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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-27 · Heft 43 (27.10.1899) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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ihren christlichen Mitbürgern Sand in die Augen zu streuen und sie glauben zu machen suchen, daß sie keine Juden seien. Aber das hilft am Ende doch nichts, und die Nasen und anderes ausländische Gepräge und Gebaren machen oft mit einem Schlage zu nichte, was jahrelange Prinzipienlosigkeit zu erhaschen suchte. — Lindererseits haben wir hier zu Laude in allen größeren Städten ein starkes Kontingent russisch-polnischer Juden, die ein Judenthurn repräsentiren, wie es vor einem oder zwei Jahrhunderten an der Tagesordnung war. Es ist eine große und schwierige Aufgabe der gebildeten und glaubenstreuen Juden, ihre aus dem Osten kommenden Brüder, wenigstens durch deren Kinder, aus dem Schlamm herauszuziehen, der ihnen zum zweiten Element geworden ist. Diese Aufgabe kann nur indirekt erfüllt werden. Die Vereine für Geschichte und Litteratur des Judenthums bilden ein prächtiges Mittel, auch polnische Religionsgenossen heranzuziehen und ihnen einen Einblick in die Entstehung und den Verlauf vieler religiöser Institutionell zu gewähren. der ihnen klar machen muß, daß auch das Jndellthum in seinen äußerlichen Einrichtungen in einer fortlvährellden Entwickelung begriffen ist. Es dürfte für Ihre Leser von Interesse sein, zu erfahren, daß in einer oder zweien der bedeutendsten Städte Englands polnische Gemeindeil die religiöse Erziehung ihrer Kinder unter die Oberaufsicht aufgeklärter jüdischer Rabbiner stellen, und solche auch öfter in deren Synagogen predigen. Der Nutzen, der daraus entspringt, ist nicht blos auf Seiten der altmodischerl Brüder, sondern auch allzu aufgeklärte Glaubensgenossen lernen eine größere Opferfreudigkeit für Religion, die mail sicherlich jenen meistens deln Arbeiterstande ungehörigen > Brüdern zugestehen mrlß. Sogar der Zionismus hat auch sein Gutes; er bringt Starrgläubige und Freisinnige auf einem gemeinsanlen Boden zusammen, ulld am Ende lernen sich beide besser kennen, streifen nlanches Eckige ab, ulld am Ende schätzen und lieben sie sich, wie Brüder sollen: „Nur muß der Eine nicht beit Andern mäkeln, Nur unlß der Knorr den Knubben hübsch vertragen, Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen, Daß es allein der Erde nicht entschossen." Zur Polna-Affare. on dem bekannten Jesuiten-Pater Haselbauer existirt eine „Gutmeinung" über die Blutbeschilldigulig, Pie um so schwerer ins Gewicht fällt, als sie von einem Manne herrührt, der vermöge seiner Stellullg in der geistlichen Hierarchie und seiner emillenten Kenntnisse der talmudischeir und sonstigeil eillschlägigen Litteratur als eine Autorität ersten Ranges gilt. Sie ist bisher unbekannt und lautet: „Demnach Ich Elrdesnilterschriebener von dem Jouathan Ehbeschitz Prager Indischen Praedicanten im Nahmen der gantzen Jüdischen Gemeinde bittlich ersllchet worden, über die Frage: ob die Inden gemäs ihres Tallnuds nndt Rabinerischen Gebräuchen des Christenbtntts von nöthen hätten? eine Zengnusförmige autworth zu er- U)eiflen: Alb Bekenne hierdurch; daß weder in einem Derer Jüdischen mibt Rabienerischen Schriften, noch in andern in Druck gekommenen hebräischen Büchern gefnndell habe, daß dergleichen denen Juden darinnen gebothell seye, Vielmehr ist Ihnen absolute aller gebrauch des blutts als ein obscheu Verbotheu; Jngleichen ist in denen Schriften derer ii|t Jndenthumb gelehrten Christen als Bnxdorffer, Eisenmengers, undt anderer/welche doch die irrthümber und aberglanben derer Jndeir gellau untersuchet, uudt an Tag geleget haben kein grundt dießer Beschuldigung anzntreffen. uubt endlich haben die sänrbtl. Juden, welche sowohl vor meiner als seiths 26: Jahren her meiner Professur zum Christlichen glauben getretten, undt die Schwäche ihrer Nation offenhertzig entdecket, gleichwohl einmütthig Behandlet, daß dieße Beschuldigung des bedörffendeu Christenblntts ein pur ertüchtete Anfflage sehe, welches zu stener der Wahrheit hiermit attestire, und durch meilre nahlueils Unterschrift, intbt Vnßers Collegij Beygedrncktes Jllstgel corroborire. Prag den 20t October 1736 Franciscus Hasel bau er e Societate Jesu Librorum Hebr. Censor mpa" Auf der Rückseite steht: 20. Oct: 1736 Attestate,m meum de non usu sanguinis Cbristianorum. Daß oben stehende Abschrift mit dem bey mir aufbewahrten: von dem Hochwürdigen P. franz Haselbaner ans dem Jesuiten-Örden, Censor der hebräischen Bücher, anl 20. October 1736 zu Prag im Collegio Clementino verfatztell und eigenhändig ullterschriebenen Zeugniß von Wort zll Wort und buchstäblich übereinstimmt, wird hierinit bekräftiget und bestättiget. Zur Urkund dessen meille äultliche Fertigung. Prag am 21. May 1840. Karl Fischer') m, p. k. k. Bücherrevisor und Censor im hebräisch-rabbinischen Fache, I,. 8. emeritirter Translator. Angesichts dieses Dokumentes sollten es katholische Priester am welligstell noch wagen, den Mädchenmord von Polna vom Gesichtspunkt des Ritualmordes zu behandeln! Briefe aus Odessa. äm Jahre 1859, also gerade vor 40 Jahren, war es, daß eine Anzahl hervorragender Gemeindemitglieder, an der Spitze die um die hiesige Gemeinde vielfach verdienten selige Bermann, Abraham und Moses Trachtenberg, der gelehrte Dr. Salomon Loewenson, der unvergeßliche Dr. Dreh und noch viele andere Gleichgesinnte sich zusammenthaten, um einen würdigen und tüchtigen Rabbiner und Prediger hierher zu berufen. Wir waren damals noch sehr jung, wir hatten noch nicht einmal das zwanzigste Jahr erreicht, aber wir erinnern uns aller jener Begebenheiten, wie wenn es gestern wäre; alle jene Angelegenheiten sind vollkommen frisch in unserem Gedächtnisse. De» ersten Impuls ergriff der energische Moses Trachtenberg, der während seines damaligen Aufenthaltes in Lemberg persönlich Veranlassung nahm, mit dein tüchtigen Rabbiner und Prediger Dr. Schivabacher sel. Angedenkens Rücksprache zu nehmen. Im Jahre 1860 wurde derselbe von der hiesigen Gemeinde gewählt und in Bälde von der hohen Behörde in sein Amt bestätigt. Aber vor der Wahl war der Kampf ein heftiger; und mit Recht. Denn die Masse des Volkes war der deutschen Sprache nicht mächtig, und Dr. Schwabacher seinerseits kannte iveder die Landessprache, noch hatte er einen Begriff von seinen russischen Glaubensgenossen. Wie gesagt, der Kampf entbrannte mit Heftigkeit aus allen Linien, mit Ausnahme des kleinen Häufleins der intelligenten Mitglieder der Gemeinde. Aber die Männer, die an der Spitze dieser Gruppe standen, waren sich ’) Laut vorhandenen Taufscheins des Pfarramtes Lichtenstadt wurde Karl Fischer am 5. Juli 1755 geboren und am 6. Juli desselben Jahres unter dem Namen Josephus Carolus getauft. Erstarb am 22. Januar 1844.

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