Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 515 - Immer neue Massen drängten andere aus dem Hause, um Branntwein zu bekommen, schließlich stürzten sie alle, angefeuert durch die Hetzreden, auf die Straße und richteten zunächst unter Gejohle und Geschrei das von dem Juden bewohnte Nachbarhaus arg zu. Als Chriftoffel sah, daß der Angriff schon ohne seine Führung unternommen wurde, kehrte er schmunzelnd, überzeugt von seiner Tüchtigkeit, ins Hans zurück. „Tie Medizin wirkt gut," höhnte der Herr dem Knechte zu, „wir müssen aber schnell noch eine Mischung machen, die Meute könnte sonst noch einmal zurückkehren. Jetzt aber etwas leichter, nur ruhig dreiviertel Wasser statt halb und halb, die Köpfe sind heiß, und der Verstand ist dahin!" Eiligst ward ein Faß nach dieser Vorschrift hergerichtet. , „So, lieber Christoffel," klopfte ihn der Herr vertraulich auf die Schulter, „nun geh' wieder unter die Leute und hetze luftig weiter!" Willig befolgte der Knecht den Befehl. Immer Wenigere kameir ins Haus zurück, um Branntwein zu holen, die berauschte Menge rannte weiter und weiter, suchte gewissenhaft die Häuser der Juden aus, bei welcher Arbeit ihr Christoffel vorzügliche Dienste leistete, und ließ hier ihre Zerstörungsivuth aus. Nicht Einer dachte mehr an die verabredete Erstürmung des „Käufmaunshanfes", man war jetzt überzeugt, daß alle Schlechtigkeit von den Juden herrührte. Als der Schwarm sich immer inehr verlaufen hatte, und das Getöse und Lärmen entfernter nnd entfernter wurde, trieb der Kaufmann die kleinen Knabeil aus die Straße in die Nacht hinein, nachdem er schon die Knechte irnd Mägde zu Bett geschickt hatte, verriegelte und verrammelte die Thür, machte vorn im Hause alle Lichter aus, setzte sich, vergnügt die Hände reibend, in das alle Schätze bergende Schlafzimmer und rühmte mit prahlerischen Worten seine Heldenthat. „Man muß den Pöbel kennen," meinte er ein über das andere Mal, „dann kann man ihn beherrschen!"- Indessen tobte die Menge durch das ganze Dorf weiter vor den Häusern der jüdischen Ftimilien. Da sie aber bei dem wüsten Durcheinander immer mehr den Zusammenhang verloren, sich immer kleinere Abtheilungen abzweigten und andere Richtungen einschlngen, richteten sie wenigstens keinen sehr großen Schaden an. Die 48 er Bewegung war über die ersten Anläufe nicht hinausgekommen, auch in X. war nach und nach die Ruhe wieder eiugekehrt. Der begüterte Jude, der zuerst des verführten Pöbels Wuth so plötzlich au sich fühlen mußte, hatte an dem Sonntagabend gesehen, daß es für ihn kein Bleiben mehr in dem schutzlosen Dorfe gab; wie leicht konnte die nun einmal aufgehetzte Menge von Neuem einen Angriff auf sein Haus, auf ihn machen? Schnell wickelte er daher seine Geschäfte ab, um das unbewachte Dorf mit der vielfach sichereren Stadt zu vertauschen. Bevor er aber den ihm theuren Heimathsboden verließ, bedachte er das Dorf.mit mancherlei Stiftungen, die allen Bürgern und insbesondere den Armen ohne Unterschied der Konfession zu.Theil werden sollten. Noch heute bestehen in dem freundlichen Dorfe diese Stiftungen, die an den Namen des großmüthigen Wohlthäters erinnern und^der^jetzigen Generation erzählen von der edlen Rache des Juden. EUILLETON Eine Geschichte aus dem römischen Ghetto. ch hatte mir in Rom in einem weitläufigen Hauie, unfern der Tiber und des ponte rotto, ein Wohnzimmer gemiethet. Dort stand ich eines Morgens auf meülem Balkon nnd sah mit unklaren Gefühlen dem Gewühl der Nachen und Marktschiffe auf dem Tiberstrome zu. Die tausend wechselnden Bilder, welche sich mir sowohl auf dem Strome als auf der Gaffe zeigten, fesselten meinen Blick immer wehr. Wie bald ein lärmender Trasteveriner mit seiner blauen Sammetjacke, den luftigen Hut auf der einen Seite, das Maulthier mit überhängenden. Gemüsekörben vor sich hertreibt, brauurothe Gebirgsleute mit lvilden Falkenblicken vorüberziehen, dort eine verblühte Sünderin im Namen der unbefleckten Jungfrau, hier eine zersprungene Glocke in der Hand eines Stummen um Almosen bittet, so sogar die armen Seelen im Fegefeuer durch einen iu der Sonnenhitze keuchenden Kapuziner um einige Bajocchi zur Linderung ihres höllischen Durstes anfschreien, das alles zieht in meiner Seele noch einmal vorüber. Zu eben dieser Zeit war dort unter meinen Balkon ein alter-Zitherspieler getreten und hatte zu singen begonnen: Abi, quanti palpiti, Quanti sospiri, Quanti deliri, Feei perte!') Aus einmal hielt er im Gesänge inne. Eine Menge Menschen wogte am Ufer herauf. Aus den heftigen Geberden und dem Schreien des leidenschaftlichen Volkes hörte man nur deutlich den Ausruf: „0, die Arme, die Arme!" Ich war gespannt und legte mich über das Eisengitter vor, um beit Gegenstand, welcher in der Mitte des Gewühles heraufgebracht wurde, sogleich 51t erkennen. Mein Gott, welches Schauspiel sah ich! Auf einem langen, schmalen Brette lag ein Frauenleichnam ausgestreckt und mit einem Seile festgebunden. Zwei Fischer trugen die Leiche einher. Jetzt kamen sie damit unter meinem Balkon au. Unwillkürlich trat mir eine Thräue in mein junges Auge. Nur eben mußte diese Unglückliche im Strom ertrunken und todt herausgezogen worden sein. Diese Leiche mit den anliegenden nassen Gewändern, mit aufgelöstem, tropfendem, rabenschwarzem Haar, welches fast bis ans die Erde herabhing; das edle, jugendliche, erloschene Antlitz mit dem schmerzhaft verzogenen und doch jetzt noch schönen Munde; diese Gestalt mit nnverhülltem, todeskenschem Marmorbusen, unter welchem an den zarten Handgelenken die Arme mit einem Tuche zusammengebunden waren, damit sie stille liegen mochten; dieses junge rührende Todtenbild, welches plötzlich in das glühende Leben furchtbar und doch wieder schön hereittgeschleift wurde, «lachte auf mich den tiefsten Eindruck. Wie die Volksmenge mit dieser Leiche schon längst vorübergezogen war, stand ich noch immer und starrte ans *) O. welches Seufzen, Ach, welches Sehnen, O, so viel Wahnen Quält mich und Dich!