Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63. Jahrgang. Nr. 44. Eerlm. ». «ovember 1899. Werkcrge zur „Mtgemeinen Jertung öes Iuöenkhums". Korrespondenzen und Nachrichten. , Nrntschla«-. . 52 Berlin, 29. Oktober. Anschließend an frühere Mittheilungen, betreffend die Arbeiten der „Kommission z ur B ekä mpf u n cj dev Wanderbettelei", sind wir heute in der Loge, über wichtige Fortschritte zn berichten. Es ist gelungen, die von Herrn Obevamtmcimi Ludwig I. Meyer an die schenkungsweise Ueberlassnng eines Terrains von ca. 5 Morgen in Weißensee bei Berlin geknüpfte Bedingung: daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die Mittel zur Errichtung der nöthigen Baulichkeiten und Betriebsmaschinen beschaffe, zu erfüllen. In einer der höchsten Anerkennung und des lebhaftesten Dankes würdigen Weise hat der Verwaltnngsrath der Jewish Colonisatwn Association (Baron Hirsch'sche Stiftung) dem Gesuche der vorerwähnten Kommission entsprochen und dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde hnndertfünfzigtauseild Mark zum Ban und zur Einrichtung zur Verfügung gestellt. In seiner Sitzung vom 24. d. Mts. hat der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes beschlossen: ,;Der Deutsch- Israelitische Gemeindebund erklärt sich im Prinzip bereit, mitznwirken zur Errichtung der Arbeiterkolonie für jüdische Vaganten, indem er als Erwerber des Ludwig I. Meyersichen Grundstücks in Weihensee bei Berlin und als Empfänger des von der I. C. A. zugesagten Darlehns anstritt." Zur schnellen Erledigung der an den Meyersicheu Schenkungsakt sich anknüpfenden Rechtshandlungen wurden die Herren Assessor Dr. Apt, Justizrath Dr. Apolant, Jnstizrath Herruann Stern 1. und Rechtsanwalt und Notar Timendorser der Kommission zur Bekämpfung der Wanderbettelei zugewählt, und es steht zu hoffen, dah die rechtlichen Formalitäten ohne allzu große Schwierigkeiten und in kurzer Zeit erledigt sein werden. Inzwischen nehmen die auf Verbesserung der Organisation, in der Armenpflege gerichteten Bestrebungen ihren Fortgang, und es ist mit großer Freude zu begrüßen, daß am 22. Oktober d. Z. in Frankfurt a. M. unter großer Betheiligung wichtiger Gemeinden ein „Südwestdentscher Verband israelitischer Hilfsvereine" begründet wurde, in dessen Statuten die Beschlüsse der „Kommission zur Bekämpfung der Wanderbettelei", wie sie in den Mittheilungen Nr.^51 vom „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" veröffentlicht sind, als Richtung gebend, zum Ausdruck kommen. Diese Statuten sind geeignet, bei der für die Provinzial- und Bezirksverbände geplanten ähnlichen Organisation zum Muster zn dienen, und es ist nicht zn viel gesagt, wenn der verdienstvolle Vorsitzende des „Israelitischen Hilssvereins" in Frankfurt a. M. und Einbernfer der konstituirenden Versammlung, Herr Charles Hallgarten, betonte, daß der neue Verband . das Fundament bilden werde, für welches die in Berlin geplante und zum Theil schon durchgeführte Centralisirung der Oberbau sein wird. Zum Schluß sei noch hervorgehoben, daß die von der „Kommission zur Bekämpfung der Wanderbettelei" als nothwendig erachtete Einrichtung fernerer Büreaus für Arbeitsnachweis gleichfalls fortschreitet, und daß in nächster Zeit solche Büreaus in Hamburg und Posen eröffnet werden sollen. 22 Berlin, 30. Oktober. Der Direktor der Samsonschule zu Wolfenbüttel, Professor Dr. Tachau, hat sich auf Ersuchen des Vorsitzenden der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner" in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, in der Vereinigung über den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten zu sprechen. Herr Professor Tachau hat durch seine pädagogischeu Schriften, namentlich über die prophetischen Bücher, sodann durch sein jüngst erschienenes,, Biblisches Lesebuch" die Aufmerksamkeit der pädagogischen Kreise auf sich gezogen; seinen Ausführungen wird deshalb mit begreiflicher Erwartung eutgegengesehen. Zu dem Vortrag, der auf den 23. Dezember festgesetzt ist, werden die Mitglieder des Verbandsvorstandes der jüdischen Lehrervereine, die um diese Zeit hier zu einer Berathung versammelt sein werden, wie der Verein ehemaliger Samsonschüler Einladungen erhalten, auch wird weiteren Gästen der Zutritt gern gestattet sein. 522 Berlin, 31. Oktober. Die Brandenbn rgische P r o - vinzialshnode hat sich in ihrer letzten Sitzung mit folgendem Antrag des Pred. Burkhardt beschäftigt: „In der Sitzung der Berliner Stadtverordnetenversammlung vom 26. d. M. hat der Stadtverordnete Dr. Preuß das.Kirchenlied „Befiehl du deine Wege" und den Bibelspruch „Der Herr hat's gegeben" rc. travestirt. Die Provinzialshnode spricht hierüber ihre lebhafte Entrüstung aus und bedauert tief, daß diese alle Christen verletzenden Aeußernngen durch den Vorsitzenden der Versanunlung die gebührende Zurückweisung nicht gesunden haben." Es handelt sich bei diesem Antrag um die Rede, die Stadtv. Dr. Preuß in der Debatte über die jüdischen Gemeindelehrerinnen gehalten hat. Dr. Preuß besprach das Protokoll, das zur Regelung dieser Angelegenheit zwischen den Vertretern des Provinzial-Schnlkollegimns und des Magistrats ausgenommen worden ist, und bemerkte hierzu: „Ans dem ganzen Charakter des Protokolls spreche eine Stimmung, die sich etwa durch folgende friedliche Choralmelodie ausdrücken lasse: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertrensten Pflege des Magistrats, der lenkt." Ferner sagte Dr. Preuß an einer anderen Stelle, heute könne jeden Tag der paritätische Charakter der Schule umgeworfen werden, so daß man sagen könne: „Der Herr Minister hat's gegeben, der Herr Minister hcEs genommen, der Name des Herrn Ministers sei gelobt." In der Debatte bemerkte der Berichterstatter u. a.: „Stadtv. Dr. Preuß ist Jude. (Hört!) Das ändert aber an der Sache nichts. Wir können verlangen, daß auch die Juden in öffentlichen Versammlungen Dinge, die den Christen heilig sind, respektiren; »vie auch wir es weit von uns abweisen, jüdische Kultuseinrichtnngen mit Spott zu begießen." (Lebh. Zustimmung.) Schließlich wurde der Antrag angenommen nach Abänderung des Wortes „travestirte" in „gemißbraucht". Wir freuen uns, daß die verehrliche Synode beschlossen hat, den Spott über die jüdische Religion weit von sich abznweisen. Bis jetzt hat sie in der Sache noch nichts gethan, und wir meinen, daß sie vielmehr Grund gehabt hätte, gegen die antisemitischen Wodansanbeter sich zn erklären, die die ehrwürdigen Gestalten der Erzväter in so unfläthiger Weise geschmäht haben. Das ist aber nicht geschehen. Was nun das letztgetadelte Citat anlangt, so stammt es aus dem Buche Hiob I, 21, also aus dem „Alten Testament", und »vir möchten die geistlichen Herren bitten, die Sorge dafür, daß dieses heilige Buch nicht von Jude»» travestirt oder gemißbraucht »verde, doch uns selbst zu überlassen. Was den a»»deren Theil des Antrages betrifft, so können wir allerdings bei biefem Anlasse nur immer wieder unsere Glaubensgenossen ermahnen. in öffentlichen Rede»r und Schriften doch ja in diesem Punkte die größte Vorsicht walten zu lassen u»»d vor jedem, auch dem harmlosesten Scherz, der mit religiösen Fragen zusannnenhängt, sich streng in Acht zu nehmen. Eine Eihaut des Zartgefühls liegt über den religiösen Dingen. Man muß sie schonen. 52 Berlin, 29. Oktober. Ein weltberühmter Gast hat am vorigen Sonntag in der Reichshauptstadt geweilt, und die »neisten Berliner haben von ihm gar nichts gesehen; der August in er pater Pius Mortara, der gegenwärtig einem Krakauer Kloster angehört und ans einer Rundreise durch Deutschland begriffen ist, um Almosen zn sammeln siir die Klöster seines Ordens in England, die dort eifrig an der Bekehrung der protestantischen Hochkirchler arbeiten. Mortara erschien, »vie die „Germania" berichtet, in der Sitzung des katholischen Gesellenvereins, wo er von dem Präses, Kuratus Sch»varz, mit einigen über seine Berühmtheit orientirende»» Worten ei»»gesührt und vorgestellt i wurde. Pater Mortara hielt dann selbst einen Vortrag über England und die dortigen kirchlichen Zustände und knüpfte an de»» Vortrag einige Mittheilungen über seine Person und Geschichte. Die „Germania" berichtet: „Von jüdischen Eltern 1852 in Bologna geboren, wurde der kleine Mortara durch eine christliche Diettstmagd, da er in den letzten Zügen zn liegen schien, getauft. Wider Erwarten genas er aber und wurde bis zu seinem sechsten Lebensjahre in der jüdischen Religion erzogen. Durch einen Zufall kam dieRothtaufe zu Ohren verschiedener