Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Gieb nicht nach, David!" sagte sie. „Laß mich nur sitzen! Laß Dich von ihnen nicht beschummeln! So wahr ich lebe. Du darfst nicht! Geh nach Hanse!" * *. * So rückte beim der besiegte Eliphas in der elften Minute, mit dem Rest heraus, und fortan lebten Alle glücklich und in Frieden mit einander. Ver Parnossim-Tag. Sehr geehrter Herr Redakteur! t ei aller Anerkennung Ihrer Bestrebungen, alle irgendwie bedeutsamen Erscheinungen und Ereignisse innerhalb der Jndenheit in Ihrem Blatte zur Sprache zu bringen, kann ich Ihnen doch den Vorwurf nicht ersparen, daß Sie ail mancher wichtigell Begebenheit achtlos vorübergehen. Wer eigentlich die Schuld daran trägt, werden Sie selbst am leichtesten herausfinden können. Ich meine, seitdem mein unvergeßlicher Freund Kaßriel Pesachsohn in Ihrem Blatte nichb mehr zum Worte kommt, zeigt Ihre Berichterstattung bedenkliche Lücken. Nicht, als ob Ihre Leser nicht aufs Genaueste darüber unterrichtet lvürdeu, welcher Glaubensgenosse seinen füilfzigsten, sechzigsten, siebenzigsten und, wenws hoch kommt, achtzigsten Geburtstag unter rührendster Antheilnähme sämmtlicherSchichten der Bevölkerung gefeiert hat, wer zum so und so vielten Male als Mitglied des Vorstandes, der Repräsentantenversammlung, der Stadtverordneten gewählt wurde, an wessen Grab der gefeierte Prediger eine seiner bekannten ergreifenden Reden losgelassen hat u. dgl.m. Aber es passiren doch auch noch andere Dinge innerhalb der Jndenheit, die zum mindesten für die Allgemeinheit so interessant sind wie die genannten Dinge. Und gerade über diese Dinge wollte mein unvergeßlicher Freund Kaßriel Pesachsohn Sie und Ihre Leser auf dem Lanfenden erhalten. Warum haben Sie sich dessen Gunst verscherzt? ivaruiir haben Sie den Trefflichen nicht für die noch immer nicht besetzte Rabbinerstelle in Berlin empfohlen? Wahrlich, er Hütte es so gnt wie mancher Andere verstanden, mit beu Orthodoxen orthodox und mit den Liberalen liberal zu sein. Ich muß Ihnen, geehrter Herr Redakteur, die Verantwortung dafür überlassen, daß Sie der Reichshauptstadt diese schätzbare Kraft nicht haben gewinnen helfen. Von seiner immensen Gelehrsamkeit hat Ihnen Freund Pesachsohn durch seine Berichte überzeugende Proben geliefert. Und wenn Sie ihn ilur einmal hätten reden hören! Salomvn, Manheimer, Joel, Jellinek hätten Sie in ihm vereint gesunden! Aber so oft Sie schon die frühere Art der Rabbinerwahlen empfohlen haben: noch niemals habe ich in Ihren Reiseberichten gelesen, daß Sie im Geheimen einen Rabbiner ausgesucht haben und unbemerkt seinen Worten lauschten, um mit Ihrer Entdeckung einer Berühmtheit vor die maßgebenden Männer in Berlin zu treten. So blieb auch unser lieber Kaßriel in seinem entlegenen Erdenwinkel als das im Verborgenen blühende Veilchen; Berlin bekam immer noch keinen Rabbiner, und Sie verloren zudem die werthvolle Mitarbeiterschaft des Herrn Kaßriel Pesachsohn. Ich bilde mir nicht ein, diesen Mann im Stabe Ihrer Berichterstatter ersetzen zu können. Aber weil schon unsere Weisen sagen: an dem Orte, wo kein Mann ist, bemühe du dich, ein Mann zu sein, will ich versuchen, die große Lücke auszufüllen, die seit Kaßriels Fernbleiben in Ihrem Blatt« sich bemerklich macht. Ich verlange keinen Lohn für meine Mitarbeiterschaft, nicht einmal, daß Sie sich für mich in Posemukel verwenden. Nur sollen. Sie mein« Berichte abdruckeil. Darin finde ich in meiner Bescheidenheit die größte Anerkennung und einen wirksamen Sporn zu weiterer Thätigkeit. Ich habe mich nämlich noch nie gedruckt gesehen, und ich freue mich, mit dem Bericht über eine welterschütternde Begebenheit mein erstes Debüt zu feiern. Gleich nach den diesjährigen Herbstfeiertagen fand in allernächster Nähe meines Hei mathsortes ein Parn ossiM-Tag statt, von dem Sie bis jetzt unbegreislicheriveise keine Notiz genommen. Anlaß zu demselben gab der „Fall Singer", von dem Sie allerdings nicht umhin konnten, im „Sprechsaal" Ihre Leser zu unterrichten. Wie es in dem Einladungsschreiben hieb, galt es vor allem, die Stellung der Parnossim gegenüber den Uebergriffen der Rabbiner zu wahren. 95 Parnossim waren der Einladung gefolgt, und nachdem der Einbernfer die zahlreich erschieneneil Kollegen begrüßt hatte, erhob sich alsbald ein geivaltiger Streit um den Vorsitz. Man einigte sich schließlich dahin, den bedeutendsten unter deil erschienenen Parnossim mit dem Vorsitz zu betrauen. Aber nun ging der Streit erst recht los. Denn begreiflicherweise wollte jeder der Bedeutendste sein. Zufällig hatte ein Parneß seinen Chasan mitgebracht. Dieser schmetterte in daS allgemeine Geschrei einige kunstvolle Kadenzen und erregte damit solches Entzückeil, daß ihm der Vorsitz übertragen wurde. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden (wie einer der Parnossim unter allgemeiner Zustimmung seiner 94MitParnossim behauptete), daß heutzutage der wichtigste aller Kultusbeamten eben der Chasm» sei. Ich bin nicht im Stande, all die Weisheit wiederzugeben, welche die 95 Parnossim bei ihren Verhandlungell zu Tage förderten. Der stenographische Bericht wird sie der staunenden Mitivelt und den spätesten Geschlechtern verkünden. Nur so viel für heute. Man kam überein, daß die Rabbiner viel zu viel zu sagen hätten, und beschloß, den» dadurch Schranken zu setzen, daß von den Rabbinern eine besondere Steuer bei jedem Betreten der Kanzel erhoben werde. In religiösen Dingen soll der Rabbiner nicht mehr maßgebend sein, da jedes, selbst das geringste Gemeindemitglied mehr davon verstünde. Damit der Rabbiner seiner Bedeutungslosigkeit gegenüber dem Parneß bewußt lverde, solle er zur militärischen Ehrenbezeigung vor dem Parrieß verpflichtet sein. Einige Parnossim wollten sich mit dem Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung begnügen, die Mehrheit aber entschied sich für das Frontmacheu. Dabei kani auch die Uniformirung der Parnossim zur Sprache, und es wurde eine Kommission gewählt, welche dem nächsteil Parnossim-Tage Modelle der Uniform vorzulegen hat. Weiter ward beschlossen, deil Rabbiner gehaltlich unter den Chasan und unter den Schames zu stellen, damit er endlich einsehe, wer er sei. — Das übliche Festmahl schloß den Parnosstmtag. Bei demselben fand ein begeisterter Toast auf die Selbstherrlichkeit der Parnossim stürmischen Beifall. Und das alles haben Sie, geehrter Herr Redakteur, Ihren Lesern verschwiegen? Können Sie das verantworten bei Ihrer Verantwortlichkeit? Werden Sie das Versäumte nachholen? Wenn Sie dazu sich entschließen, dann sollen Sie bald mehr hören von Ihrem Lob Korach. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.