Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228356--55903-3292149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S2S Widerhall und ließ auf das weibliche Geschlecht überhaupt einen freundlichen Solnlerzstrahl fallen. Und wahrlich. Niemand mehr als Chasda war berechtigt, dieses Wort der Erlösung in die Welt hinauszurufen, der neben seinem menschenfreundlichen Wesen zugleich einer der glücklichsten MenschM wurde, seitdem ihm eine Tochter als erstes seiner Kinder geboren war.*) Mit gleichem Wohlwollen, wie in beit ersten Tagen, begleitet der Talmud die junge Weltbürgerin in deir erstsn Jahren ihres Lebensganges, indem er sich von der Mißgunst lvssagt, mit welcher eine fremde Gesetzgebung diese behandelt. * Es kann nach der Gesetzgebung der Griechen imb Römer, die eine Verpflichtung des Vaters zur Ernährung der Tochter nicht anerkennt, wenig befremden, daß auch die talmudischen Bestimmungen anfänglich dieser Ansicht zuueigten.2) Aber wie solche Härte niemals in Israel geübt wurde, so erhob sich der Talmud gar bald zirr vollen Freiheit des Urtheils und bestinnnte (in der Akademie zll Uscha) mit dem ihm ureigenen Rechtsgefühl, daß dem Vater die gesetzliche Pflicht obliege, für ben Unterhalt seiner Kinder, der Söhne wie der Töchter, bis zu deren sechstem Lebensjahre zu sorgen?) Von da ab bis 31t deren Selbständigkeit machen Gefühl und Anstand ihm dies zur Pflicht. Was will es sageil, wenn demnach im Laufe der Jahrhunderte ein- oder ein andermal ein roher Vater skch Her- Sorge für sein Kind entschlug? Kommen doch solche Fälle auch noch in unseren Tagen vor! Weit bedeutsamer ist es, zu erfahren, daß darin das talmudische Gesetz, irr festen Farmen gegrüridet, mit voller Kraft und Schärfe sich geltend machte, und den Raberrvater, wie es ihn nannte, mit schwerer Geldstrafe belegte. 4) -- ' Ulrdlwährend so der Talmud dem weiblichen Geschlechte auf eleurentarem Grund und Boden zu Hilfe kam, sollte er es auf dein vornehmeren Gebiete, im Bereiche des Geistes und der Erkenntniß, irr der Frage des Unterrichts und der Bildung, haben fehlen lassen? Sollte er nicht bedacht sein, die Tochter nach Maßgabe ihrer Kräfte und Fähigkeiten zrr fördern irr der: Bahnen des Wissens und Könnens und vörznbitden für die Zeit, da sie als Gattin mit dem erwählten Manne ein harmonisches Zusammenleben zu führen beruferr wäre? Und doch lautet eirr talmudischer Lehrsatz: „Wer seine'Tochter in der Wissenschaft des Glaubens unterrichtet, d. h. mit der Geschichte seiner Entwickelung und mit der profanen Bildung, die dazu gehört, bekannt uracht, der lehrt sie Abfall vom Glauben; eher möge das ganze Glaubensgesetz nntergehen, als daß es der Frau zrlgänglich gemacht werde."5) Welche Veränderung im Kulturleben des jüdischen Stammes, welcher Umschwung der geistigen Anschauung nluß sich seit dem babylonischen Exil vollzogen haben, wenn ein derartiges Verbot erlassen oder auch nur in Erwägung gezogen werden konnte, das den ursprünglicheil Charakter Israels geradezu verleugnete und dem gesaulluteu Bildmlgsstronl, der seit ben frühesten Jahrhunderten in wunderbarer Frische und Klarheit sich ergoß, feine Quellen .zum großen Theil abzugraben geeignet war! Schon das mosaische Gesetz6) beruft das weibliche Geschlecht zur Theilnahme an der Gemeinschaft Israels, wenll dieses je im siebenten Jahre zur Anhörung des Gotteswortes versamh Sabbath 140 d, Moed Katon 28a. *) Ketnb. 49 a. ’*)■&c\l 49 b und 65 b, E. Eser 8 71. 4> Ketub. 49 d. •) Sotcch 20 a, Mainivu. Tatiu. Thora I, 13; Ior. Deal) § 246, 6. <) Deuteron. 31, 12. melt ist, und der Talmild y bernerkt dazrr: „Die Männer sind zum Forschen im Gesetz beruferr, die Frauen zunr Empfinden der heiligen Wahrheiten, welche Geist und Herz veredeln." (Forts, folgt.) Eine neue französische OUrelükersetzung. Vo» O Nenschotz de Jassy. nter der ebenso klugen als gewissenhaften und gründlichen Leitung des Großrabbiners von Frankreich, Herrn Zadoc Kahn, haben die Mitglieder des französischen Nabbinats eine Neuübersetzung der Bibel vorgenommen, deren erster Theil, den Pentateuch und die Propheten enthaltend, soeben erschienen ist und einen 486 Seiten starken Band in Oktav bildet^). — Den Uebersetzern mag der zweifache Zweck vorgeschwebt haben, einestheils einem wirklich längst¬ und tiefgefühlten Bedürfuiß abzuhelfen, den Angehörigen der jüdischen Gemeinde und den ihr Fernstehenden endlich eine nicht über das Maß hinausreichende, viele und volle Bände enthaltende Bibel zugänglich zu machen, andererseits aber mit dem leicht handlichen Buche einjedem Stande zugängliches Format zu bieten. Beides ist somit glücklich realisirt und damit einem Nebelstand abgeholfen, der bis nun unsere hjerländischen, des Hebräischen größtentheils unkundige» Glaubensgenossen allen anderen Konfessionen hintenangestellt hatte. Der Katholik hat, Gott weiß, wie viele Evangelienbücher, die Osterwaldische Protestantenbibel ist in aller Gläubigen und Ungläubigen Hände — hon den Missioiisbibeln gar nicht zu sprechen. Für die Angehörigen der jüdischen Gemeinden Frankreichs war nichts, absolut nichts gethan, und die diesbezügliche Indolenz der Konsistorialräthe ist geradezu unfaßbar. Was Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die meisten jüdischen Familien zu den Missionsausgaben griffen, die bekanntlich von tendenziösen Wohl , ist es wahr, daß von 1830 ab Herr Samuel Cahen, der vorzügliche Hebraist und Herausgeber der „Archives Jsraelites", eine Bibelausgabe vvrnahm. Aber das Louis Philipp gewidmete, fast sensationelle Unternehmen war monumental. Achtzehn Bände, Text, Justaposition und Aunotirungen enthaltend, konnten schwerlich dem großen Publikum zugänglich gemacht werden. Auch der fünf Bände starke Pentateuch des verewigten L. Wogue vermochte nicht in die breiten Massen zu dringen. Um so größer ist das Verdienst des französischen Rabbinats, und die-neue, zwei Bände fassende Bibelübersetzung dürfte nicht nur Denjenigen willkommen sein, die, wie Herr Zadoc Kahn in seiner knappe», aber vortrefflichen Einleitung meint, „in der Bibel religiöse und moralische Inspiration suchen", sondern auch den, profanen Litteraturfreund, der dichterische Schönheit in einer dem Texte würdigen Uebersetzung sucht. Und in der That, die neuen Interpreten der Heiligen Schrift sind weit davon entfernt, eine lexikographische Arbeit geliefert zu haben. Ueberall weht der Duft ursprünglicher Frischeüberall ist die antike Plastik des Ausdrucks) überall der Reiz naiver Empfindung getreu ivieder- -) Chagigah 3 a, Thossapht. Sotah 7. -) La Bibie. Traduite du texte original par les membres du rabbiuat fran?ais sous la direction de M, Zadoc Kahn, grand labbin. Tome I. (Pentatetique. Premiers propltetes). Paris. A. Durlacher, librnire editeiir. 1899.