Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Air Mschr. jeher der fruchtbarste Nährboden für diese fürchterliche Legerrde gewesen, urrd von dem Mädchenmord in Polna hat man schon seit Monaten gesprochen. Ebenso lange haben die Antisemiten deshalb ihre Hetze getrieben, ihre Untersuchung geführt, ihre Eingaben an den Justizminister gemacht. Und die Juden haben geschwiegen und mit verschränkten Armen dem ganzen abscheulichen Treiben zugesehen. Jetzt erst reden sie. In unserer schnelllebigen Zeit wirkt aber eine so verspätete Preß- und Versainmlungsfehde wie die schöne Melodie aus Münchhausens Horn, die eingefroren war und erst nach Eintritt des Thauwetters plötzlich ertönte. Es wäre sinnlos, die Reihe der Vorwürfe, die wir zu erheben berechtigt sind, noch weiter auszudehnen. Auch haben wir durchaus Glicht die Absicht, das, was jetzt geschieht oder noch geschehen wird, als zwecklos hinzustellen. Wir wollten nur die Sachlage aufklären und darauf Hinweisen, daß, wenn man zu rechter Zeit einschreitet, manches Unheil verhütet werden kann. Die Zweifler, die Kleinmüthigen und Schwächlinge dürfte solche Prognose nur in ihren Abfallsgelüsten bestärken. Kein Zweifel! Jede neue Blntlüge hat eine große Zahl von Opfern im Gefolge. Es sind die, die auf dem Wege sterben. Sei es! Wer reif ist für ben Abfall, fällt doch früher oder später ab. Gerade hier ist die Geschichte die beste Lehrmeisterin. Für unsere Jugend mag freilich auch dieser Trostgedanke „veraltet" sein. Sie spielt ja nach modernen Mustern mit diesem Wort gar zu gern, das wie zum Nachplappern für die gedankenlose Menge erfunden zu sein scheint. Wir aber bleiben bei unseren veralteten Anschauungen. Denn sie sind für uns wohl alt, aber nicht veraltet. Wir sind auch durchaus nicht der Meinung, daß wir in „Strandhütten" wohnen, die jede zurückkehrende Fluth beschädigt wie einer dieser jungen Stürmer jüngst behauptet hat, und daß wir über unser Unglück uns nicht wundern dürften, da wir an so gefährlicher Stelle unser Häuschen hingestellt haben. Wir wissen vielmehr aus der verachteten geschichtlichen Erfahrung, daß es ein „wohlgebauetes Haus", in dem wir seit Jahrtausenden Schutz und Schirm vor beu herandrängenden Fluthen gefunden haben, daß dieses Haus alle Pyramiden und Paläste des Alterthums, alle Zwmgburgen und Ritterschlösser des Mittelalters überdauert hat. Denn sein Schutzgeist war der Glaube an die Vorsehung, die Israel für eine besondere Mission auserkoren hat. Diese Mission muß und wird es erfüllen. Im Uebrigen können wir auch angesichts der jüngsten Vorgänge nur auf beu Satz des großen Denkers Hinweisen: „Jahrhunderte sind Sekunden in dem großen Entwickelungsprozeß der fortschreitenden Menschheit; die ansteigende Kurve hat aber kleine Einbiegungen, und es ist gar unbequem, sich in solchem Theile des Niederganges zu befinden." Aber daß es wieder aufwärts gehe und schneller aufwärts und vorwärts als bisher, dafür können allein wir selbst sorgen, indem wir unsere Stimme so deutlich und laut erheben, daß sie gehört und verstanden werden muß. Wer gleichgiltig schweigt und glaubt, nichts Besseres zu können, wer die Besserung nur von einem glücklicheren Geschick erwartet, als ob die Freiheit und Wohlfahrt nicht errungen, sondern dem Begehrenden geschenkt werden müßten, der soll sich nicht wundern, wenn seine Hoffnungen eitel bleiben. „Wer frei sein will, muß führen selbst das Schwert", und nur Der hat ein Recht, sich über den Gang der Ereignisse zu beschweren, der sich das Zeugniß ausstellen kann, wenigstens alles pflichtgemäß gethan zu haben, um sie nach seiner rechtmäßigen Ueberzeugung zu lenken. Berlin, 25. Oktober, enn es wahr wäre, was die „Antisemitische Korrespondenz" in dieser Woche geklagt hat, daß bie akademische Jugend sich dem Antisemitismus immer mehr entfremde, so würden wir darin mit vollem Recht ein günstiges Omen für die Zukunft sehen dürfen. Es heißt in dem betr. Artikel: „Hier ist namentlich ein Umstand, der uns bedenklich stimmen sollte: in der Jugend ist das Interesse für unsere Partei nicht mehr in so starkem Maße ausgeprägt, wie das früher der Fall war. In der antisemitischen Hochflnth, Anfang der 90 er Jahre, beherrschten wir thatsächlich den deutschen Nachwuchs vollkommen. Heute ist der von uns gern gebrauchte Ausdruck: „Wir haben die Jugend, deshalb gehört uns die Zukunft", nicht mehr au« Platze. Welcher Jllugdentsche begeisterte sich damals für die alten Parteien? Heute bestehen in Köln und Essen (angeblich! Die Schrift!tg.) nationalliberale Jugendvereiue mit einer nach Hund er teil zählenden Mitgliederschaar. Ganz besonders aber haben wir in der akademischen I u g e n d a n A n h a n g v e r l o r e n. Ich habe bis vor Kurzeru zu ihr in engen Beziehungen gestanden und mich in Kreisen bewegt, die infolge ihres ausgesprochenen antisemitischen Standpunktes zur An« theilnahme au unseren Parteibestrebungen vornehmlich prädestinirt erscheillen sollten. Und doch muhte ich dle Erfahrung macheil. datz die einstmalige Hinneigung zu unserer Partei als solcher einer theils ablehnenden, theils abwartendeil Haltung Platz gemacht hat." Die Gründe für diese Abnahme führt das antisemitische Blatt bis auf eilten nicht an. Dieser eine genügt allerdings für alle anderen hundertzwanzig Grüllde: Es ist der Mangel an Intelligenz und Bildung innerhalb der antisemitischeu Partei! * Die antisemitische „Deutsche Reform" schreibt in ihrer Nummer 43 vom 22. Oktober: „Dreyfus-Sammlungen in Deutschland. Es lvurde von der Judenpresse bestritten, daß die Glaubensgenossen in Dentfchland ulld anderen Lälldern große Sunlmell gesammelt hätten, urn für die Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozesses Stimmung zu machen. Da passirt den deutschen Stannilesgenossell des frailzösischen Kapitäns jetzt ein kleilles Ullglück. Antisemitische Blätter hatten mitgetheilt, daß die „Alliance Israelite“ in München und zahlreichen anderen Städten Gelder für das Dreyfus-Shndikat gesammelt hätte. Dies wurde von dem Vorsitzenden des Müncheirer Zweigvereins der „Alliance Isra41ite\ Dr. Merzfelder, in einer Berichtigung bestritten. Nun hat aber eine polizeiliche Untersuchung (<?§ ist in Baiern verboten, ohne polizeiliche Erlaublliß Sammlungen zu verailstalten) die Thatsache zu Tage gefördert, daß thatsächlich w e i t u n d b r e i t unter den Iud eu Baiern s Geldsammlungen 3u Gunsten des DreYfns v0rgen0rlrmen w0rden seien. Das ist wieder ein echtes Judeustück. Für den Feind Deutschlands, Drehflls sammeln deutsche Juden, weil ihnen der Jude näher steht als Deutschland. Giebt zu benfen!" Jawohl, es giebt zu denken, nämlich, ob nicht gegenwärtig der berühmte Karl und seine verschleierte Dame, die den Dreyfus-Feind Ouesnay de Beaurepaire in Paris so schön hineingelegt haben, jetzt die antisemitische Presse Deutschlands als Arbeitsgebiet erkoren haben. Selbstverständlich ist an der ganzen Meldung kein wahres Wort. Noch immer beschäftigt der Polnäer Mordprozeß die Geister in Oesterreich. Die jüdischen Abgeordneten im österreichischen Parlament haben sich endlich zu einem gemeinsamen Schritt aufgerafft. Es umßte erst recht toll kommen, ehe dies geschehen