Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gesprochen geblieben wäre, so muß man den Mangel an klugem Sinn als Ursache dafür gelten lassen; was kann uns in jetziger Zeit gefährlicher werden als ein Akt der Unklugheit? Der Feind, der stets auf der Lauer sich befindet, braucht nur einen solchen wahrzunehmen, um seine Angriffe mit neuer Vehemenz gegffu uns z» richten. Wo in aller Welt ist es je vorgekommen, daß man dem Gegner die Wege und Schritte verräth, die man zu unternehmen im Begriffe steht, oder von den Wendungen Kenntniß giebt, die sich zu eigenen Gunsten vorbereiten? Das aber ist geschehen. Wozu die Proklamation, man werde in zweimal 24 StundenSensationelles inderPolnaaffäreerfahreu,vderdaßder Staatsanwalt von Kuttenberg nach Wien berufen worden sei, um sein Verhalten in der Verhandlung zu rechtfertigen? Konnte nicht mit apodiktischer Gewißheit angenommen werden, daß daraufhin die Bannerträger des Antisemitismus nichts unversucht lassen werden, um alles zu Hintertreiben, was die Wahrheit in dem Prozesse Hilsner an den Tag zu bringen geeignet erscheint. Für unsere Sache wäre es sicher von wesentlich größerem Vortheil und wirkungsvoller gewesen, wenn die Nachricht, daß nach der Verurtheilung des Hilsner der Verdacht gegen die eigene Mutter und den leiblichen Bruder der Ermordeten sich richtet, und demgemäß die Untersuchung gepflogen wird, sowie die Mittheilung von der Beurlaubung des Staatsanwalts Schneider-Swoboda spontan gekommen wären; sie hätten wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf die Autoren der Blutbeschuldigung gewirkt. Dadurch, daß von jüdischer Seite Andeutungen über das, was sich diesfalls vorbereitet, gemacht wurden, werden diese Vorgänge auf den Einfluß der Juden zurückgeführt und deren Effekt geradezu paralysirt, wie dies die von antisemitischer Seite ausgehenden Interpellationen und die Brandartikel in Verganis Schandblatt darthun. — Hätte es aber so kommen müssen, wenn in jenen Versammlungen mehr Takt beobachtet worden wäre? Man muß sich füglich wundern, daß nach der Rede des Dr. Güdemann es ein junger, kaum aus der Schulbank getretener Mann für nothwendig gefunden hat, sich hören zu lassen. Die alten Weisen haben in ihrer Spruchweisheit auch den Satz: „Einer nur kann die Herrschaft führen und nicht zwei." Im gegebenen Falle wäre sicher weniger mehr gewesen. Daß von staatsanwaltlicher Seite auf Grund des Einschreitens von Gregorig und Genossen eine Anklage wegen Beleidigung der katholischen Kirche gegen Dr. Güdemann erhoben werden wird, ist nicht glaubhaft. Abgesehen davon, daß schon der Doge von Venedig Pietro Mrunigs am 22. August 1475 das Gerücht von der Ermordung des Knaben Simon von Trient als eine listige Erfindung (ereckimus eommentum esse et artens) bezeichnet, ist seitdem diese Affäre mehrfach und mehrseitig Gegenstand neuerlicher Prüfung gewesen; welche Beleidigung der katholischen Kirche kann nun darin gelegen sein, wenn Dr. Güdemann gerade hierauf Bezug genommen hat? Es gehört nur die Tollwuth von Leuten vom Schlage Gregorigs rc. dazu, um daraus eine Anklage zu konstruiren. — Man kann es vielleicht bedauern, daß überhaupt mit Deckert in einen Wortkampf getreten wurde. Ebenso wenig wie sein Vorbild Rohling will er eines Besseren belehrt werden. Die Lüge ist sein Metier. Mit solchen Leuten zu kämpfen, ist immer eine mißliche Sache; ihnen ist weiß schwarz und schwarz weiß. Mit Unrecht wird behauptet, die Lüge habe kurze Beine. Die Lüge von Polna beweist das Gegentheil. In Holleschau, einer kleinen Stadt in Mähren, wurden amI21. und 22. d. M. unter ihrem Rufe wahrhafte Judenverfolgungen ins Werk gesetzt. Es mußte aus dem benachbarten Kremsier Militär requirirt werden, um die Ruhe herzustellen, nachdem bereits durch das Einschreiten der Gendarmerie Menschenleben zum Opfer gefallen waren. Wie Recht hatte der Staatsanwalt von Kleeborn, als er tit einer edlen Zornesaüfwallüng in der Gerichtsverhandlung Rousseau ausrief: „Schade, daß man Diejenigen nicht fassen kann, welche hinter derlei Szenen stehen!" Es wäre aber auch hoch an der Zeit, daß die Israelitische Alliance sich endlich ihres Berufes bewußt werden und Schritte gegen die Hetzer und Verhetzer unternehmen würde. Es wären Mannesworte nöthig, wie diejenigen waren, die die österreichischen Juden im Jahre 1849 in einer Denkschrift, verfaßt von den» Landesrabbiner Dr. S. R. Hirsch, an den Reichstag von Kremsier richteten: „Als Söhne des Volkes rufen wir den Abgeordneten im konstitutionellen Reichstage zu: Verrath begingetJhr, Verrath am Volke, Verrath an Eurer Sendung, Verrath an unseres Staates ganzer Zukunft, wenn Ihr nicht festhieltet am Grundprinzip der Gleichberechtigung aller Staatsbürger." Nutatis mutandis müßten so die Worte lauten, welche die Alliance an die Negierung und an die Abgeordneten in Sachen der. Blutlüge zu richten hätte. In der That, ein größerer Verrath könnte kaum an unserem Staat geübt: werden, als wenn man das Unkraut verhetzender Verleumdungen ungestört fortwuchern ließe und der Zügel- und Zuchtlosigkeit der Antisemitenbande keinen Einhalt thun würde. G.-Z. Die Frauen im Talmud. Von Rabbiner Dr- Tobias Coh». ill man di« Frauen beschreiben, so muß man die Feder in die Farben des Negenbogens tauchen und über das Papier den Staub der Schmetterlingsflügel gleiten lassen." So lautet ein Ausspruch des französischen Encyklopädisten Diderot, ein Ausspruch, dem, wie unfaßbar und wenig gegenständlich er auch erscheint, doch ein hohes Maß von Wahrheit einwohnt. Nicht als ob die Frau wie eine Lichterscheinung frei vou jeglichem Schatten am Himmel der Menschheit hinzöge, nicht als ob sie ihrer Natur nach keinen Theil an menschlichen Schwächen und Fehlern hätte; sondern »veil sie trotz derselben dennoch zu allen Zeiten mit magischer Gewalt und einem ihr von der Vorsehung verliehenen unnennbaren Zauber sonnenhaft zu wirken im Stande ist. Denn ein Hapch des Vornehmen und Edlen bildet das charakteristische Geleite der Frau, die veredelnd, erhebend und erziehend aus ihre Umgebung wirken soll und sich selbst am meisten erniedrigt, wenn sie ihrer Naturanlagen und Kräfte sich entäußert und ihrer großen Bestimmung untreu wird. Darum bedarf es zur Zeichnung der Frau großer Besonnenheit in der Wahl der Farbe, damit das Bild eine annähernd treue Wiedergabe des Originals werde, und vor allem muß sich selbst kelinen und prüfen auf den Höhen und in den Tiefen seines Denkens und Handelns, wer die Frau zu beschreiben sich zutraut. Von diesem Gefühle geleitet, unterziehe ich mich einer Besprechung der Frauen im Talmud, einer Beleuchtung des Urtheils, das der Talmnd über die Frauen fällt, der auf seinen