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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-03 · Heft 44 (3.11.1899) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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nun ist er uiligekonnuen, ist er erschlagen! O, Gott meiner Väter und mein Gott!" — „Wie nennt man Dich, armes Kind?" „Ich heiße Mirjam!" entgegnet« das Mädchen. „O, Herr, laßt mich wieder zurück zu meinem Vater, damit ich bei ihm sterbe!" Noch mehr gerührt von diesem Jammer, redete ihr Luitzi zu: „Wenn es Dir nicht zuwider ist, in diese Kirche einzutreten, so will ich wieder in das Ghetto znrückkehren und für Deines Vaters Leiche und dann für Dich sorgen." — Mit diesen oder ähnlichen Worten gingen sie die Stufe«: hinauf und träte«: in die Kirche ein. Dort brennt immer die ewige Lampe vor den, Altar. Die Seilerinuung «nuß das Oel dazu geben. Deshalb rvar es ein «venig hell in der Kirche; nur Altäre und Bilder, sonst «var nichts darinnen als die Beiden. Luigi führte die Jüdin zu dem Altar, und hieß sie dort sich niedersetzen. Das «var eine große Sünde, die er auf der heiligen Treppe bei' dem Laterans gewiß abknien «nüßte. — Dort bei dein Altar soll die Jüdin den Marchese mit ihre«« großen schwarzen Augen so plötzlich allgesehen haben, daß er seitdem in Liebe zu ihr entbrennen ««rußte. Was die Leute oft für «vuuderliche Augen haben! Hundeaugen, Pferdeaugen, Katzenaugen, Fischauge«« Hühneraugen, nur keine Krebsaugen, denn die Krebse haben ihre Augen, wie hungrige Le««te, im Magen; Neunaugen sind die besten, Hexenaugeu die schlimmsten; die Jüdin aber hatte kohlschwarze Augen, mit welchen sie Einern die Liebe anthun konnte. Sieht Euch eine solche hübsche Hexe mit ihren bezaubernden Augen an, so fahrt nur gleich mit dem Damnen zwisrhen den Zeige- und Mittelfinger, das hilft gegen den Liebeszauber. Aber meine Jüdin, die ich beim Altar gelassen habe, wickelte sich in ihre Tücher, setzte sich au« Altar nieder und blieb allein, «vährend der arme Luigi wie ein angeschossener Hirsch von Straße zu Straße lief. Nach einer halben oder «neinetwegen einer ganzen Stunde kam er zu seiner Jüdin zurück und brachte ihr die Nachricht, daß die Leiche ihres Vaters schon auf der«: Judenkirchhofe begraben sei. Bei dieser Botschaft soll Mirjam mit der Stirn so heftig gegen die Marinorplatte des Altars geschlagen sein, daß inan heute noch davon den Eindruck sieht. Das ist aber nicht «vahr, es «nüßte denn ein Mirakel sein; Luigi aber hatte große Noth, die schötre Mirjam einigerinaßen zu beruhigen. „Ein braver Mann hat seine Plage mit den »virbelköpftgen Weibern. Ihr solltet meinePeppina kennen, die hätte es noch viel ärger gernacht; derin «vie Luigi die Jüdin zu seiner Mutter brachte, soll sie schon ganz sittsam vor ihr einen Fußfall gethan, ihr den Saum des Kleides geküßt und sehr rührend also gesprochenhaben: „Großmüthige Marchesa, edelinüthige, erhabene Patronin, Ihr düucht «nir barruherzig zrr sein «vie die Sonne, «velche über die Katholiken so gut scheint «vie über die Juden, Türke«« «rnd Heiden; u««d so flehe ich auch zu Euch: senkt auf mich den Strahl Eurer Gnade, und erquickt mich mit Eurer Huld!" Mit diesen Worten nahm der alte bombastische Erzähler eine Prise Schuupftaback «nrd sagte: „Hat sie nicht so gesprochen, so ist doch «venigstens gewiß, daß die Marchesa zu ihr sagte: „Du sollst eine Christin «verden, und Saverio, der frornme Mönch, soll dich im Christenthrnn unterrichten; denn sollst fährt Deine Seele in die Hölle hinein! Jetzt aber gehe dort in die Kaininer und schlafe aus." „Seitdenr blieb die schöne Jüdin bei der Marchesa und wurde Vormittags vom Bruder Saverio, «velcher ein Jugendfreund des Marchese und von vornehmer Familie «var, und Nachn«ittags von der Marchesa selbst im Christenthnm unterrichtet, so daß Mirjam bald damit Bescheid wußte, fast so gut «vie die heilige Jungfrau selber. Nun hätte Luigi zwar auch gern der Jüdin vom Christenthnm gepredigt, aber seine Mutter soll ihn« immer im Wege gelvesen sein. Als aber die Marchesa merkte, «vie Luigi dennoch um die Jüdin i«««mer herum «var wie die Nabe um die Achse, da legte sie den Finger an die Nase und kan« de««n allmälig auf den Gedanken, daß ein junger vornehiner Herr sich ein «venig ii« der Welt umsehe««, in fremden Städten «vas ausgehen lassen und sich überhaupt wie ein Edelmann betragen lernen müsse. Durch Vermittelung ihres Beichtvaters wußte sie es bald dahin zu bringen, daß Luigi von der päpstlichen Kurie mit einer nothlvendigen und ehrenvollen Sendung nach Sizilien beauftragt wurde. — Mit trüben und verdrießlichen Mienen nahm der Marchese Abschied, da ihm die Liebe ans dein Nacken heru«i«hantirte «vie ein Affe in« rothen Jäckchen auf einem brummige» Bären. Da er aber die päpstliche Pfeife hörte, so mußte er freilich danach tar«zen. Seine Mutter sagte ihm aber bei dem Abschied: „Luigi, bei allein, «vaS Du thust, vergiß nicht, daß Du eir« Marchese bist; habe die goldene Tabatiere imrner in der Hand, denn sie steht gut zu den «veißen Manschetten! Willst Du bei den Weibern Eroberung ««rächen, so fange bei den alte«« an; die jungen zickelr« voi« selbst hinterdrein! Und da hast D«« auch Deine Pillen, die immer bei verdorbeilem Magen Dir geholfen haben!" Hier erstickten Thränen ihre Stiulirie. Er drückte seine Mutter an die Brust und sah in die Höhe, «vo ein weißes Tuch zu dem Fenster herausivehte. Dort «var die schöne Mirjam. Mit «veinenden Augen warf er ihr noch einen Kuß zu; dann aber stieg er in den Wagen und fuhr um die Ecke, herum. „Drei Monate lang hatte er schon bei dem Vizekönig in Sizilien seine Geschäfte getrieben, aber immer, «venn eine Schlvierigkeit besiegt war, lag ein anderer Stein in« Wege; beim man sagt, das Geschäft «väre nur ein Vorwand gelvesen, Luigi von Rom entfernt zu halten. Da stak er nun wie ein Vogel im Käfig; er mochte singen, wie er «vollte, er kam doch nicht fort. Dahei befand er sich so unwohl, daß er sich eine Schachtel Pillen um die andere aus Rom kommen ließ und doch immer krank blieb, da er auf den Magen los kurirte, und die Krankheit doch »veiter links saß! Hätte er inich gefragt und das Mittel gegen den bösen Blick gebraucht, so «väre er gewiß gesund geworden. Wie er nun so in nichts äls Mißmuth und Krankheit in Palermo sich herumwickelte; hatte endlich ein Hofmann Mitleid mit ihm und sagte: „Ei nun, Exzellenz, wer hält Euch denn hier auf? Euer Geschäft hat sich nun seit dreihundert Jahren bis auf diesen Tag hergenullt und rvird sich bis an das Ende der Welt fortnullen. Dieses Geschäft «st nichts als ein gelindes Mittel, «velches unsere Höfe bei jungen Hitzköpfen gebrauchen, die man nicht geradezu ausgeben «vill. Aber, Freund, «venu Ihr niich verrathet, so war ich ein Narr und werde unglücklich!" Luigi versprach elvige Verschwiegenheit und flog von Palermo hinweg «vie eine Kugel aus der Büchse — anhaltender Krankheit wegen. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Mar Bauchwitz in Berlin.

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