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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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blick tu seine wissenschaftlichen Kreidezeichnungen vertieft war, >uNd sprach zum ersten Mal mit-ihm über die Sache. „Ich bin Nicht der Man», der handelt/' sagte Eliphas; er reichte also dem jungen Manne seine schwarzgelbe Hand, von -irgendwo sprang eine Flasche Schnaps hervor, die Arbeit wurde für fünf Minuten unterbrochen, und alle Gehilfen tranken, während Aufregung und Ueberraschung herrschte. ■ Sugermans Besuche hatten sie darauf vorbereitet, das; Rose Glückwünsche bevorstanden, aber daß David es war, war für sie ein Schlag. Die förmliche Verlobung wurde durch noch größere Schmausereien gefeiert, und zuletzt kam der Hochzeitstag heran. David strahlte in einem Frack ans Diagonalstoff, den er sich eigelihändig zugeschnitten, »nid Rose ivar, als sie aus der Droschke stieg, eiir Mischmasch von Blumen, Schönheit und weißer Seide; hillter ihr kamen zwei Brautjungfern — ihre Schwestern — ein Trio, das das mit Zuschauern übersäte Pflaster vor der Synagoge verklärte. Eliphas sah in seinem glänzenden Cylinder und lveißen Vorhemd beinahe groß aus. Sugerman kam zu Fuß; seinen rothbesockten, kleinen Ebeneser trug er auf dem Arm. David und Rose waren nicht das einzige Paar, das getraut werden wollte, denn es war der dreiunddreißigste Tag des Omer, ein Tag, der an Heirathen sehr fruchtbar ist. Aber endlich kam auch an sie die Reihe. Sie erschienen jedoch nicht, und ihre Bekannten in der Synagoge wunderten sich, warum sie den Dvrtritt verloren hatten. Nachdem mehrere spätere Trauungen vollzogen worden, erhob sich ein Flüstern; das Gerücht von einem Hiuderniß gewann stetig an Boden und erregte die entsprechende Sensation. In der That, die Rose sollte nicht ohne einen Stich des Dorns gepflückt werden. Allmälig traten die Thatsachen zu Tage, und summende Reden und Erklärungen liefen durch die lvartende Versammlung. Eliphas hatte die versprochene Zahlung nicht geleistet. Zuerst erklärte er, daß er das Geld sofort nach der Ceremonie erlegen werde; aber der schlaue, durch Erfahrung klug gewi rdene Sugerman forderte zu Gunstell seines anderen Klienten sofortige Baarzahlung. Eliphas, hart bedrängt, zog zehn Pfund aus der Hosentasche und bot sie als ä conto an. Sugerman wies sie verächtlich zurück, und die Unterhandlungen wurden unterbrochen; Die Partei des Bräutigams lagerte in dem einen Zimmer, die der Braut in einem anderen, und nach einer peinlichen Pause schickte Eliphas einen diplomatischen Unterhändler und ließ sagen, er werde die Hälfte des Betrages erlegen, und zwar fünf Pfund in einer funkelnagelneuen Note der Bank von England. David, von Sugerman belehrt und ermuntert, blieb fest. Nun erhob sich ein Lärm von Stimmen, eitt Chaos von Rathfchlägen; die Freunde rannten zwischen den beiden Lagern hin und her, einige verließen sogar ihre Sitze in der Synagoge, um die Verwirrung zu erhöhen. Aber Eliphas hatte eine uneinnehmbare Position bezogen: er hätte kein Baargeld mehr. Morgen, am nächsten Tage, würde er welches haben. David, blaß und störrisch, klammerte sich noch fester an die Maschinen, die ihm null zu entschlüpfen drohten. Er hatte seine Braut an diesem Morgen noch nicht gesehen; ihr Gesicht war daher im Vergleich zur Greifbarkeit jener Maschinen schattenhaft. Die meisten der anderen Bräute waren nun bereits verheirathete Frauen, und die Lage der Dinge wurde eine verzweifelte. Aus dem weiblichen Lager kamell schreckliche Gerüchte von in 503 -- Krämpfen liegenden Brautjungfern und einer Braut, die tief beschämt und gedemüthigt ihren Kranz zerrissen hätte. Eliphas ließ sagen, er wolle für den Rest einen Wechsel geb?n, aber er könlie faktisch kein Baargeld mehr allftreiben. Sugerman wies den Abgesandten au, Eliphas den Rath zu geben, er möge das Geld von seineil Freunden borgen. Und der kurze Frühlingstag schwand dahin. Vergeblich verlängerte der von dem Hiuderniß unterrichtete Prediger die Trauformel für die anderen Paare und segnete sie mit gemächlicherer Salbung. Die Causa David-Grün ließ sich nicht iirs Unendliche hinausschieben, und zuletzt blieb Rose die einzige orangenblüthenbekränzte Jungfrau in der Synagoge. Da entstand eine feierliche, erwartungsvolle Pause, die, als Minute ans Minute verrann und das letzte Brautpaar noch immer nicht erschien, allmälig zu einem Brausen schwatzender Zungen anschwoll. Das letzte Bulletin schilderte die Braut als in einer tiefen Ohnmacht liegend. Der Tag begann zu dunkeln. Der Prediger verließ feinen Platz neben dem Trarchimmel, unter dem so viele Leben vereinigt worden, und verstärkte durch seine weiße- Kravatte die Streitkräste, die ein Kompromiß herbeizuführen eiferten. Aber er hatte keinen besseren Erfolg als die Anderen, und wüthend über den Eigensinn der Gegner erklärte er, die Synagoge schließen zn lassen. Er gab dem Paare zehn Minuten Zeit, um entweder zu heirathen oder fortziigehen. Daun kam das Chaos und Pandämonium — ein tolles Babel von Rathschlägen und Ermahnungen. Als fünf Minuten . vorüber waren, meldete ein Gesandter Eliphas', daß seine Partei zwanzig Pfund zusammengekratzt habe; aber das sei ihr letztes Angebot. David schwankte; die Kämpfe des Tages hatten ihn stark mitgenommen und die Berichte über die Trauer der Braut' ihn schwach gemacht. Sogar Sugerman hatte seine Siegesgewißheit verloren. Noch ein paar Minuten, und beide Provisionen konnten seinen Fingern entschlüpfen. Sobald die beiden Parteien die Synagoge eimnal verlassen hatten, würde es nicht so leicht sein, sie ein andermal wieder hereinzutreiben. Aber er feuerte seinen Mann trotzdem an — man konnte noch immer in der zehnten Minute uachgeben. In der achten brach das Schwirren der Zungen plötzlich ab, um dann sozusagen in einer anderen Tonart transponirt zu werden. Durch die hernmfuchtelnde Versammlung strich jenes erwartungsvolle Murmeln, das sich immer einstellt, wenn etwas Besonderes geschieht und die Prozession endlich kommt. Durch einen geheimnißvollen Magnetismus wurden sich Alle bewußt, daß die Braut selbst — die arme hysterische Braut --- — das väterliche Lager verlassen hatte und nun in eigener Person erschien, um mit ihrem geldsüchtigen Verlobten zu unterhandeln. Aber als die Pracht Roses, der Blumen und der weißen Gewänder Davids Auge traf, schmolz sein Herz in Anbetung, und er wußte, daß seine Festung bei der ersten Berührung in Trümmer fallen würde. War das ein ehrlicher Kampf? Als sein trüber Blick sich klärte, und sie näher an ihn herankam, sah er zu seinem Erstaunen, daß sie ganz tadellos und ruhig aussah — keine Spur von Thränen trübte die Schönheit ihres ' Gesichts, keine Spur von Unordnung war an ihren: Brautkranz zu sehen. — Der Zeiger wies auf die neunte Minute. Sie legte flehend die Hand auf seinen Arrn, während ein hinnnlisches Licht auf ihrem Gesicht erschien — der Ausdruck einer Jeanne d'Arc, die ihr Volk ermuthigt.

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