Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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/" 1 ‘ s‘'°' ..v~‘* - 514 - ' ' - „Also das weiß! Du genau? Wann wollten sie denn kommen?" „O, Herr — heute schon — heute Abend!" „HenteAbend —? Das weißt Du ganz bestimmt, Stoffel?" -~ „Ja, Herr — heute Abend, das weiß ich ganz bestimmt. — O, ich konnte ja nichts dagegen machen." „Also doch schneller, als ich dachte! Na wartet!" sprach der Kaufherr für sich, dann stellte er sich vor den Knecht hin und sagte in freundlichem Tone: „Christoffel, Du kannst heute hier essen, hörst Du, Du warst immer mein bravster und fleißigster Arbeiter, wirst auch dafür extra belohnt werden. Heute aber haben wir Wichtigeres^:: thun, hente bleibst Du den ganzen Tag bei mir und hilfst mir, bannt nach Wehrlosen die rohen Burschen nicht überfallen. O, Christoffel, es ist nicht leicht, reich zu sein!" stöhnte er, „was führt Ihr doch für ein sorgenfreies Leben, Ihr könnt Euch mit Ruhe schlafen leger,, und wenn die Woche um ist, zahle ich Euch Euren Lohn, ich aber, ich habe Tag und Nacht keine Ruhe, und nun wollen noch diese verführter, Menschen kommen und mein Geld nehmen, mein sauer erarbeitetes, rechtlich erworbenes Geld!" Christoffel, der die Worte seines Herrn mit beifälligem Kopfnicken begleitet hatte, zog den Mund breit urrd meinte mit trauriger Stimme: „Eure selige Mutter sagte oft zu mir: Christoffel, sagte sie zu mir, am Gelbe klebt ein Fluch, je mehr mau erwirbt, je weniger Ruhe hat man! Dazumalen konnte ich das nie so recht begreifen, aber jetzt sehe ich es ein. Ja, das will ich Ihnen sagen, es war eine kluge Frau, unsere selige Frau, so eine ist im ganzen Kreise wieder zu suchen." „Ja, da hast Du Recht, doch nun laß uns erst etwas essen und dann an die Arbeit gehen!" Als der ergebene Knecht darauf ins Nebenzimmer ging, wo die Frau den Tisch bereits gedeckt hatte, strahlte ein pfiffiger Blick aus den listigen Augen des Kaufherrn, und er murmelte immer und immer wieder, die Handfläche gegeneinanderreibend: „Mau muß mit der Dummheit regieren, wenn man etwas erreichen will! Heute einen Blitzableiter für die überschäumende Volkswuth, morgen die Blutegel in den steifen Nacken desto fester gesetzt!" Es dunkelte bereits; langsam rieselte* feiner Sprühregen herab, über 3i. hatte sich ein früher Abend gesenkt und das Dorf in Ruhe und Schweigen gehüllt. Nur abseits von der Landstraße huschte durch das Halbdunkel Gestalt auf Gestalt dem „Platze" zu. Es waren die Bauern, die sich dort der Verabredung gemäß einfanden: kräftige, junge Burschen und alte, gebückte Männer, alle bewaffnet mit langen Steckeil, Forken oder Schippen. In halblautem Gemurmel, wie eine erwartungsvolle Menge sich zu unterhalterr pflegt, sprach man von den: kommeildeu großer: Ereigrriß. Ringsum tiefe Stille. Die Dorfbewohner hatten schon längst die grüner: Lüden vor die Fenster geschoben und die Thüren, wie inrrrrer irr derr letzter: Tagen, verriegelt und verrammelt. Niemarrd von ihrren wagte sich mehr auf die Straße. Die Frauen, die sonst nie bei Aufläufen zu fehlen pflegen, rvaren furchtsam zu Hause geblieben und suchten die Kinder sorgsam in den Stuben zurückzrrhalten. Einige Schulbuben jedoch hatten sich trotz des Verbotes davongeschlicher:, urrr Zeugen des großen Ereignisses zu sein. Plötzlich kam Bewegung in die Menge, der lange Peter erschien auf dem Platze. Mit lautem-Hurrah wurde er begrüßt, und rum ging es zum Hause des Kaufmanns. Die Flasche wanderte unaufhörlich von Einem zum Anderen, ur:d mancher Schritt war schon unsicher, maüche Zunge lallte nur noch unter schweren Anstrengungen. Jetzt war uran ar: das zur Plünderung auserwählte Haus gelangt. Ein wüstes Stirilttlengewirr verlangte Einlaß, Geld, Schuldscheine! Die Ueberrnüthigsten und sich für die Tapfersten .Haltenden schlugen mit den langen Stecken gegen die hohe Mauer rrnd auf das Straßer:pflaster. Da öffnete sich plötzlich die Hausthür, urrd ar: der Schwelle derselben stand die dicke Gestalt des Kaufmanns. Die Ueberraschung kam so urplötzlich, war so groß, daß Keiner ein Wort hervorznbringen wagte. Mit kräftiger Stimme rief er den Versammelter: zu: „Freunde, Ihr habt Recht, daß Ihr Eure Lage verbessern wollt, ich will Euch hierbei gern helfen und unterstützen. Aber ich frage Euch, wer sind denn eigentlich unsere Anssauger/ Wern habt Ihr all Euer Elend zu verdanken? Ihr wißt es so gut wie ich, an all dem Elerrd, all der Arrnuth sind rrur die Juden schuld!" „Ja, die Juden — die Juden!" lallten einige Stimmen im Hintergründe. Mit Befriedigung führ der Sprecher fort: „Ihr wißt, wie sie als arme Leute hierher gekommen sind, heute aber irr Wohlstand und Reichthurr: leben. Und wodurch haben sie ihr Vermögen erworben? Durch Handeln und Schachern. Ihr aber müßt Euch schinden und quälen urrd sollt für sie Mitarbeiten!" „Schlagt die Juden tobt! Brennt ihre Häuser nieder!" erscholl es von Neuern aus dem Hintergründe, da, wo sich der treue Christoffel unter die Menge genrischt hatte. Eine ungeheure Bewegung entstand, schon liefer: Eirrige vor das Harrs des wohlhabenden jüdischen Nachbarn, der sich bis herrte stets wegen seines rastlosen Fleißes, der ihn zu Vermögen gebracht, wegen seines biederer: Charakters und seiner anspruchslosen Bescheideilheit eines allgemeinen Ansehens zu erfreuen hatte; Allen voran Christoffel, welcher einen dicken Stein gegen die Schiefer warf, daß sie klirrend zur Erde fiele»:. Da war das Signal znm'Angriff; schon wollten Einige davonstürmen, doch der Kaufmann, der sich seiner Sache noch nicht sicher genug glaubte, sprang die zwei Stufen vor seinem Hause herunter auf die Straße und schrie mit Dounerstirnme in die Menge: „Freunde, erst stärkt Euch, kommt, hier ist eine Erfrischung, trinkt so viel Ihr wollt!" Damit sperrte er die ganze Thür auf, und mit Toben, Schreien und Fluchen drängten die halb trunkenen Burschen ins Haus, wo eine feste Theke ihnen Halt gebot. Schon stand der Hausherr selbst hinter derselben urrd schenkte unter Beihilfe seiner Knechte den Leuter: in großen Gläserr: Branntwein ein. „Auch die Kinderchen, die bei Euch sind," rief er, „laßt hereinkornmen, sie bekommerr schönen warrrren Kaffee, der thut ihnen, gut." Als die Kleiner: durch den schmalen Garrg getreten rvaren, wurde derselbe gut gesperrt, und der berechnende Mann hetzte mm die Trunkenen weiter auf, die Härrser der Juder: zu beschädigen.