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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-27 · Heft 43 (27.10.1899) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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509 Neue israelitische Erziehungslrestrebungeu in Kawburg. Von M. Beßmertuy. urch die Initiative des eifrigen Mitgliedes der „Henry Jones-Loge", Herrtl Moritz Heilbnth, sittd jüngst zwei Institute ins Leben gerufen, die der Beachtung in hohem Grade werth sind. Es sind das: die Knabenhandwerkskurse und die Jugendspiele. Beide Organisationen schließen den Besuch nichtisraelitischer Knaben nicht ans, doch sind sie naturgemäß in erster Linie beut Nutzen jüdischer Kinder gewidmet. Es wäre überflüssig, über die Bedeutung der handwerksmäßigen Knabenhmtdarbeit im Allgemeinen zu sprechen. Von berusener Seite sind alle einschlägigen Fragen sowie der erziehliche Einfluß derKnabenhandarbeit tvährend des „Kongresses für Kilabenhandarbeit" 1899 tu Dresdetr behandelt worden. Auch die Jugendspiele bauen sieh ans denselben pädagogischen lind hygienischen Prinzipien auf wie die bereits vorhandenen ähnlichen Veranstaltungen. Der spezifische Vorzug dieser neuen Grütrduligen liegt in der Berücksichtigung der weniger oder nicht bemittelten Klassen. Für diese sind die Kurse zunächst ins Auge gefaßt worden. Bei denjenigen Knaben, welchen der früh zu ergreifetlde praktische Bertis für die Zukuttft bevorfteht, soll der Sinn utib die Neigung fürs Handwerk geweckt utid genährt werden. Mit Liebe und Hingebung, an die Sache werden die Knaben vott Fachlehrern an drei Abettden der Woche in der Herstelltiug von Papparbeiten, in form- und geschmackbildenden Thvtiaibeiteu ittib in der Kerbschnitzerei unterwiesen. Das Lehrgeld beträgt nur wenige Mark für das Seutester, an dessen Schluß die Ausstelluttg ttnd Prämiirung der Arbeiten, sowie die Berichterstattung über die Führung und Fortschritte der Zöglinge erfolgt. Der Kursus währt von Ende Oktober bis Ende April. Die Jugendspiele beginnen Anfangs Juni und dauern bis Ende September. Auch hier muß, man den Segen empfinden, daß gerade den ärmeretl, in licht- und sonnenarmen Stuben lebenden Kindern Gelegenheit geboten wird, sich auf einem schotten freien Platze herumzutummeln und unter Leitung eines sachkundigen Lehrers in gymnastischen, kraftstärkenden Spielen mit einattder zu wetteifern. Da Hamburg verhältüißtttäßig nicht viele Spielplätze und nur ein einziges Institut für Knabenhandfertigkeit besitzt, helfen die neuen Gründungen ohnehin einem dringenden Bedürfniß ab und vereinen vor allem die Knaben der verschiedensten jüdischen Stättde zu gemeinsamer Arbeit und zu gemeinsamem Spiel. In dieser menschlichen Annäherung und kameradschaftlichen Genossenschaft ruht ein wesentliches ethisches Moment, das im Allgemeinen geeignet ist, die prononcirten Standesunterschiede zu ltivelliren und im Besonderen das Gefühl -der Zugehörigkeit zu beleben. In Rücksicht auf Hmr «ehr oder welliger hervortretenden Jndifferentismus inneOhslb der jüdischen Gemeinden dürften die Mittel zur Hebung des religiösen Bewußtseins als besonders günstig sich erweisen, die auf dem Gebiete der Erziehutlg liegen. Wer diesen Gedanken saßt und ihm Form und Gestalt verleiht, verdiettt daher die volle und dankenswerthe Anerkennung. Briefe ans Nord-England. Don Rabbiner Dr. St rauh in Bradford. (q~Yc^el(f)e Theilrmhme die Dreyfus-Affäre hier erregt hat, davon können Sie sich in Deutschland keinen Begriff machen. Mit kleiner Ausnahme (die Ausnahmen waren leider die Römisch-Katholischen) habeii die Geistlichen dev christlichen Religion eine oder mehrere Predigten diesem unerhörten Fall einer Ungerechtigkeit sonder Gleiche»« geividniet. Beileidsadressen und Entrüstungsbeschlüffe wurden in öffentlichen Versammlungen veranstaltet, die keinen Ziveifel darüber ließe»», »vas das protestantische englische Volk über die Antisemiten und klerikalen Offiziere in Frankreich dachte. Gegenüber der Religion und Pojitik hat sich das englische Volk einen gesünder» Gerechtigkeits- und Billigkeitsfinn erhalte», der nur in einen» Lande z>» finden ist, »vo nahezu hundert religiöse Sekten ihre Unabhängigkeit und äußere Gleichheit zu erkämpfen hatten und nun auch unter einander aufrecht erhalten. Es ist eine merkwürdige Erscheinung ii» Beziehung auf den Katholizismus. Während in Deutschland die Welleir des Antisemitismus unter der Aera Stöcker u. Co. hoch gingen, waren die Katholiken anscheinend Gegner desselben. Nun. da in Frankreich diese „Schmach des Jahrhunderts" ihre Triumphe feiert, sehen »vir die Klerisei und ihre Adjntanteir mit der» Airtisemiien unter ei»»er Decke. Allerdings haben gervisse Enrissäre des Vatikans, »vie der schlangenkluge Kardinal Banghai» ii» London, sich über die Begnadigung des Dreyfus gefreut, aber es »varen eigentlich doch nur „Krokodilsthränen der Freude" In der „Times" eiltspa»»» sich eine längere Korrespondenz über das Verhalten der Mtra»nonta»ien, die damit elidigte, daß der Kardinal Dinge zu hören bekam, die ihm gewiß nicht angenehn» »varen. Auch die Theater und Bergnügungshallen benutze»» die Affäre, u»»r die Mafien anzuziehen. I»» Bild und Wort wird de»»» Publikun» die ganze Verlaufsgeschichte des Dreyfns-Prozesses vorgeführt. Bereits ist ein Sprichivort aus dieser Geschichte hervorgegangen, und das »st „Freuch justice“, „französische Gerechtigkeit". Sie können sich de»»ken, daß auch die jüdischen Prediger das Dreyfus-Thema während der Festtage in mannigfaltiger Weise behandelten. Was durchaus erfreulich, ist der Umstand, daß Alle darin übereinstiiiimten, daß »vir Juden de»» Franzosen keinen Haß, sondern vielmehr Mitleid zeigen sollen. Die antisemitische Verblendung »verde auch vorübergehe», und »veru» der Sturm vorüber, so »verde der Himmel mix so klarer wieder erscheinen. Wir Juden aber »verden die Lehre sür uns zu beherzige»» haben, daß wir manches bei »»ns selbst zu verbessern hüben. Wir »nüffei» nicht glauben, daß »vir, indem »vir »ins den jüdischen Satzungei» in der Religion entfremden, der gemeinsainen Veräntivortlichkeit, die uns als Jude»» obliegt, entziehen. Die alte Erzählung vom Fuchse und den Fischen bleibt immer noch neu und anrvendbar. Wen»» wir in »»»seren» natürlichen Elemente der Thora nicht sicher sind, um wie viel weniger »verde»» wir es sein, »venu wir »ins außerhalb desselben begeben. Dreyfus »var ja bislarig kein Synagvgenbesucher, und doch mußte die Geineinschaft des Judenthnms darunter leiden. Auch in England ist nicht alles Gold, »vas glänzt. Es giebt leider nicht wenige reichgewordene Glaubeilsbrüder und Schwestern, die durch Verleugnung ihres Glaubens und Sendllilg ihrer Kinder in die Kirchen, den» Vogel Strauß ähnlich.

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