Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Personen, von denen cs das damalige Staatsoberhaupt Pins IX. hörte. Dieser befahl, den Knaben in der katholischen Religion zu erziehen. Aus diesem Umstand» wurde in der Folge eine Haupt.- und StaaWaktion, ähnlich wie ans dem Drehfus-Schwindel, gemacht." So der charakteristische Bericht der „Germania" über einen Fall, der seiner- Leit in der ganzen Welt ein ungeheures Aufsehen machte. Der gute Pater Mortara scheint ziemlich miftät in der Welt umhergeworfen worden zu sein. Er war zuerst, in einem Kloster in Brixeu. daun kam er nach Paris, ward von da nach Spanien gesandt, um eine Augnstinerniederlassung zu begründen, endlich war er längere Zeit in England und Amerika, um zuletzt in Krakau ein Unterkonunen zu finden. JV Charlottenbnrg, 27. Oktober. Am 11. v. M. ist hier Herr Zsaac Robinsohn. der Begründer unserer Religionsvereine, nach schwerem Leiden im Alter von 57 Jahren ans diesem Leben geschieden. Von allseitiger Liebe und Verehrung gab bei der Beerdigung irr Meißensee — trotz der ungünstigen Witterung — das zahlreiche Gefolge ein glänzendes Zeugnis;. Man sah die Vorsteher und Vertreter der uom Verblichenen begründeten Vereine, insbesondere die des Charlottenburger Humanitätsvereins „Chessed schel Emeth“, an der Spitze Herrn Dr. Blum, des Hauses Freund, welcher bereits im Sterbehause ergreifende und zrr Herzen gehende Worte gesprochen. Was der zuletzt genannte Verein, dessen ersterVorsteher Nobinsohn gewesen, an diesem besessen, das wissen »roch nicht Alle, was an ihm verloren gegangen, wird die nächste Zukunft lehren. Eins aber steht fest, daß seine jüngste Schöpfung zu den schöustenHoffnungen berechtigt. Robinsohn besaß eben seltene Tugenden. Schon in frühester Kindheit widmete er sich bei seinen! gelehrten und berührnten Vater dein Talmudstudium, auf lvelchem Gebiete er umfassende Keuntuiffe erworben. Ansgestaitet mit eineiu kindlichen Gemüthe, erfüllt von einer rührenden Herzensgute und mustergiltigen Frömmigkeit. pflegte er Gastfreundschaft in herrlichster Weise; wohlthätig zu sein, war sein Stolz, den Wittwen und Waisen eine Stühe, den Kranken ein Helfer, den Armen und Hilflosen ein Wohlthäter und Berather. bethätigte er sich selbst als Mohel und au den hohen Festen als Vorbeter; hierbei gab es für ihn keinerlei Hindernisse. So lebte der Verklärte als zärtlicher Gatte seiner biederen, ebenbürtigen Gattin, als liebevoller Vater seiner Kinder, denen er durchweg eine vorzügliche Erziehnng angedeihen ließ, als treuer Freund seiner Verwandten und Mitmenschen. Sein Andenken sei gesegnet! X. Aus Westpreutzeil, im Oktober. Der Amtsrichter Herr Dr. Cohn in Mewe ist als Landrichter an das Landgericht in Grandenz versetzt worden. — Gelegentlich der jüngst erfolgten Durchfahrt des Kaiser Paares durch die Stadt Elbing sind durch die Firrna Loeser n n d W o l f f die vorn Kaiserpaar passirten Straßen, die Königsbergerstraße von der Predigerstraße bis zur Loeserstraße, herrlich geziert worden. Vor der Cigarrenfabrik von Loeser und Wolfs ist ein Valdachiir errichtet gewesen. An dieser Stelle hielt der kaiserliche Wagen. Eine Tochter des Kommerzienralhs Loeser. Frau Regierungsbaulneister Sommerguth aus Königsberg, überreichte einen prachtvollen Blumenstrauß. — Herr Rechtsanwalt H i rsch in Sch rv etz (Weichsel) ist zum Vorsteher der Synagogengemeinde daselbst gewählt worden. — Für die sreigewordene Schulstelle an der jüdischen Schule in I a st r o w ist Herr Lehrer Josef aus Labischin jüngst gewählt worden. — Kürzlich hielt der R ab b i n e rv erb a n d Westpreußens in Danzig eine Konferenz, lvelcher der Vorsitzende des Gemeiudeverbandes, Herr Davidsohn, beiwohnte; auf derselben wurde n. a. die Inspektion des Religionsunterrichts neu geregelt. — Am 16. v. M. starb in Briefen der Kaufmann Herr Jsaac G ötz. Der Verstorbene gehörte dem Krankenpflegeverein seit seiner Gründung und seit 1886 dem Vorstände desselben an. In seiner Eigenschaft als solcher half er stets die Interessen des Vereins in uneigennütziger Weise fördern und war nach allen Richtungen hin innerhalb desselben unermüdlich thütig. L. Hannover, 30. Oktober. Am 15. d. M. wurde hier das neueingerichtete M ä d ch e u h e i m eröffnet. Aehnliche Institutionen finden sich, um einem mehr oder minder großen Bedürfnisse nachzukommen, tu einigen anderen deutschen Grotzgemeinden. In Hannover jedoch war ein solches Heim sehr nothweudig geworden. Leider konnten vorerst nur vier junge Mädchen Aufnahme finden. Die Mädchen erlernen unter Leitung einer eigens zu diesem Zwecke engagirten Dame alle Kenntnisse, die zur Führung eines Haushaltes nöthig find. In dieser Weise werden die jungen Mädchen den gefährlichen Schlingen der Großstadt entzogen und der Arbeit zugeführt. Möge dieses Institut, dnxch den Edelsinn hochherziger Männer und Frauen begründet, sich fernerhin der Aufmerksamkeit der chiefigen wohlthatigep Kreise --.erfreuen,- damit es znm Segelt für die arme jüdische weibliche -Jugend werde. M. HainvrN'g, 20. Oktober.- Herr Louis Wolfs, langjähriges Vorstandsmitglied der - Deutsch-Israelitischen Gemeinde, ist im 79. Lebensjahre ans dem Leben geschieden. Der Verstorbene, Seniorchef des bekannten gleichnamigen Bankhauses, Itm; seit mehreren Jahrzehnten in der Verwaltung der Gemeinde thätig. Garlz hervorragende Verdienste eewarb er.sich als Vorsteher des Armenköllegimns, die Aruien und Bedürftigen fanden in seiner Person stets einen wärmen Befürworter, der auch ans eigenen Mitteln reichlich spendete. Die Beerdigung fand unter großer Betheilrgnng statt, im Trauer-Hause hatterr sich außer der Familie und den zahlreichen Freunden der Gemeindevorstand vollzählig eingefnnden. Die Repräsentanten und die übrigen GeMeindeinstitutionen waren durch Delegierte vertreten. Die Trauerrede hielt Herr Oberrabbiner M. Hirsch, auch lvurden vor: Vertretern der Gemeinde rmd der übrigeil Institutionen, bereit Verwaltung der Verstorbene angehörte, noch Gedenkreden gehalten. © Kassel, 24. Oktober. Am 19. d.M.fand im Israelitischen Seminar zu Kassel die zweite (praktische) Volksschullehrerprüfnng statt. Den Vorsitz führte Herr Provinzialschnlrath Dr. Otto. An der Prüfung nahmen ferner Theit der Vertreter der königlichen Regierung, Herr Geheimer Regiernngsrath Sternkopf sowie Herr Landrabbiner Dr. Prager. 5 Lehrer: Plaut-Gilserberg bei Treysa, Adler- Hemmendorf (Hannover), B u x b a u ni - Beverungen (Westfalen), Strauß- Mansbach. Regierungsbezirk Kassel, R o s e n b a u m - Anröchte, Regierungsbezirk Arnsberg, bestanden und erhielten damit das Anrecht auf definitive Anstellung. Es dürste die Leser Ihrer Zeitung, besonders die Lehrer, interessiren. welche Themen in der schriftlichen Prüfung behandelt lvurden: „Wie erweckt und erhält der Lehrer die Aufmerksamkeit"; „Lebensbild Jakobs"; „Die erste Geographiestunde"; „Psalm 91". In der mündlichen Prüfung lvurden unter anderem folgende Fragen beantwortet: a) Pädagogik: „Das Dessauer Philanthropin"; „Wie entwickeln Sie die Regeln „ig" und „lich", „das" und „daß"; „Ordnung beim Schönschreiben"; „Nach welcher Methode unterrichten Sie im ^Leseunterricht, und welche Vorzüge hat diese Methode vor den übrigen Leselehrmethoden?" „Basedow"; „In welchen Unterrichtsgegenständen unterrichten Sie Ober- und Mittelstufe getrennt nlld warum?"; „Salymann"; „Comenins". — „Welchen Verlauf nimmt eine Geschichtsstnnde, und wie bereiten Sie sich auf dieselbe vor?"; „Die Anschaulichkeit des Geschichtsunterrichts"; „Charakterbild Rudolfs von Habsburg"; „Das Ritterthnm"; „Heinrich IV."; „Heinrich I."; „Charakteristik Elias"; „Ahab und Friedrich der Große"; „Das goldene Kalb" (Oberstnse); „Der Zweck des Religionsunterrichts"; „Elias Flucht vor Jsebel"; „Welche Pflichten entwickeln Sie aus dem ersten Gebot?"; „Der erste Sündensall"; „Eli"; „Die Geonim". —„Einführung in die Zinsrechnung"; „Die Anschauungsmittel im Rechenunterricht"; „Die Scheitelwinkel". — „Der Unterricht in der Heimathskunde"; „Rhein und Rhone" (Ein Vergleich); „Allgemeine Bestimmungen". — „Was bieten Sie Ihren Kindern aus der Botanik dar?" „Was aus der Physik?"; „Wie veranschaulichen Sie den Druck der Lust?"; „Die Säugpumpe"; „Die Feuerspritze"; „Die Dampfmaschine"; „Das Thermometer". — „Welche Lieder übten Sie zur Goethe-Feier?"; „Lieder für die Oberstufe"; „Welche Untershsteme wenden Sie au?" —Lehrproben waren: „Die Pflichten gegen den Landesvater"; „Davids Großmnth gegen Saul"; „Die Auswanderer"; „Mnltiplikation eines Bruches mit einer ganzen Zahl"; „Friedrich Barbarossa und sein Kampf mit Heinrich dem Löwen"; „Das Königreich Sachsen"; „Der Hase" (Oberstufe). Die Herren Regierungskommisfare griffen wiederholt ein und prüften die Kenntnisse der Kandidaten. — Ans der Geschichte der hiesigen Anstalt dürften noch weitere Kreise erfahren: Das Seminar wurde am 1. Oktober 1810 durch das „königlich lvestfälische Kouststorinm der Israeliten" begründet, während dieUebungsschnle schon am 15. August 1809 eingeweiht worden war. Eine Angabe (in Zeitschr. f. Hess. Geschichte 1893, Seite 12) giebt die Anzahl der Schüler auf 96 und die der Lehrer auf' 8 an. Die Zahl der Seminaristen läßt sich nicht mehr feststellen. Mit dem Verschwinden des Königreichs Westfalen gerieth das Seminar in Verfall, scheint indeß. wenn man auf verschiedene Anzeichen Werth legen darf, nicht völlig eingegangen zu' sein, bis endlich Ende Oktober 1824 durch Beschluß des hessischen Ministeriums eine eigene israelitische öffentliche Schulanstalt, die zugleich mit einem