Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228355--55885-3292130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
513 „daß wir mit diesem sauberen Gesellen aufräumen müssen. Er ist der einzige Schurke im Dorfe, wenn wir ihn uns vom Halse schaffen und sein erwuchertes Geld und Gut vertheilenist Ruhe im ganzen Kreise. Wir wissen Alle, wie er es treibt, ihn ulüssen wir genau so behandeln wie der: Gutsherrn, ja, noch schlimmer muß es ihm ergehen --— Weiter kam der Sprecher nicht, man lärmte durch einander, schlug mit den Fäusten auf die Tische und stritt hin und her. Da übertönte eine mächtige-Stimme das Getöse: „Konlmt, Leute, ich führe Euch hin, ich bin Unteroffizier in Berlin bei der Garde gewesen. — Vorwärts marsch!" Schon wollten Einige der Aufforderung folgen, als der lange Peter mit, blitzenden Augen und die Arme wie zum Fliegen ausholeud aus Leibeskräften schrie: „Hier geblieben! Zum Teufel noch einmal, hier geblieben, sage ich Euch!" während sein dunkles Auge wild die Menge durchflog. Keiner rührte sich mehr, sprachlos, mit neugierig vorgestreckten Köpfen standen sie da, ja die Jüngeren hielten vor Aufregung den Äthem an. Dieser Mensch hatte ganz das Zeug zu eineul Bauernführer, und die Erfolge, die er in den letzteil Tagen durch seine Allsprachen auf öffentlichen Plätzen und in den Wirthschäften gehabt, hatten ihn geradezu zu einer Berühmtheit der Gemeinde gemacht. Er hatte Alle in seiner Gewalt, Jeder folgte ihm willig-; man trug ihill die Vorkommnisse im ganzen Unlkreis zu, holte Rath voll ihm und hielt seine Vorschläge für unbedingt richtig. Aach kurzer Zeit sprach er weiter: „Seid liicht voreilig, Leute, mld beruhigt Euch bis diesen Abend. Gegen 7 Uhr versammelt Euch hinten auf dem „Platz", voll dort aus ziehen lvir gegen das verabredete Haus los." Nach diesen Worten hatte die Allfregullg ihren Höhepunkt erreicht, selbst die alteil besonnenen Bauern fühlten ein Brennen und Kochell ui den Adern, dem sie dllrch Zerstören lind Dreinschlagen Luft machen mußten. Sie hatten nicht einmal alle beit Sprecher verstanden, aber das fühlten sie alle, daß sie unmittelbar vor einem großen Ereigniß ständen. Und in diesem Taumel griffen sie zu beit erregenden Getränken und stürztell Branntweill ulld Bier in betäubender Menge hinunter. Der „lange Peter" las aus ben Mienen und Geberden die Stimmung der Erregtell wohl heraus und sah, daß sie heute Abend alle zu erscheinell llllfühig wären, wenn sie noch länger hier in der Wirthschaft zusammeublieben. Er lnerkte aber auch, daß er sein gailzes Ansehen einsetzell müsse, um diese erhitzte Menge zu beeinflussen, darum reckte er sich in seiner gewaltigell Größe und sprach mit langsamen, gehobenen Worten: „Jetzt aber geht nach Hause, ruhig und ohne Aussehen zu erregen. Sprecht allch mit Eurerl Frauen nicht zu viel voll unsereill Plan, die ganze Sache formte uns sonst nicht nur verdorben werden, lvir hetzen uns am Eilde noch obendrein die Gendarmen selbst auf den Hals!" Zustilumuugs- und Beifallsrufe folgten, danll trank Jeder wie auf Befehl sein Glas leer, und die erregtell Bauern strebten, in einzelnen Gruppen lebhaft von den kommenden Dingen sprechend, ihren Wohnungen zu. Um dieselbe Zeit lvanderte in dem außen nach der Straße hin gelegellen Zimmer des „Kausmannshauses" der Besitzer uuruhig auf und ab. Er lvar ein mittelgroßer Manll von behäbiger Gestalt und mit kräftigem Nacken, auf dem der Kopf fast unvermittelt saß; unruhig rollten seine kleinen Augen hin und her, als hätten sie Mühe, über die fleischigen Wallgen hinwegzusehen. Eine Viertelstunde wohl war..-.er schon ruhelos so auf- und abgewandert und hatte die Vorgänge auf der Straße lind dgs Strömen in den „Kreuzkrug" scharf.'beobachtet. < „Jnl Krenzkrug scheint der lange Peter wieder aufrührerische Reden zu halten," spanll er seiner Gewohnheit gemäß die Gedankell halblallt. „Wenn ich diesen gefährlichen Burschen doch einmal in den Fingern hätte, ich lvollte ihm den großen vorwitzigen Mnlld schon stopfen; ha, er sollte geling haben-für sein ganzes Leben, dieser lange, ausgehllngerte Bauernjmlge! Was fällt dem überhaupt ein, ist kaum ein halbes Jahr in der Stadt gelveseil und hetzt jetzt die zufriedenen Bauern auf. Aber die Städte, die Städte, sellfzte er; alles Unglück kolllmt ans den Städten! - Doch ich habe scholl gut vorgearbeitet, ihr sollt euch wundern, Jungens, überraschen fömit ihr inich llicht mehr"— und ein überlegenes Lächeln llmspielte seinen breiten Mund — „aber wartet nur, Gesindel, nach dieser Zeit kolllmt eine andere, nach den rnageren kommen die fetten Jahre, lrud dann zahle ich euch alles heilll mit Zinsen und Ziuseszinsen! Ihr sollt bülten, blirten sollt ihr! Wenn ich Nllr erst wieder Luft hätte!" Er machte Halt in seiner Wanderung llnd stellte sich, die Hände in ben Taschen, breitspreizig vor seine Frau hin, die, das Haupt gestützt, besorgt und angsterfüllt vor sich hiustarrte. „Die Läden habe ich erst-einmal in den Kellern und'Lagerräumen verdoppelll lassen," sprach er mit Pfiffigem Augenblinzelll zu ihr, „ich sage Dir, Marie, zweizöllige Eichellbrettchen, dahinter kommen morgen noch eiserne Querstangeil und daun versucht Nllr einen Sturin, Jungens, ihr sollt sehell, der „Fuchs" trägt seinen Namen nicht mit Unrecht!" „Aber wenn die ausgehetzten Menschen schon heilte kommen?" warf die Frau ein. „Ach was, heute! Heute, am Sonntag, werden sie sich schon hüten, so weit ist es denn doch nicht gekommen!" Damit nahm er seine Wanderung durchs Zimmer wieder auf. Doch Plötzlich blieb er stehen. „Wo bleibt denll Christoffel? — Ah, da kolllmt er die Straße herabgetrottelt. — So, Marie," waildte er sich au seine Frau, „nimm alle Silber- und Werthsachen aus dem Zimmer mit auf die Schlafstube und verschließe sie gut in die eiserne Truhe unterm Bett. Dann sorge Pünktlich für das Essen, ich habe den ganzen Nachmittag zu thun. Geh' schllell, ohne Säumen, ich muß mit dem Manne allein sprechen." Ohne Murrerl führte die Frall das Aufgetragene aus. Kaum hatte sie das Zimnler verlassen, als der Knecht in der Thür erschien und, die Mütze in den Handel! herumdrehend, unterthänig an der Schwelle stehen blieb. „Nun, Stoffel, was giebts?" .. „O, Herr," stotterte der Angeredete, „es — sieht — schlimm — aus." „Wieso? Sprich und laß Dich llicht so lange nöthigen!" „Ja, Herr, — was ich sagen wollte — im Kreuzkrug sprach der lange Peter wieder — und Alle hörten auf ihll — und stimmtell ihnl zu — wie ich glaube . und da hatten Alle dann rothe Köpfe — schrieen von — von Plündern — und^ Rauben- „Wo wollten sie denn plündern und rauben? Mensch, rede doch, spanne mich nicht auf die.-Folter!". „Ja, ich glaube — sie sprachen — von Jhnell!"