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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-11-03 · Heft 44 (3.11.1899) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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52V Die Vorgänge in Oesterreich rufen in der ganzen gesitteten Welt tiefe Empörung hervor. Die Aufhebung der Sprachenverordnungen war mir das Signal zum Losbruch der nach Gewaltthaten, Plünderungen, Brand und Blutvergießen lüsternen Pöbelmassen, die eigentliche Triebkraft'her Bewegung ist der Haß gegen die Juden, der durch die agitatorische Ausbeutung des Mädchenmordes in Polna gerade in den letzten Monaten bis znm blindwüthigen Fanatismus erhitzt worden ist. In den sechziger und siebziger Jahren wurden die tschechischen Massen von ihren Führeril daran gewöhnt, die Begriffe'Deutscher und Jude zu identifizier», weil damals thatsächlich alle Juden deutschgesinnt waren. Schulter an Schulter mit den freisinnigen Deutschen vertheidigten die Juden die Verfassung, die ihnen die Gleichberechtigung gewährleistete, die aber, freilich aus ganz anderen Gründen, von Niemandem leidenschaftlicher bekämpft wurde als von den Tschechen, der Kerntruppe des föderalistisch-reaktionären Heerbannes. Seit dem Eintritt der Tschechen in den Reichsrath im* Jahre 1879 verloren die Verfassungskämpfe viel von ihrer früheren Schärfe, unter den Deutschen gewann die aus Deutschland importirte antisemitische Bewegung nicht unbeträchtlich Boden; diese beiden Umstände entfremdeten einen Theil der böhmischen und mährischen Juden den Deutschen und bewirkten, daß insbesondere ein Theil ihrer Jugend sich mehr und mehr den Tschechen zuwandte. Genaue Kenner des tschechischen Volkscharakters sagten gleich in den ersten Jahren dieser Wandlung voraus, daß die Juden sich damit zwischen zwei Stühle setzen, daß sie durch ihren theilweisen Abfall von den Deutschen nur den Antisemiten unter diesen Wasser auf ihre Mühle«« treiben, die Liebe der Tschechen aber doch nicht gewinnen würden. Die Ereignisie der letzten Jahre und neuerdings die Tumulte in ben tschechischen Provinzstädten beweisen leider die Richtigkeit dieser Voraussage. Mag der Jude in Böhmen und Mähren sich noch so eifrig auf den „Vlastenec", den tschechischen Patrioten, Hinausspielen, dem Tschechen bleibt er doch der „zatracea^ zid“, der „verfluchte Jud", den zu mißhandeln, ausznplündern, wenn möglich todtzuschlagen ein vor Gott und der slavischen Menschheit gefälliges Werk ist. Was in den letzten Tagen in Holleschau, in Wsetin und anderen Tschechenstädten geschehen ist, ist eine Schande für den Rechtsstaat Oesterreich, ein Skandal, dem um die Ehre des Staates willen mit eiserner Thatkraft ein Ende gemacht werden muß. In seiner Antwort auf verschiedene Interpellationen im Parlament führte der Ministerpräsident am 28. d. Mts. u. a. Folgendes aus: Die Kundgebungen seien nicht allein aus politische Beweggründe zurückzuführen. Der Minister versichert, er habe alle Vorkehrungen zur Vorbeugung der Wiederholung der Ausschreitungen getroffen und die Behörden angewiesen, durch strengste Handhabung der Gesetze den« Treiben unlauterer Elemente Einhalt zu thnn. Bezüglich der Schadenersatzansprüche müsse die Entscheidung den kompetenten Behörden Vorbehalten sein. Der Minister versichert, er werde in seinem Wirkungskreise dafür sorgen, daß die Geschädigten bei Vorhandensein der gesetzlichen Voraussetzungen ihr Rechterhalten. Die traurigen Ereignisse von Holleschau und Wientin bilde» den Gegenstand eingehender Erhebungen, nicht nur seitens der politischen, sondern auch seitens der Gerichtsbehörden. Bezüglich der Gesetzmäßigkeit. des Waffengebrauches durch die Gendarmerie sei gleichfalls eine Untersuchung durch die Vorgesetzten Kommandos eingeleitet, und iverde, wie in jeden« solchen Falle, das Landesgericht abzuurtheilen haben. Er. der Minister, werde selbstverständlich nicht erniangeln, das Ergebniß der Erhebungen ungesäumt dem Hanse mitzutheilen. ’ * Die Juden in En glan d sind natürlich in erster Linie mit dem Kriege beschäftigt, der, obivohl er in weiter Ferne in Transvaal geführt wird, die englischen Verhältnisse nicht unerheblich beeinflußt. Zu den Fonds für die Flüchtlinge aus Transvaal und für die Verwundete»« hat jüdische Mildthätigkeit schon beinahe eine Million Mark beigesteuert. Eben jetzt erscheint ein Aufruf des jüdischen Militärgeistlichen Rev. Francis L. Cohen, der Sammlungen für die Familien der jüdischen Soldaten anregt. Unzweifelhaft wird auch für diesen Zweck eine namhafte Summe zusammenkommen. Der Chief-Rabbi hat ein besonderes Gebet verfaßt, das in allen Synagogen gesprochen wird. Auch unter den zuletzt abgegangenen Verstärkungen für Südafrika befindet sich wieder eine Anzahl jüdischer Soldaten. Schon haben auch die ersten Schlachten das Blut tapferer jüdischer Soldaten gefordert. Bei Elaudslaagte fielen Ben Mayer, Gemeiner im ersten Bataillon des Manchester-Regiments, und Sergeant S. Abraines von den King Rohal-Rifles. Verlvundet ivurden irr derselben Schlacht H. I. Harris, S. Morris, C. Saruuels, alle Drei von den King Royal-Rifles, Henry Marks vom ersten Bataillon des Devo»«shire-Regiments und H. Norden u««d I. Strauß von den Vorder Mounted-Nifles. Die beide«« Letzten gehören zu den Freiwilligen der Kolonialtruppen. Rev. Francis L. Cohen theilt mit, daß sich die Zahl der jüdischen Soldaten in der englischen Armee, die ihin als Jude«« bekannt sind, von 1 Mann 1885 auf 51 im Jahr 1896 und 82 im Jahr 1899 gehoben hat. Die Zahl sämmtlicher jüdischen Soldaten und Offiziere schätzt er auf beinahe 400, «vozu ««och aus der Miliz 46 kommen. Die Ziffer ist reichlich groß, da ja in England nur der vierhundertste Einwohner Jude ist. Sie ist' doppelt bemerkeusiverth, «veil keine allgemeine Wehrpflicht existirt, und diese Juden freiwillig in die Armee eingetreten sind. Interessant ist die unausgesetzte Zunahme solcher Freiwilligen. Andererseits wieder macht die Agentur von Transvaal in Brüssel, die als Gesandtschaft des Burenstaates für Europa sungirt, amtlich bekannt, daß sich unter den Truppen der Republiken ein Freikorps von 200 jüdischen Freiivilligen befindet. Außerdem find zahlreiche schon länger ansässige jüdische Bürger von Transvaal, die das Bürgerrecht besitzen, mit den regulären Truppen der Buren eingezogen ivorden und ansmarschirt. Was sagen, die „Germania" und die „alldeutschen" Antisemiten dazu? * In Amerika hat der frühere Einwanderurlgskommissar Senner in sehr scharfer Weise sich gegen die Lodge-Bill ausgesprochen, da die Einwanderung in den letzten Jahren ganz beträchtlich abgenommen habe. Außerdem stellte er denjenigen Einwanderern, welche Manchen weniger wünschenswerth erscheinen, wie den Juden aus Polen und Rußland, vorzügliche Leumundszeugniffe aus und rühmte ihnen eine kolossale Assimilatioflssähigkeit nach. „Dieses Land ist noch nicht auf dem Punkt der Entwickelung angelaugt, um eine Ausschließung der Einwanderung zu verlangen, und Jeder, der gegen die Einwanderung eifert, ist ein Feind dieses Landes," schloß Herr Senner seine interessante Rede, die großes Aussehen erregt.

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