Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
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SsS Blättern das Geisteswehen Israels durch zahlreiche Generationen, das Kulturleben des jüdischen Stammes während eines Jahrtausends in seinem Wechsel und Wandel beschreibt. Unparteiisch vertheilt er Licht Und Schatten in seiner Schilderung des Frauenlehens und belehrt uns, daß das jüdische Alterthum, dem Geist der Liebe und Humanität entsprechend, wie er durch das Gesetz vom Sinai zuerst in die Welt trat, der Frau eine würdige, geachtete Stellung anwirs und diese schützte, oft im Gegensätze zu dem nachtheiligen Einflüsse der heidnischen Völker. Es ist eine ziemlich verbreitete Ansicht, daß von jeher die Frau zu einer an Sklaverei grenzenden Unterwürfigkeit verurtheilt gewesen und daher ungebildet geblieben sei. Man hat sich darin gefallen, ganz besonders die jüdische Frau und das weibliche Geschlecht im alten Israel überhaupt unter diesen Gesichtspunkt zu stellen. Allein läßt sich solches Bild wirklich in den Rahmen fassen, welchen das Gesetz mit ursprünglicher Kraft und Unmittelbarkeit geschaffen hat? Gewährt die Beleuchtung, welche die jüdische Lehre darüber ergießt, an irgend einer Stelle ein Recht zu solcher Auffassung? Sehen wir davon ab, daß das ehelich« Berhältniß der Gatten zu einander schon durch die ersten Zeilen der Heiligen Schrift in ewig mustergiltiger Weise geregelt ist, so eröffnet doch das Schriftwort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott", den weitesten Gesichtskreis für die entgegengesetzte Auffassung. Dieses Wort von Liebe, dessen geheime. Kraft im Leben so vieler Menschen den Anfang zu einer inneren Umkehr bewirkt hat, zieht sich wie ein rother Faden durch das ganze Leben Israels und hat in dem durch die Verkündigung des Gotteswortes gegründeten Reich Gottes auf Erden Jedem die Zugehörigkeit zu demselben angeeignet, so daß nicht mehr die Frage war, ob Knecht oder Freier, ob Mann oder Frau, sondern „Kinder seid ihr alle dem Ewigen, eurem Gotte". Durch diese Gleichberechtigung gewann die Frau die Würde der freien Persönlichkeit und den Anspruch auf Achtung derselben. Dem ethischen Begriff der andereil Völker hatte die Diktion des göttlichen Willens gefehlt. Darum blieben sie mit der Willkür des.natürlichen Bewußtseins behaftet, und die sittliche Freiheit und das Recht der Persönlichkeit hat keine Stelle darin. DaS Judenthum aber hat diese überall zu Ehren gebracht, in den Frauen, den Knechten, den Killdern. Liebe zu Gott kannte die griechische uild römische Welt nicht, wohl aber Furcht und heilige Scheu, vor den Göttern. Ein Blick aber auf die Liebe zn Gott, wie sie aus den Blättern der jüdischeil Lehre zum ersten Mal vorkömmt, lehrt, daß sich durch sie der Strom der Weltgeschichte ein neues Bett grub, und die Frauen empfanden, daß Freiheit nur dann ein wahres Gut und eine Tugend sei, wenn sie sich zur Liebe verklärt. Sie verstanden es, daß Gott dienen Freiheit ist. Das war die Emanzipation, diedasJudenthuin denFranen brachte, und zugleich mit ihrer das Ganze derMenschheit umfassendenBestimmung ertheilte daher die jüdische Lehre das Vermögen, der Familie eine Weihe l»nd dem Leben derselben eine Kraft und Wirksamkeit zn geben, die sie zn keiner anderen Zeit bei anderen Völkern gehabkhat. Der Talmud nun, der Mit der ihm eigenen Sorgfalt aus allen Zeiten und Orten sein Material zusainmentrNg, ^tzhe er ein Gesetz niederschrieb, einen Grundsatz anfstellte, fand für seine Anschauung und Lehre von den Frauen eine ergiebige Quelle und reiche Ausbeute zunächst in den geheiligten Urkunden, die ihm Vorlagen, in der mosaischen Lehre, in beu prophetischen' Büchern, im Hohenlied, in den Spruchgedichten, im Sirach, die aMsammt mit sicheren Zügen die Empfindungen und Neigungen der Frau, ihre Tugenden und Schwächen zu zeichnen verstanden. Aber wie er so oft fremden Elementen, insoweit diese nicht das innerste Wesen des jüdischen Gottglaubens berühren. Räum in seiner Lehre gestattete, so entnahm er auch aus dem Kultur- und Sittenleben der Völker, in deren Mitte Israel wohnte, oder von denen es umgeben war, seine Bausteine zur Herstellung des Lehrgebäudes betreffs der Frauen und verwob seine Schätzung und Beurtheilung der Frauen mit den Lehrmeinungen der Philosophen und Bestimniungen der Gesetzgeber, die bei jenen Völkern anerkannt waren. Und so gerieth der Talmud mehr als einmal in die Lage, seine nach. der ganzen Natur der jüdischen Religion ihm eigene humane Auffassung von der Stellung der Frau zweifelhaft erscheinen zu lassen, bis diese zuletzt immer wieder mit urkräftiger Gewalt zum Durchbruch kam, und den Frauen im Talmud ein gütiger Genius sich zugesellte,. der sie auf ihrem ganzen Lebensgange, von der Wiege bis zum Grabe, geleitete. Auf diesem Wege nun wollen wir sie mit unserer Betrachtung begleiten. Schon der erste Gruß, mit dem die Tochter bei ihrem Eintritt in die Welt von ihren Eltern empfangen wurde, stand im Zeichen der Abwehr fremder Auffassung durch den Talmud. Wie die heutige Zeit, so kennt auch der Talmud die Glück- und Segenswünsche, welche bei der Geburt eines Kindes den Ettern von Anverwandten und Freunden dargebracht iverden. Allein wie mußten Elternliebe, Hoffnung und Freude, wie die Würdigung der empfangenen Gottesgabe bei Geburt einer Tochter getrübt werden, wenn nach den Berichten des Talmud') diese Gratulationen von geringschätziger Erwägung über den Werth der Tochter begleitet waren! Das waren eben Nachklänge aus dem Zusammenlebeu Israels mit dem griechischen Volke, in dem besonders zu Athen, der Metropole aller Wissenschaft, Bildung und Kunst, dem weiblichen Geschlechte frühzeitig der Stempel der Geringschätzung und der völligen Unterordnung aufgedrückt wurde. Hier, wo das weibliche Geschlecht durch mangelhafte Erziehung und Fernhalten aller Bildung im Hause wie in der Oeffentlichkeit, in Gesetz und Sitte niedergehalten wurde — wovon nur jene Spezies geistreicher Frauen ein Ausnahme machte, die unter dem Namen „Hetären" bekannt waren, — hier lag die Wurzel zu der abfälligen Anschauung von dem weiblichen Geschlecht, der wir im Talmud oft begegnen. Wie dieser jedoch dem Geiste der Zeit sich niemals grundsätzlich verschloß, wie er in ungezählten Fällen seine frühere Meinung fallen läßt und eine andere annimmt, so hat er auch in der vorliegenden Materie fein Wesen nicht verleugnet. Er hat in der Folgezeit, als unter der Herrschaft der Römer der Zeitgedanke ein freier wurde, und als im zweiten Jahrhundert durch das Verdienst der Stoa und der Akademie in den Institutionen des Hauses sich ein bemerkenswerther Fortschritt zeigte, der freieren Richtung sich angeschlossen und der humanen Auffassung, welcher er vermöge der Grundsätze der jüdischen Religion geneigt sein mußte, Geltung verschafft. Unter diesem Einfluß war es im dritten Jahrhundert Rab Chasda, der durch Lehre und Begründung den Bann brach, der bisher auf der Tochter in der Wiege ruhte. „Die Tochter als Erstgeborene bedeutet Glück und Segen," ruft er aus; „meine Töchter - er hatte deren zwei — beglücken mich mehr als meine Söhne." Sein Ausspruch fand lauten ') B. Bathra 16 b. Genes. Robb. Abschn. 26. Jalknt das. ") B. Bathra 141 a.