Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 27. Oktober 1899. 63. Jahrgang. Nr. 43. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements >Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt vom der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbtner &*• Ludwig Philtppson-Vonu. Verlags-Gxpe-ition: Gerün, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judenthums", Berlin 8 ^./Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhüil. Leitartikel r Was thun? — Die Woche. — Neue israelitische ErziehunaSbestrebüngen in Hamburg. Von M. Betzmertuh. — Briefe aus Nord-England. Von Dr Strauß. — Zur Polna-Affäre. — Briefe aus Odessa. — Eine Erinnerung aus dem Jahre 1848. II. Von F. Grebsen. — Feuilleton r Mirjam. Eine Geschichte aus dem römischen Ghetto. — Literarische Miltheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Schneidemühl, Deutsch-Krone, Oberglogau, Hamburg, Wien. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Geschiiftliche Notizen. Was thun? Berlin, 26. Oktober. eder einmal regt sich aller Orten das jüdische Gemeingefühl, und inan hört die Frage aufwerfen: Was ist zu thun? Wie soll man ffolcheu Vorkvnimnisse» begegnen? Wann werden nur endlich einmal zur Ruhe kommen? Ans diese drei Fragen giebt es nun allerdings eine alte Antwort in unserer heiligen Schrift. Aber ivir wisse» nicht, ob diese dein modernen Geschlecht von Stürmern und Drängern genügen würde. Dieses neue Geschlecht will nicht kämpfen sondern genießen. Es will nicht leiden, sondern sich im Besitze freuen. Es betrachtet die Emanzipation, nicht etwa als ein Geschenk, sondern als die Erfttllu,ng einer Mngst fälligen und allzu lange versäumten Pflicht. Mit Ungeduld rüttelt es an seinen Ketten, «nd ungestüm fordert es die Gleichheit und Freiheit, die ihm die großen Dichter und Denker verheißen haben. Es hat auch keine allzu große Lust, aus der Geschichte zu lernen. Jci^ es schätzt diese Lehrmeisterin sehr gering und möchte sie am liebsten aus dem Kreise der Wissenschaften aussch ließen. Und doch kann allen Blntlügen und Verfolgungen, allen Angriffen und Verleumdungen gegenüber, die die letzten Jahre in überreicher Fülle uns. gebracht, einzig und allein die Geschichte uns den wahren Trost gebe», aber auch den rechten Weg zeigeil, den wir einznschlagen habeni Wir begreifen es ja, daß eine Blntlüge das moderne Geschlecht ganz anders packt wie die früheren Generationen, die an derartige „Geservt" gewohnt waren und sich mit einem Gottvertrauen ausgerüstet hatten, das kein Leid zu erschüttern vermochte. Wir sind empfindlicher geworden, wir fühlen die brenttende Schmach tiefer. Aber wir sollten doch bedenken, daß zwischen den alten Blutprozeffen und den modernen Blut» lügen ein himmelweiter Unterschied besteht. Wir leben ja in einen, Zeitalter der Oeffentlichkeit und erfreuen uns des Segens geordneter Rechtsverhältnisse. So oft die Blutlüge n beü letzten Jahrzehnten ihr Gorgonenhaupt reckte, ist es ihr abgeschlagen worden. Das ist ein wichtiger und großer Unterschied. Aber was folgt daraus? " Es folgt daraus die beherzigeiiswerthe Lehre, daß wir kein Rechtsmittel unversucht lassen dürfen, um der guten Sache, die ivir vertreten, zun, Siege zu verhelfe». Das haben unsere Glaubensgenosse» in Oesterreich leider zu spät erkannt und AKHan. Prvtestversammlungen sind ohne Zweifel werthvoll Und lvichtig — für die Inden selbst, deren Gefühl der Zusänimengehörigtkit gestärkt lvird. Sonst haben sie nur den einen Ziveck, der Regierung zu zeigen, daß man sich nicht als politisches Handelsobjekt betrachten zu lassen geneigt ist, und daß man auf seinem Recht bestehen will. Aber darüber Hinalts giebt es noch wichtigere Dinge. Man muß sagen, daß die Antisemiten die Situation beffer ausznnutzeu verftandell haben als die Juden. Schon Monate vorher tagte eine vollständige UntersüchüngSkommission in Polna, die Protokolle aufnatzm, Zeugen verhörte, Gutachten einholte und sich somit in unerhörter Weise als ein vollständiges Gericht neben dem staatlichen etablirte. Nun meinen wir allerdings nicht, daß die Juden etwas Aehnliches hatten unternehmen sollen; aber wir meinen wohl/daß sie überhaupt vor dem Prvzeffe zu wenig gethan haben, um die volle Wahrheit zu eruiren und das Volk aüfzuklären. Es giebt der Mittel und Wege genüg, nm auch auf dem Boden des Rechtes und der vollen Oeffentlichkeit den Thatbestand einer dunklen Sache aufklären zu helfen und alberne Vorurtheile zu zerstören. Man braucht nicht, wie es die Antisemiten gethan haben, zu gesetzwidrigen Mittel» z» greisen und in Kiilturstaaten strafbare Handlungen zu begehen oder zu solchen aufzufordern, aber es ffeht kein gesetzliches Hinderniß im Wege, wenn man der Justiz die Ausklärungeu verschafft, die ihr von Nöthen sind, wenn man ihr bei der Suche nach dem wirklichen Mörder hilft, ehe es diesem gelingt, die Spuren seiner Schandthat zu verwischen, und nur ein böswilliger Mensch kann dies als Beeinflussung deuteri. Auch kann es Niemarld einer Glaubensgenoffeuschaft verwehren, wenn sie ihr Heiligthum mit allen Rechtsmitteln vor Angriff und Verleumdung schützt. Alle Schritte, die man jetzt thut, alle Gutachten von sachverständigen Aerzten, von Theologen u. s. w , die man jetzt sammelt, Hütten vorher gethan und publizirt werden sollen, in« der Sache, die wir vertreten, Nachdruck zu geben. Auch der blödeste Antisemit hätte den Juden keinen Vorwurf daraus «lachen können, daß sie sich ihrer Haut wehren. Und man kann nicht einmal sagen, daß die ganze Angelegenheit die österreichischen Juden unvorbereitet getroffen habe. Das tschechisch-katholische Oesterreich ist seit