Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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SchnNehrerseminarinn, verbunden sein sollte, eingerichtet würde. Das Schnllokäl befand sich in der Wilde,nanüsgasse im Hanse des Schlossermeisters Kochendörffer. Au der Anstalt nnterrichteten vielfach auch christliche Lehrer, z. B. von 1824—1831 die Pfarranitskandidaten resp. Pfarrer Knierun, Krapf und Hösbach, der Zeichenlehrer R affin, der Gesanglehrer Krenzinger. Das Sen,inar besuchte der bekannte Hnniorist Julius Stetten heim, die Schule der Dichter Mo sei,- th a l. 1869 siedelte die Anstalt in. ihr jetziges Hein, in der Bremerst ratze über, wo sie seit nunmehr 30 Jahren fort geführt wird. Datz die Wohnungsfrage für die Anstalt im Vergleich zu früher in höchst befriedigender Weise gelöst werden konnte, ist den, Rentner Jereu,ias Rothfels zu verdanke,,. Noch leben zwei Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde, die 1824 zu den erster,Schülern der Uebungsschnle gehörten. ^8 FrankfUVt a. M., 23. Oktober. In den Rännien der Frankfurter Loge konstiluirte sich gestern unter den, Vorsitze des Herrn Charles Hallgarten der „ Südw estder,tsch e Verband israelitischer Hilfsvereine und Gemeinden", eine Vereinigung, welche sich die Aufgabe stellt, durch einheitliche Regelung des Unterstütz,, llgswesens den Wanderbettel zu bekämpfen und nach Möglichkeit zu beseitigen. Der Verband soll dahin wirken, daß jede Gemeinde für ihre Armen Sorge trage, datz für jüdische Ortsarme, zu deren Unterstützung die kommunale Armenpflege verpflichtet ist, diese in Anspruch genommen werde, soweit dies ohne Nachtheil für diese (jüdische Armen) geschehen kann, datz nach Möglichkeit Arbeitsnachweisstellen errichtet werden, und daß alle israelitischen Wohlthätigkeitsvereine einer Genwinde mit einander in beständige Verbindung treten und vereint alle Schritte thun, um den Hansbettel zu verhindern. Ans der Provinz Hessen-Nassau und den, Gcoßherzogthnm Hessen waren ungefähr 50 Delegirte, welche ca. 20 Vereine und Gemeinden vertraten, erschienen, und lvnrdeu die Statuten berathen,. welch letztere als aus ein Jahr probeweise giltig sein sollen. In den Vorstand wurden gewählt Dr. Rothfels-Kassel, Heimerdinger-Wlesbaden, Macher-Mainz, Stahl-Friedberg. Strans-Wiesbaden, Strantz-Geli,Hausen, Sinzheimer- Wor,ns, Hallgarten, Hirschler, Wertheimer. Metzger, Dr. Walter aus Frankfurt a. M. Die Genwinde Frankfurt, welche durch mehrere ihrer Vorstandsmitglieder vertreten war, nimmt an dem Zustandekommen des Verbandes den regsten Antheil und lud auch nach Schlntz der Berathungen die sämmttichen Delegirte,, z„ einem Diner ein. Oesterreich-Ungarn. □I Wien, 30. Oktober. Die antisemitischen Exzesse in den kleineren mährischen Städten haben rwch imruer kein Ende genommen; glücklicherweise ist es nirgends nwhr zu derartigen Ausschreitungen gekommen, die die unglückliche Jndengemeinde in Holleschau zu Grunde gerichtet haben. Wohl fanden auch noch in den anderen jüdischen Gemeinden Mährens Krawalle statt, allein dem glücklichen Umstand, daß von Olrnütz und Krernsier in die bedrohten Orte Militär beordert wurde, ist es zu danken, daß es nicht zu weiteren, Blutvergießen kam. Unter. Denen, die sich bei den Krawallen durch Anshetzeu und gewissenlose Agitation zumeist hervorgethan, befand sich als einer der Ersten der antisemitische Buchhändler Klabn s akün Holleschau, der auch leicht verletzt wurde, auch ein antiseuntifcher Fleischhauer wurde getödtet. In, Reichsrathe haben uwhrere Abgeordnete in einen, Dringlichkeitsantrag verlangt, daß auf den Schlachtfeldern von Mähren endgiltig die Ruhe hergestetlt tverde. Das schöne friedliche Mähren, in dem bisher alle Bürger in Frieden und Eintracht lebten, ist nun durch infame Agitation in eine blutige Wahlstatt verwandelt! — Die Zahl der bei de,, Krawallen Verhafteten ist so groß, daß für Holleschau und Wsetin, die beiden Hauptpunkte. richterliche Hilfskräfte ans Brünn zngezogen werden mußten, um die Verhandlungen rascher zu Ende zu führen. Damit es bei all der Tragik nicht an Komik mangle, hat der Stadtrath von Preran au das Ministerimn eine Zuschrift mit den, dringenden Ersuche,, gerichtet, lieber doch zu deMissioniren, als so weiter zu regieren — ob Graf Elary dieser Anffordernng Folge leisten wird? — Der Vertheidiger Leo p ol d H i l s „ e r s, Dr. Anrednicek, hat bei dem Obersten G erichtshofe die Nicht i gke i tsbesch,verde für den Verurtheilten überreicht. Diese gründet sich auf § 344, Z. 5 St.-P.-O. und wendet sich gegen die in der Hauptverhandlung * erfolgte Ablehnung folgender Anträge der Vertheidigung: 1. Auf Einholung eines Fäkultätsgutachtens iu Betreff der angeblichen Blutflecke auf der Hose; 2. auf Einholung eines Fäkultätsgutachtens bezüglichdes von den Polnaer Gerichtsärzten erstatteten Gutachtens insbesondere Mit Rücksicht darauf, ob die Strangulirnng oder die Schnittwunde den Tod herbeigeführt habe; 8. auf Vornahme eines Lokalaugenscheines an den, Anffindnngsorte des Leichnanls und einer Beflchtignngsprobe ans Distanz „Pt de,n Zeugen Pesak unter Znzieyuug des gefainnlten Schwurgerichtes und sämmtlicher Funktionäre; 4. äNf Herbeischaffung des in Warnsdorf Uiegen Mordes und Sittlichkeitsverbrecheus verhaftete,, Franz Wehr und dessen Konfrontirung mit beu Zeugen; 5. auf Verlesung der vorgelegten 32 Gutachten von theologischen Fakultäten. Bischöfen. Gelehrten n. s. w., die darlegen, daß die jüdische Religion keinen Ritual,nord kenne. — Vor dem Bezirksgerichte in Dentschbrod hatte der Jglaner Advokat Dr. Schwarz den Rabbiner von Polna. Dr. Goldberg, in einer Ehrenbeleidignngsklage gegen den Grundbesitzer Kr np au er ans Chisten zu vertreten. Letzterer hatte in Gegenwart vieler Personen öffentlich geäußert, daß dev Kultusvorsteher, der erste Kultusrathund der Rabbiner von Polna zun, Prager Oberlandesgericht vorgeladen worden seien, nn, dort unter Eid auf die Thora zu bestätigen, daß die Inden kein Christenblnt brauchen. Die beiden Erster,',, hätten „nn diesen Eid geleistet, der Rabbiner jedoch habe ihn unter der Erklärung verweigert, er wolle keinen falschen Eid schlvören, denn es sei wahr, daß die Inden Christenblut brauchen. Diese selbstverständlich durchaus erfundene lügnerische Behäuptnug bildete das Substrat der von Dr. Schwarz in Vertretung genannten Rabbiners erhobenen Klage gegen Krnpauer. Gleichzeitig wurde auch dieser von der Knttenberger Staatsanwaltschaft wegen Uebertretung des § 308 des Strafgesetzes (Verbreitung falscher, die öffentliche Sicherheit gefährdender Gerüchte) a,,geklagt, lieber beide Klagen wurde vor dem Deutschbroder Bezirksgericht verhandelt. Vor Beginn der Verhandlung gab Angeklagter sofort eine umfassende Ehrenerklärung zu Protokoll, in der er dem Polnaer Rabbiner Abbitte leistet und sich verpflichtet, seine leichtfertige, unwahre Behaupt nng in der Prager „Narodni Politika" öffentlich zn widerrufen und sämrntliche Gerichtskoste,, zn tragen. Damit war die Privatklage-erledigt. Die weitere Verhandlung wurde vertagt, nn, festznstetten, wer die lügnerischen Gewährsmänner seien, auf deren Einflüsterungen hin der Angeklagte seine leichtfertigen Aenßernngen gelnacht haben will. — Der hiesige christlich-soziale Armenrath Rohringer wurde wegen antisemitischer Schniähungeu zn einer Arrest- und Geldstrafe vernrtheilt. — Der Kaiser hat den, Vorstand des Telegraphen- Korrespondenzbüreans, Regiernngsrath Benedikt Hahn, den Titel eines Hosrathes verliehen. — Der Tod des Barons Lei te nbe rger, der einer der Gründer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus war. bedeutet einen herben Verlust für die gute Sache. Der Dahiugeschiedene hat nebst zahlreichen Legaten auch den Armen seiner Vaterstadt (Wien) 80000 fl. testirt, jedoch die ausdrückliche Bedingung daran geknüpft, daß bei der Vertheilung auf den Unterschied der Konfession in keinerlei Weise Rücksicht zu nehmen sei, — das kann man getrost Dr. Lueger und seinen Räthen überlassen, die sind gewiß nicht parteiisch und nehmen auch keinerlei Rücksicht bei Geldern, die von Inden kommen. — Man wundert sich bei den Antisemiten des Wiener Geineinderalhes eigentlich über nichts mehr, aber ihr neuestes Stück zeugt denn doch von' einer so unerhörten Rücksichtslosigkeit, wie sie kaum überboten werden kann. In der gestrigen vertraulichen Sitzung hat, einen, uns zugegangene,, Privat-Telegrannrr zufolge, die Majorität des Gemeinderathes nach heftiger Debatte den, Währjnger Pfarrer Josef Deckert, der kürzlich in einer Broschüre das Märchen vom Selbstmord Martin Luthers anfgefrischt und verbreitet hat und einer der ärgsten antisemitischen Hetzer ist, die große goldene Salvator-Medaille, die höchstekommunale Auszeichnung, verliehen. Die protestantischen Mitglieder des. Gemeinderathes protestirteu gegen den Beschluß. -- Unsere Parlainentsantisennteü überschütten das Haus mit Anträgen: Der antisemitische Abgeordnete Schlesinger hat im österreichischen Parlament folgenden Antrag eingebracht: „Die Regierung wird anfgefordert, die Erhebung der Werthe der unbeweglichen Güter der Christen und Juden im Staate Oesterreich am Schlüsse des 19. Jahrhunderts nnd desgleichen vor fünfzig Jahren zu dem Zwecke einznleiten, um daraus die Vermögensverschiebungen vom unbeweglichen Gute zwischen Christen und Juden in diesem Zeiträume zu entnehmen. Ferner sei eine Statistik über die Stellung der Juden in. unseren.öffentlichen Bernsen bekannt zu geben." Sodann haben die antisemitischen Abgeordneten Prochazka und Genossen folgenden Antrag