner Mitglieder, oft sogar auch solcher, die nicht »»»ehr Mitglieder diesev Religiortsgenossenschaft sind, vorzuwerfen sich beeilt. Da