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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-27 · Heft 43 (27.10.1899) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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I. I. 3JI afe in Moskau. Er besitzt in hohem Maße die Gabe der Rede, hat viel hebräisches Wissen mit) erwarb sich während einer mehrjährigen Amtsthätigkeit in der alten Residenz Erfahrung und Takt, eine große Gemeinde zu leiten. Nach dem Ableben des sel. Gurland trat er als Kandidat auf, aber man fand damals, daß er noch zu jung wäre, um an die Spitze der Gemeinde berufen zu werden. Während seines hiesigen Aufenthalts hatten wir Gelegenheit, ihn zweimal in der Synagoge zu hören, und müssen aufrichtig gestehen, daß, trotzdem wir eine lange Reihe von Jahren durch Dr. Schwabacher verwöhnt, wir von ihm ganz entzückt waren. Im vorigen oder vor zwei Jahren lasen wir feine Predigt, die er in Moskau am Versöhnungstage hielt, die sehr inhaltreich und erbauend war. Wie uns seine Freunde versichern, ist er, trotzdem er nielit einmal das 40. Jahr erreicht hat, stark gealtert. Das Amt eines Rabbiners, und zumal in der „heiligen" Stadt Moskau, wo der Pfad für unsere schwergeprüften Glaubensgenossen nicht mit Rosen besät, ist sehrschwer. Folglich wäre Herr Mase der beste Kandidat für den hiesigen Posten. Sollte aber derselbe dieses Amt nicht annehmen können oder wollen, was wir ungemein bedauern würden, dann allerdings heißt es auf die Suche gehen. Wir glauben fest, daß irr einem so großen Lande wie Rußland tüchtige Mariner sich finden werden, nur den längst verwaisten Rabbinatsstuhl zu besetzen, haben doch die Gemeinden Kiew, Cherson und andere gute Prediger gesunder!. Und Odessa sollte feinen finden? Wir zweifeln sehr, daß dies mögliche ist. Es ist hohe Zeit, ernstlich dararr zu denkerr und rlicht länger die Härrde in den Schooß zu legen. In einer Zeit des Rassenhasses und des Antisemitismus, wo man sich in Frankreich, dem einstiger: Laude der Freiheit und des Rechtst nicht entblödet, die Gerechtigkeit mit Füßerr zrr treten, wo man die niedrigsten Gefühle der Masse reizt, in einer solchen Zeit wäre es eine Sürrde, die heranrvachsende Jngerrd ohne einen religiösen Führer zu lassen. ' Nach dem rrrssischen Gesetz muß jede jüdische Gemeinde je drei Jahre einen Rabbiner wühlen. Wohlan! Dreimal drei sind nun vergarrgen, urrd uns genügte während einer so langen Periode — ein Rabbinatsstellvertreter! Ist das recht? Wir sind überzeugt, daß, da die Wähler: in Bälde bevorsteherr, die Jrrtelligenz sich zusammenthun wird, rrm ernstlich diese wichtige Frage in befriedigender W^ise zu lösen. Wir wissen es garrz bestimmt, daß die gefammte Gemeinde, die Gebildeten sowohl wie die große Masse, aufrichtig wünscht, dieser: 8tntu8 quo aufzuheben. Es mögen vielleicht 2—3 Personen da fein, die sich dagegen sträuben; den Grund dafür lassen wir auf sich selbst beruhen. Wir glauben aber, daß da, wo es das Wohl der ganzen Gemeinde erheischt persönliche Ansichten und Neigungen nicht in Betracht gezogen werden dürfen. Es versteht sich von selbst, daß der jetzige BeLweser sowohl wie seirr Gehilfe als Rabbinatsgehilserr in ihren Aerntern gelassen werden sollen. Wir benutzen diese Gelegenheit, um noch auf einen heiklen Punkt unseres Gemeindelebens hinzuweisen. Wir meinen nämlich die feit Jahren erfolgte Aufhebung des Bethdin. Die Odefsaer jüdische Gemeinde, mit mehr als 130000 Seelen hat feine— Dajanim! Abgesehen von den religiösen und rituellen. Fragen, die das Leben mit sich bringt, ist es doch faktisch unmöglich, daß bei einer so großen Gemeinde blos zwei Beamte siucktiouiren. Ter Rabbiner oder sein Stellvertreter muß zuvörderst die Kanzlei leiten, wo Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden ist; dann kommen die religiösen Funktionen, das Schwurabnehmen bei den verschiedenen Gerichten und den jüdischen Soldaten; hinzu kommen verschiedenartige Verlvendungen bei Behörden, Ueberwachung der wohlthätigerr Anstalten und dergleichen mehr. Es fragt sich, wo soll der betreffende Gemeindebeanite die nöthige Zeit und Muße dazu hernehmen? Resumiren wir in wenigen Worten alles das, was wir in unserem längeren Aufsätze sagten: ^Vor allem einen würdigen Seelsorger, der ein tüchtiger Kanzelredner fein muß, damit die Jugend ihn gern hören soll; zwei studirte Rabbinatsgehilfen und 6 oder 8 Dajanin:. Da wir uns schon erlaubten, die Spalten dieser geschätzten Zeitung in starken: Maße in Anspruch zu nehmen, so möge es uns gestattet sein, noch einer: Wunsch für unsere Gemeinde auszusprechen: die Art und Weise der Verwaltung derselben entspricht durchaus nicht den Forderungen unserer rasch fortschreitenden,Zeit. Wir müßten bei der Behörde in St. Petersburg, d. h. dem hohen Ministerium des Innerer:, eine Vorstellung machen, bei uns eine ährckiche Verwaltung einzuführen, wie es in Warschau, dieser größten Gemeinde in: Reiche, und in St. Petersburg der Fall ist. Wir rneiner: — einen Vorstand. Die Angelegenheiten der hiesigen jüdischen Gemeinde befinden sich in Händen der Stadtkornrnune. Es ist selbstverständlich, daß eirr Andersglaubender, der an der Spitze der Verwaltung steht, nicht das Interesse hat, das nur der Jude haben kann. Die Existenz der Gerneindearrstalterr hängt allein von der: Mitteln der Fleischpacht ab, die jetzt jährlich 2 200000 Rubel betragen. Mit solcher: großer: Mitteln, abgesehen von den bedeutenden Schenkungen reicher Glaubensgenossen, karur man, bei einer tüchtigen Verwaltung, viel Gutes leisten. — Vor vielen Jahrerr, als der verewigte Geheimrath Nowosselsky, der sich große Verdierrste als Bürgermeister um die hiesige Stadt erwarb, an der Spitze der Korrnnune stand, da bestand eine Verwaltung der jüdischen Genwinde, die aus hur: dert Vertretern zusammengesetzt war. Nach vielen Jahren segensreicher: Wirkens wurde dieses Institut aufgehoben. Hoffen und rvünschen wir, daß irr nächster Zeit ein tüchtiger Rabbiner und Prediger gewählt werde, der in den Fußtapfen seines großer: Vorgängers wandeln möge! L. T. (&\nt Grinnerung aus dem Jahre 1848. Nach ein«' wahren Begebenheit erzählt da» F. Grebfsn. 0 II. Ji ft He§ schrie nun in der Kneipe durch einander : flfe „Schlagt ihn nieder wie einen Hund!" — „Er hat u schon Jeden von uns betrogen!" „Er muß hinaus aus dem Dorf!" scholl es wild durch das Haus. Und immer lauter wurde der Lärm, immer höher stieg die Erregung bei diesen sonst, so ruhigen Menschen, als jetzt der „lange Peter" aufsprang. Er hatte nichts von der Schwerfälligkeit der Bauern an sich, elastisch schnellte er in die Höhe, und kräftig ans den Tisch schlagend, donnerte er ein lautes „Ruhig!" in die aufgeregte Menge. Sofort dämpfte sich das Geschrei zu einem Murmeln herab, nnd Einer raunte dem Anderen zu: „Ruhig, der lange Peter!" „Ich habe Euch vorgestern Abend auf dem „Platze" schon gesagt," begann er, die Rechte drohend gegen die.Decke stemmend,

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