Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Dann nahm ein schvn bejahrter Mann, der gebückt vor sich hinstierend am Tische saß, das Wort: „Soll es denn wirklich wahr sein, was man sich davon erzählt?" „Was meinst Dil denn!" gab der Wirth zurück, „wenn ich es doch sage, könnt Ihr es ruhig glauben!" damit bekräftigte er jedesmal seine Nachrichten ulid hob alle etlva aufsteigenden Zlveifel kurz auf. „Ich kann mir das gar nicht denken," sprach der Andere im ruhigen Tone weiter, „das geht doch zu weit, seinen eigenen Herrn —" „Herrn, was Herrn!" unterbach ihn eine aufgeregte Stimme, „Alle müsseir sie heran, die Aussauger, '.vir wollen keine Herren und Knechte mehr!" Ein Beifallsmurmeln folgte, dann sprachen und schimpsten Alle laut durch einander, so daß der Eine deir Anderen nicht verstehen kvirnte. — Bon der Straße her drängten jetzt immer mehr in den engen Wirthsranm, so daß man sich kaum rühreil konnte, die Nachkommenden mußten ans dem breiten, mit Backsteinen bepflasterten Flur stehen bleiben: die Ersten in der offenen Thür, dahinter pflanzten sich die Uebrigen auf, reckten neugierig die Hälse und frugen bald nach links, bald nach rechts, was eigentlich da vorgehe. Zwischen der Masse hindurch zivängte sich der behäbige Wirth zur Bedienung seiner Gäste, in seinen Augen leuchtete es froh ans; die Zeit brachte Geld in seine Kasse, und seit Langem hatte er nicht solch ein gutes Geschäft genlacht >vie heute. Plötzlich verstummte das laute Durcheinander, das sich von der Straße her lvie das ferne Summen eines Bienenschwarmes anhörte. Ein kleiner, breitschulteriger Mann hatte sich erhoben, sein Gesicht war roth und verzerrt uild trat aus deiil dunklen struppigen Vollbart >vie ans einein Rahmen hervor^ „Wir haben hier," begann er mit vor Erregung zitternder Stimme, „will ich Euch sagen — wir haben hier — ich mein — den größten Wucherer des ganzen Kreises - hier im Dorfe wohnen — der uns wie eine Kreuzspinne aussangt, ich meine - Ihr wißt es ja — den dicken Händler — er hat mich jetzt ganz an den Bettelstab gebracht, und Mittwoch, — diesen Mittwoch jagt er mich mit Weib und Kind vom Hof, angeknndigt hat er es nur schon. Verflucht soll er sein!" Dabei schlug er mit der knöchernen Fairst auf ben Tisch, daß die Gläser klirrten. (Schluß folgt.) Eine Partie. Eine Humoreske. Von I. Zangwill. III. ugerman sah die Anzeichen der Schwäche bei Eliphas und warf sich mit voller Gewalt in die Bresche. „Es ist noch die Frage, ob David sie überhaupt haben will. Ich habe ihm diese Partie noch nicht angetragen, ich wollte erst hören, ob Ihnen die Idee gefällt." „Aber ich wußte nicht, daß er Geld hat!" murmelte Eliphas. „Natürlich nicht, dazu ist ja der Schadchen da — er nut den Leuten zeigen, was ihnen vor der Nase liegt." „Aber woher hat er das-Geld?" „Von Ihnen," sagte Sugerman offenherzig. „Von mir? „Von wem sonst? Sind Sie nicht seit: Brodherr? Es ist für seinen Hochzeitstag weggelcgt worden." „Hat er es erspart?" „Er hat es nicht.ansgegeben," sagte Sugerman ungeduldig. „Aber meinen Sie wirklich, daß er sich fünfzig Pfund erspart hat?" „Wenn er von Ihrem Lohn fünfzig Pfnttd ersparen könnte, wäre er tvirklich ein Zauberer. Vielleicht lverdeit es dreißig sein." „Sie sagten ja fünfzig!" „Sie sind ja auch auf dreißig heruntergegangen. Sie können doch nicht ertvarten, daß er mehr hat, als Ihre Tochter ihm bringt." „Dreißig habe ich nie gesagt," erinnerte ihit Eliphas, „siebenundzwanzigeinhalb ivar mein letztes Augebbt." „Gut, das wollen wir als Grundlage für'die weiteren Unterhandluitgen seststellen," sagte Sugerman ergeben. „Ich werde ihn noch heute besuchen. Denn wenn ich jetzt zu ihm hinginge, um mit ihm zu sprechen, würde er bemerken, wie ttngeduldig Sie sind, und seine Ansprüche erhöhett. Das taugt nichts. Natürlich werden Sie mir eilt Pfund mehr geben, weil ich Ihnen einen so sparsamen Schwiegersohtt gefnttden habe?" „Keinen Pfennig mehr." „Sie brauchen keine Angst zu haben," sagte Sugerman empört. „Ich glaube nicht, daß ich ihn dazit bringen werde, sich einen so sparsamen Schwiegervater zu nehmen. Es wird Ihnen also nichts schaden, wenn Sie's versprechen." „Also gut," sagte Eliphas mit einer müden Geberd« und setzte seine Maschine wieder in Bewegung. „Siebenundzwanzigeinhalb Pfund, hören Sie?" sagte Sugerman, das Gerassel überschreiend. Eliphas nickte, iitdem er ttoch lauter raffelte. „Und vor der Hochzeit wird ansgezahlt. Abgemacht?" Die Maschine schenkte dem keine Beachtung. „Vor der Hochzeit, hören Sie?" wiederholte Sugerman. „Ehe wir unter den Trauhimmel gehen." „Machen Sie, daß Sie sortkommen," brummte Elphias mit einer ungeduldigen Handbewegung, „es wird schon alles in Ordnung sein." Und der weißhaarige Kopf beugte sich unerschütterlich über die Arbeit. —- Am Abend entlockte Rose ihrein Vater den Zweck von Sugermans Besuch und gestand, daß die Idee nach ihreni Geschmack sei. „Aber glaubst Du, daß er mich haben ivill, Väterchen?" fragte sie mit schmeichelnden Augen. „Meine Rose möchte Jeder haben." „Aber David ist anders als die Anderen. Er saß so viele Jahre neben mir und hat nichts gesprochen." „Er hat an seine Arbeit denken müssen; er ist ein guter, sparsamer junger Mann." „Sugerman bemüht sich in diesem Augenblick wohl, ihn zu überrede«, nicht wahr? Wird er viel Geld verlangen?" „Sei ruhig, mein Kind." Und er fuhr mit der fleckigen Hand über ihr Haar.- Am nächsten Tage erschien Sugerman abermals und berichtete, David sei unter dreißig Pfund nicht zu haben. EliphaS, des Streites müde, rief David herbei, der bis zu diesetn.Augenmm