Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228355--55883-3292128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
des hohen Zieles wohl bewußt, welches sie um jeden Preis erreichen wollten. Mit einer Energie sondergleichen arbeiteten sie Tag mit) Nacht, um ihren Zweck — der Gemeinde einen tüchtigen Führer zu geben — zu erreichen. Und baut ihren Bemühungen war es dein unvergeblichen Schwabacher möglich, hier mehr als ein Vierteljahrhundert -- volle 27 Jahre segensreich zu wirketl. Als er im Jahre 1860 hier aulangte, um sein Amt anzutreten, da hatte er mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, denn die Zahl seiner Feinde war Legion. Aber Schwabacher war durchaus nicht der Mann, der sich zurückschrecken oder einschüchtern ließ. Mit jugendlicher Kraft ging er an das schwere Werk; allerdings fand er in seilten Gönnern und Beschützern tüchtige Mitarbeiter. Als er im Anglist 1859 hierher kam, unter dem Vorwände, Seebäder zu gebrauchen, äußerte damals der verewigte Gelehrte Moses Victor Lichtenstadt, „daß es zum Baden zu spät und für einen Prediger noch zu früh sei!" — Aber die Berufung war durchaus nicht zu früh; es war damals schon, also vor fast eitlem halben Jahrhundert, uothwenbig, einen Prediger zu haben, der die Indolenten und Indifferenten erwecken und zuin frischen Leben rufen sollte. Und Schwabacher that dies mit der ganzen Macht seiner bezaubernden Persönlichkeit und mit der ganzen Kraft seiner mächtigen Sprache. Durch die herrliche Gabe der Rede, die ihn: in hohem Maße zu Theil wurde, riß er die an seinen Lippen Hängenden hin, und er führte alles, was zum Wohle seiner ihm anvertrauten großen Gemeinde uöthig war, durch. Es ist hier in diesem Augenblicke der Ort nicht, seine langjährige segensreiche Thätigkeit zu skizzireu; wir überlassen diese Arbeit einem späteren Biographen dieses unvergeßlichen Mannes. Bei dieser Gelegenheit können wir aber unmöglich die Bemerkung unterdrücken, wie schnell man hier zu Lande die Verdienste jener Männer vergißt, die ihr ganzes Leben den: Wohle der hiesigen Gemeinde gewidmet haben. Unbegreistich ist es, daß bis jetzt sich Niemand gefunden hat, der die Biographie dieses hervorragendsten Rabbiners in Rußland geschrieben hat. Nach dieser kurzen Abschweifung kehren wir zu unserer Betrachtung zurück. Am 28. Noveyiber 1888 raffte ein jäher Tod den trefflichen Mann dahin! Die Trauer und der Schmerz nicht nur seiner Gemeinde, sondern fast aller Einwohner läßt sich nicht beschreiben. Selten hat Odessa eine ähnliche Leichenfeier gesehen. Trotz der großen Kälte und des starken Frostes eilte Alles dem Trauerhause zu, um einem Mann die. letzte Ehre zu erweisen, der mit dem „Pfunde seines Geistes redlich gewuchert hat", und der für die Gemeinde und die Stadt fast drei Jahrzehnte segensreich wirkte. Nach dem Heimgange des tief betrauerten Dr. Simon Leon Schwabacher fei. Angedenkens wurde zu seinem Nachfolger der Magister Jonas Eurland gewählt. Er war ein gelehrter Manu, vielmehr ein Stubengelehrter, hatte keine Erfahrung für sein schweres Amt, besaß durchaus nicht die Gabe der Rede, war kein Führer und Vertreter feiner Gemeinde, leistete für das Wohl derselben nichts. Er rief keine einzige wohlthätige oder nützliche Anstalt ins Leben, wie es der selige Schwabacher in unzähligen Füllen that; mit einem Worte, erließ f €im Spuren seiner Thätigkeit hier zurück. Allerdings um*- ^merkt werden, daß sein Wirken nur von sehr kurzer D . . ^auer war, da er imMärz des Jahres 1890 schon, währet Gottesdienstes in der Hauptsynagoge, aus der Ka-; ^schweren fXnm "-Eg-, Tag, spütssr seine Seele Mit dem Tode des seligen Gurland trat ein Interregnum ein, d. h. es wurde zu keiner Wahl geschritten, und ein Rabbinatsverweser trat an seine Stelle. Wir erinnern nutz ganz genau, daß der damalige Stadthauptmann Geueralleutnatlt Seleny den Ausspruch that, drei Monate nach dem Ableben von Gurland müsse man eine Wahl ausschreibeu. Aber diese Worte des Siadthauptmanns blieben auch nur Worte. Seitdem ist fast ein ganzes Jahrzehnt ins Land gegangen, und wir befinden uns in derselben Lage wie ehedem, d. h. der Verweser ist noch immer da, aber kein Rabbiner! — Seitdem der unvergeßliche Dr. Schwabacher das Zeitliche gesegnet, ist die Kanzel in den hiesigen jüdischen Gotteshäusern verwaist! Die Jahre kommen und gehen, Freud und Leid pocht an unsere Thür; große Ereignisse geschehen in unserem Vaterlande und in unserer Gemeinde; ohne Rede, ohne ein Wort derErmnthigung ging alles dahin! — Unsere Jugend hat vom Judenthum, von semer großen geschichtlichen Bedeutung, von der Religion und ihrer Ethik keine blasse Idee; die heilige Sprache ihrer Väter ist für sie eine vollkonnnene terra meo^uita. Ein ganzes Jahrzehnt fast hat sie in der Synagoge kein Wort Gottes gehört. Wenn die jungen Leute des Anstandes halber drei Mal im Jahre während der hohen Feiertage in die Hallen derselben traten, um dem lieben Gott ihren Besuch abzustatten, da verstehen sie die Gebete des Kantors nicht. Der Rabbinatsverweser sowohl wie sein einziger Gehilfe halten es nicht der Mühe werth, der Gemeinde die Bedeutung der hohen Feste zu erklären. So wächst die Jugend tu religiöserUnwissenheit und in vollkommenemJndifferentisunls heran. Was Wunderwenn sie kein Interesse für ihr Volk und seine Geschichte hat. Man kann doch von Leuten tlicht verlangen, daß sie sich für ettvas erwärmen und Interesse haben sottetl, für welches sie nicht das geringste Verständniß haben! Und die Führer der Gemeinde kümmern sich um solche würzige Dinge durchaus nicht. Hat doch Jeder seine eigenen Jrrtereffen vor Augen, die viel wichtiger sind, als sich um Jugetrd, Religion und dergleichen mehr zu kümmern! So steht es bei uns, in der fast größten und gebildetsten jüdischen Gemeinde Rußlands, aus. Es wäre unsererseits unrecht, wenn wir nicht die großartige Wohlthütigkeit unserer Genreinde allerkennen wollten. Was das anbelaugt, so niüssen wir mit Freude fonftativen, daß die jetzige Generation nicht nur in den Fstsztapfen ihrer Vorgänger geht, sondern diese bei Weitem überflügelt hat. Wir sehen auf allen Gebieten der WvhlthätiAeit ititb des Schulwesens Männer, die das Herz am rechten Flecke haben, die beträchtliche Sunuuerr opfern und ihre Kraft und Zeit für das Wohl derselben geben. Solch eitlem Wirkett gebührt Dank Vtnb Anerkennung. Aber das Wichtigste, was die Leiter ulld Führer der Gemeinde thun sollen, das vernachlässigen sie. Wir fillden keme genügenden Nlwte diese Indolenz und diesen unbegreistichell Zndiffe--e„tism„s zu tadeln. Zehn Jahre sind dahingeflossen. Odessa, dieses Mnster aller jüdischen Gemeinden Rußlands mit einer Bevölkerung von mehr als 130 000 Inden, that mch einmal den kleinsten Schritt, um einen tüchtigen Rabdmer und Prediger zu haben. Allerdings, Schwabachers grebt e. m Rußland nicht. Aber wenn man sich Mühe geben >mrd, ey.en fähige» Mann zu suchen, um ihm einen würd.gen Nachfolge zu geben, so zweifeln wir nicht, daß man schon emen sind n wird. Einer der Tüchtigsten und Würdigsten .st unserer unmaßgebliche^ MeWng nach, der Gememderabbmer H