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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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und hat das Zünglein der Waage nach einer bestünmten Seite hin sich neigen sehen? „Ist es aber möglich, daß die ganze Welt Unrecht «ich die Juden allein Recht haben?" Gewiß ist es möglich, und die Blutlüge ist der Beweis. Hier sind ja die Juden so rein wie die Engel des Himmels. Ein Jude und Blut? Giebt es denn zwei größere Gegensätze als diese? Und dennoch.... ' Gin Brief Ave-Lailemants an Ludwig Philippfon. Von Dr. M. Kayserling. fer verstorbene großherzoglich sächsische Hofrath Dr. Fr. Ch. B. Ave-Lallemaiit, der Verfasser des bekannten vierbändigen Werkes: „Das deutsche Gaunerthnm in seiner sozial-politischen, literarische,l und linguistischen Ausbildung u. s. w." (Leipzig 1858—1862) und anderer Schriften, stand'mit dem sel. Dr. Ludivig Philippson mehrere Jahre in Korrespondenz. Folgender charakteristische Brief, datirt Berlin, den 20. Oktober 1884, dürfte in dieser Zeit des neu erwachten Glaubenshasses für di« Leser dieser Zeitung nicht ohne Interesse sein. „Hochwürdiger Herr Doktor Philippson! Ihre gütige Erwiederung auf meinen Glückwunsch zum letzten hat mich wie ein Segen durchdrungen und gereicht mir zur Erhebung zu dem Einen Ewigen, besten Gnade und Kraft ganz allein den Menschen hält und erhebt. Dieser Ewige mag denn auch den Spätabend Ihres segensreichen Lebens »nt Seinem Glanze erhellen, auf daß wir alle ihn in seiner ganzen Einmüthigkeit mit Hand und Mund Preisen immerdar. So will ich denn auch Ihren Segensspruch als dankbare Erhebung zum Ewigen hinnehme», der mich am 7. November d.J. den sünszigsten Jahrestag erleben läßt, an welchem ich zu Jena zum Doktor beider Rechte cremt worden bin. Es ist viel Gnade beim Herrn! Mit innigster, dankbarster Verehrung und Liebe Ihr Av e-Lallemant." Eine Erinnerung aus dem Jahre 1848. Nach einer wahren Begebenheit erzählt von F. Grebsen. fer große westfälische Volksführer errang durch seine zündenden Reden von Tag zu Tag neue Erfolge bei dem berauschten Volke, so daß sich sein Ruhm schon ans die kleinen. Plätze und die Dörfer sortpflanzte. Wie Welle auf Welle das Wasser dem Meere zuträgt, so wälzten sich jetzt die Träume von Freiheit und Brüderlichkeit von Mund zu Munde fort: aus den großen Städten in die kleinen und aus diesen in die Dörfer, nnd riefen in den trägen Köpfen der Bauern Verwirrung und Aufregung hervor. Auch in dem freundlichen Dorfe X. gährte es allmälig. Man sah die sonst unbekümmert um die Anderen ihrer Arbeit nachgehenden Bauern die Köpfe zusammenstecken und geheimnißvolle Gespräche führen; die Frauen erzählten sich stundenlang wundersame Geschichten, die von Erzählerin zu Erzählerin an Ungeheuerlichkeit und Abenteuerlichkeit znnahmen. Sorgenvoll und beängstigt gingen die Kauflente des Dorfes Abends um ihre Besitzungen und spähten vorsichtig aus, ob nicht einer der grünen Thür- und Fensterläden ausgebessert werden müßte. Da Platzte wie eine Bombe in . die gährende Masse die Kunde von der gewaltsamem Entführung des großen Grundbesitzers des Nachbarstädtchens, dem stundenweit alle Bauern steuerpflichtig waren. > Bei Nacht hatte man ihn überfallen, gefesselt, unter Toben und Geschrei in die -.drei Stunden entfernte Gemeinde - gebracht, die ihm ganz gehörte, und. ihn hier durch Drohungen und Verwünschungen gezwungen, die jährlichen Abgaben zu erlassen. Wie vom Sturmwind getragen, verbreitete sich diese Siegeskunde von Gehöft zu Gehöft bis in die entlegenste Hütten- Es war Sonntag, die Hanptmeste vorüber, nnd die Männer standen in dichten Gruppen auf dem Kirchhof und der Dorfstraße. Die Frauen schritten schaarenweise den Wohnungen zu und erzählten sich das Geschehene; sie wären heute zu gern bei den Männern geblieben, um alle Einzelheiten des großen Ereignisses zu erfahren, aber das Mittagbrov mußte noch hergerichtet und das Vieh versorgt »verden. Die erste Gruppe der Männer begab sich jetzt in den „Kreuzkrng"- das der Kirche gegenüberliegende Wirthshans. Als sie in die sauber geputzte Stube traten, deren eichener Fußboden mit frischem Sand bestreut war, trafen sie an einem der blankgescheuerten Tische schon den Martenbauer vor seinem .„Halben" an. Er war xin langerhagerer Mann mit bartlosem Gesicht, in dem unter buschigen Augenbrauen zwei stechende dunkle Augen hervorfunkelten. Er wurde allgemein der „lange Peter" genannt und hatte eine große Macht im ganzen Kirchspiel, weil er der Einzige weit und breit war, welcher „reden" konnte; ja selbst die alten, besonnenen Leute hielten viel von dem 28jährigen Burschen. „Schon hier, P»ter?" begrüßten ihn die Eintretenden. „Hier ist's angenehmer als draußen," entgegnet« er, kräftige Rauchwolken aus einer kleinen Thonpfeise vor sich hinblasend, „man kann sich wenigstens außen und innen ivärmen!" Inzwischen füllt sich die Wirthsstube, Alle gruppirten sich um .die Tische, nach Peter schauend, und bestellten Bier und Branntwein. Im Augenblick war die niedrige Stube voir dichtem Qualm angefüllt. Der dicke Wirth brachte Allen mit behäbiger Langsamkeit das Gewünschte, stellte sich dann mit gespreizten Beinen vor den großen Kachelofen, in dem die fichtenen Scheite lustig knisterten, rückte das runde bestickte Hanskäppchen aufs linke Ohr und meinte: „Na, habt Ihr gehört, wie es dem alten Wucherer v. L. ergangen ist?" Er begann stets in seiner Wirtschaft ein allgemeines Gespräch und war, da er alle Neuigkeiten wußte oder wenigstens zu wissen glaubte, für die Leute die Zeitung, indem er ihnen -jeden Sonntag das Vorgefallene der vergangenen Woche mit selbstgefälliger Weitschweifigkeit erzählte. „Ja, so war's recht!" — „Sie hätten ihn aufkuüpfen müssen!" — „So muß es allen Blutsaugern gehen!" — erschollen die Stimmen bei dieser Nachricht erregt durch einander.

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