Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228356--55900-3292146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gesellschaft nni> Staat erkannte. -- Stöcker nnd)Konsyrten haben ihre Rolle ausgespielt. Anders in Oesterreich. guock lieel zovi non liest bovi. Was Bismarck wagen durfte, das zrr thun hätte Taaffe sich wohl überlegen sollen. Wie Jener gegen Lasker, Bamberger, L öwe, glaubte Dieser beu Antisemitismus gegen die jüdischen Wähler in den gemischtsprachigen Provinzen gebrauchen zu sollen, um sie von der liberalen Partei abwendig zu machen; aber nicht wie sein Vorbild mit einer Herkulesuatur ausgestattet, fehlte ihm die Kraft, der Hydra auf den Kopf zu treten, als er ihre Schrecknisse keimen zil lernen Gelegenheit fand. Und so prosperirt in Oesterreich der Antisemitismus ungehindert fort. Noch mehr. Maßgebeuderseits wird er als Faktor behandelt, dessen Bundesgenossenschaft gesucht wird, wenn mau glaubt, durch feilte Mithilfe zu den angestrebten reaktionären Zielen zu gelangen. Die in deu letzten Jahren in den Vertretungskörpern gefaßten legislatorischeit Bestimmnngen tragen feilte Signatur; im nieder-österreichischen Landtage wie im Wiener Gemeinderattze feiert er Orgien; seine Partisane und Propheten genießen die Immunität, selbst wenn ihre Neichsrathsimmdate sie ihnen nicht verleihen; der Ruf: „Psni Lueger!" genügt, um die ganze polizeiliche Hermandad gegen Diejenigen aufznbieten, welche diesen Ruf ausstvßen. Unter solchen Verhältnissen ist das Ende des Antisemitismus in Oesterreich nicht abzusehen. Und wie doch? Es wäre lächerlich, unsererseits in dieser Lage an Selbsthilfe auch nur zu denken. Wie denn auch? Die einzige Waffe, die uns — einer verschwindenden Minorität im Staate — allenfalls zur Verfügung stehen könnte, ist die der Gerechtigkeit unserer Sache. Aber diese Waffe ist, mehr als jede andere, im Arsenal der Vertheidigungsmittel stumpf geworden und prallt ab; von Hilfstruppen ist keine Rede. Die bis zum Blödsinn potenzirte Bornirtheit der Menge hat diese nicht blos unempfindlich gemacht für alles Leid und Weh, das der Antisemitismus über unsere Generation gebracht, sie bestimmt sie auch, ihm Heeresfolge zu leisten, Ist doch der Skandal sein Herold und „die Hetz", oder besser die Verhetzung, sein Metier-, tind was braucht es mehr, um seinem Kultus Altäre zu errichten?! . Auf diesem Wege ist demnach absolut nichts zu erreichen. Und doch befinden wir uns mit dem Antisemitismus im Kriege. Was geschieht aber in einem solchen, wenn man infolge der gesicherten Position des feindlichen Lagers es aufgeben muß, dasselbe anzngreisen? Man sucht seine Kampffähigkeit dadurch herabzumindern, wenn nicht gar brach zu legen, daß man jede Zufuhr an Waffen und Munition ihm abschneidet, So muß es dem Antisemitismus gegenüber, deffen Schutz- ,mauern nnübersteigbar sind, geschehen. Und da tritt die Nothwendigkeit ein, wie Eingangs dieses Artikels dargethan wurde eine Selhstprüfuug vorzunehmen. — In seiner Verlemndnngssucht ist der Antisemitismus erfinderisch in Verbrechenum auf Grund derselben Anklagen gegen die Juden erhebe;; zu können. Er schreckt in seiner unerhörten Bosheit nicht chavor zurück, unschuldige Menschen die fürchterlichsten Qualen erdulden zu lasten, wenn er glaubt, damit seine niedrigen Zwecke zu erreichen. Der Fall Dreyfns illustrirt dies in seiner ganzen Fürchterlichkeit. Wie erst, wenn ein Bekenner des Judenthums wirklich einen Fehltritt begeht! Mit einer peinlichen Genauigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, wird ein solcher verzeichnet und dafür allen Inden die Verantwortlichkeit aufgebürdet, als ob Alle für Einen haftbar wären. . ..Nichts ist also für die Bekenner des Judenthums so nothwendig, als thatsächlich jeden ihrer Schritte genau zu beobachten, daß fie nicht vom rechten Wege abirren. Ist dies aber doch der Fall — Menschen sind ja Irrungen unterworfen —, dann darf es Niemandem einfallen, sich derselben aus Rücksicht der Glanbensgenoffenschaft anzuuehmen und sie als unschuldige Männer hinzustellen. Von den Antisemiten ist oft genug der Vorwurf erhoben worden, daß der Jude, mag er ivelches Verbrechen immer begangen haben, unter seinen Religivnsbekennern doch Schütz und Fürsprache gegenüber seinen Anklägern finde. Dieser Vorwurf muß zum Schweigen gebracht werden. „Jeder büße seine Schuld." Man gehe sogar noch weiter. Derjenige, deffen Führung in der Gesellschaft berechtigterweise Anstoß erregt, sei von jeder Ehrenbezeugung ausgeschlossen, welche die Gemeinde in ihren synagogalen und Verwaltungseinrichtungen zu vergehen hat. Nicht, wie bei den alten Römern, wenn Jetttand zu viel Einfluß besaß, sondern wenn deffen Handel und Wandel zu Aergernissen Anlaß giebt, trete das Scherbengericht in Wirksamkeit. In dieser Weise wird die Selbstprüfung sich vielleicht als ein nicht unwesentliches Präservativmittel gegen den Antisemitismus erweisen. VI. Ob Proteste überhaupt einen essentiellen Werth besitzen, ist mehr als fraglich. In der Regel von dem schwächeren Theile der sich gegenüberstehenden Parteien ausgehend, bleiben sie eindruckslos wie Erbsen, die gegen die Wand geworfen werden. Transvaal hat es an eindringlichen Appellen nicht fehlen laffen; >vas halfen sie? Der südafrikanische Krieg lodert in Hellen Flammen. Will der böse Nachbar nicht, dann nützen alle Appelle nichts. Gleichwohl kann man dem Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde keinen Borwurf daraus machen, wenn er gegenüber der ans dem Abgrunde teuflischer Verleumdungen sich erhebenden Blutbeschuldigung zu der Einberufung einer Protestversammlung seine Zuflucht nahm. Mag es arlch zweifelhaft sein, ob irgend ein Vortheil für die Bekämpfung dieser thörichten Beschuldigung daraus resultirt — gegen die Thorheit kämpfen ja Götter selbst vergebens —, es blieb doch in dem Moment kaum etwas anderes zu thun übrig, als in der Kuttenberger Gerichtsverhandlmtg die grause Erscheinung uns entgegentrat, daß die höchsten Organe dieses Gerichtshofes — Staatsanwalt und Vorsitzender —nicht uninfizirt blieben von den Suggestionen eines Schneider und Konsorten. So berechtigtnns die vom Vorstände inszenirte Kundgebung von diesem Gesichtspunkte erscheint, so beklagenswerth ist es, daß noch weitere Manifestationen ähnlicher Art folgten. Mit deni Klugen haben sich deren Veranstalter jedenfalls nicht berathen. Mindestens hätte jedes Wort, das in diesem Falle zu in Ausdruck zu gelangen bestimmt war, wohl erwogen werden müssen. Wenn je, hat heutzutage das Wort Geltung: „Weise, seid vorsichtig in euren Worten." Gegenüber diabolischen Naturen, wie denen von Gregorig, Vergani, Bielohläwek, Schneider rc., kann nicht genug Vorsicht geübt werden. Wenn man nicht geradezu die Sucht nach Sensation oder Geflunker als Motiv für manches an- I nehmen will, was 'besser in diese« Versammlungen uiians-