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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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andere Eigenschaft mit denen einer ganz anderen Gesammtheitj gemeinsam haben kann, während der Name, den das Einzel- ■ ding trägt, nur dessen Verhältniß zu einer Gesammtheit in einer Beziehung, nicht aber in allen Beziehungen kennzeichnet. Zn derartigen Fehlschlüssen kann und Pflegt that-; sächlich die allgemeine Uebereinstimmung zu greifen, wenn es sich um Juden handelt. Diese und diese sind ihrem Namen nach Juden und ihrer Eigenschaft nach Betrüger. Daraus' folgt, daß die Juden ihrer Eigenschaft nach Betrüger sind. Der logisch Denkende freilich würde ihnen darauf einwenden, daß selbst, wenn es ausgemacht wäre, daß sämmtliche Inden Betrüger sind, es auch dann nicht erwiesen wäre, daß die Juden als solche Betrüger find, d. h., daß die Eigenschaft * des Betrügers, die jedem Inden innewohnt, mit dessen Zugehörigkeit zur Gesammtheit „Inden" zusautmenhängt mtd nicht mit einer anderen Gesammtheit (etwa der Gesammtheit „Kaufleute"), der er gleichzeitig mit Anderen, die mit der Gesammtheit „Inden" nichts zu thnn haben, als Einzelglied angehört. Um nun die Sache festzustellen, müßte man zunächst jene Anderen untersuchen, die gemeinsam mit den Juden irgend einer Gesammtheit angehören. Erst nachdem man festgestellt, daß man die Eigenschaft des Betruges keiner anderen Gesammtheit, die in sich Juden und Nichtjuden enthält, znschreiben könne, erst daun hätte man das Recht, den Schluß zu ziehen, daß das Judenthum die Quelle des Betruges ist. Aber, wie gesagt, der große Haufen pflegt derartige Untersuchungen gewöhnlich nicht anznstellen. Und wir dürfen dasselbe auch unserer Menge nicht zumnthen. Diese hört das Urtheil, das die allgemeine Uebereinstimmnng über sie gefällt hat, und sie sieht gleichzeitig, daß Viele in unserer Mitte thatsächlich dieses Urtheil rechtfertigen. Dies genügt, daß sie selbst ihre Uebereinstimmung damit erklären. So werden die „Charaktereigenchümlichkeiten der Inden" als gangbare Münze in Umlauf gesetzt, und sie gehen allmälig aus der äußeren Uebereinstimlnnng der Völker in die innere Uebereinstimmung unseres eigenen Volkes über, mit dem Unterschiede freilich, daß jene unsere schlechten Eigenschaften mit lautem Applomb und hämischer Schadenfreude nach einander aufzählen, während wir ihnen mit leiser Schamhaftigkeit und demüthiger Rechtfertigung Wort für Wort nachsprechen. Die Völker vergleichen uns mit einem thönernen Gefäß, das man nicht anders als zerschmettern muß, wir aber vergleichen uns mit eisernem Geschirr, das durch Reinigung und Glühen noch immer in Stand gesetzt werden kann.... Dieser Zustand kann uns, wenn er anhält, einen großen moralischen Schaden zufügen. Es ist für ein Volk sowohl als für den Einzelnen nichts so gefährlich als Sünden einzuräumen, die man nicht begangen hat. Denn wer thatsächlich sich versündigt hat, dem steht ja die Rückkehr offen, und i bei gutem Willen kann er den Schmutz von sich abschütteln. Wie aber soll Derjenige, der durch Andere dahingebracht ist, an seine Verworfenheit zu glauben, sich in seinen eigenen Augen reinigen können! Einerseits muß er sich ja dem Urtheil der „ganzen Welt" beugen, die ihn verschiedener Fehler bezichtigt, andererseits sühlt er, daß er diese Fehler nicht abschütteln kann, da sie nur in der Einbildung der Leute existiren, und so befindet er sich in der komischen Lage jener Monomanen, bei denen sich aus irgend einer Ursache der Glaube eingewurzelt hat, daß an ihrer Nase eine große Last hänge, die sie natürlich unter keinen Umständen abwerfen können. Ja, manchmal bringt ein derartiger Glaube den Menschen dahin, daß er sich thatsächlich die häßliche Charaktereigenschaft aneignet, die nach seinem Glauben seiner Gesammtheit als solcher innewohnt, obwohl er seiner individuellen Anlage nach absolut dazu nicht geneigt ist. Es steht, -um nur ein Beispiel änzusühren, außer allem Zweifel, daß in einem Volke, ans dessen Mitte ein Maimonides hervorgegangen, sich auch jetzt Männer befinden, die einen klare»», ruhige»» Blick mit einer Vorliebe für Ordnung und System in allen Dingen verbinden, und die, wenn sie im öffentlichen Leben ständen, diese ihre Eigenschaften zum Ansdruck bringen und in diesem Sin»»e auch auf ihre Mitarbeiter wirken könnten. Was soll nun aber geschehen, nachdem die „Uebereinstimmung" einmal entschieden hat, daß Systemlosig. keit eine jüdische Eigenschaft ist, und nachdem »vir selbst jener Uebereinstimmung Recht gegeben haben? (Obwohl es noch durchaus nicht ansgemacht ist, ob diese Eigenschaft, die thatsächlich einen» großen Theile unseres Volkes innewohut, auf Konto der Gesammtheit „J»»den" oder, »vas wahrscheinlicher ist, der Gesa»»»ntheit „Cheder"-Zögliuge zu setze»» ist.) So erschlaffen diese Ordnungs- »ind Systenlliebendei» u»»ter uns, indem sie von vornherein dara»» verzweifeln, gegen eine eingewurzelte Volkseigenschast aukäinpfen zu könne»», und »venn sie gar noch jüdische Patrioten sind, »verden sie mit Geivalt die ihnen innelvohnende Ordnungsliebe, die dem Volkscharakter angeblich »viderspricht, aus ihrem Herzen zr» reißen und ihr ganzes Thun so einznrichten suchen, daß es dem Charakter eines „wahren" Juden angemessen erscheint.... ES muß also ein Mittel gesucht »verden, das uns dem Barme der allgen»einen Uebereinstimmnng, soweit sie unsere Eigenschaften unb unsere moralische Minderwerthigkeit betrifft, entziehe»» könnte, damit »vir nicht in unseren eigenen Augen verächtlich »verden und »ms einreden, daß wir schlechter seien als alle anderen Menschen, und durch diesen falschen Glauben in» Laufe der Zeit thatsächlich dahin gelangen, in Wirklichkeit das zu »verden, »vas »vir bis jetzt nur in der Einbildung gewesen sind. Und dieses Mittel giebt »ms jene „allgen»eine Uebereinstin»»n»»ng" selbst d»»rch die Blutbeschuldigung an die Hand. Diese Beschuldigung ist die einzige, bei der uns die allgemei»»e Uebereinstimmung nicht irre machen kann. Hier, >vo die Beschuldigung durchweg auf einer Lüge beruht,,und »vo der Fehlschluß vo»» dein Einzelnen auf die Gesammtheit nicht angängig ist, hier können »vir auch keiner» einzigen Augenblick daran zweifeln, daß die ganze Welt Unrecht und das; »vir alle!»» Recht haben. Jeder Jude, der unter Jude»» erzogen wurde, »veiß ganz genau, daß in der Gesammtheit der Juden auch nicht ei»» einziges Individuum ist. das Menschenblut zu religiösen Zivecken mißbraucht. Und diese feste Ueberzeugung von der Jrrthümlichkeit der „allgemeinen Uebereiiistimmuiig", die durch das Anstauchen der Blutlüge fortwährend in uns erneuert wird, müffen »vir uns fest ins Gedächtniß ei»»Prägen, damit wir uns auch in anderen Dinge»» dem Ba»»ne der aüge»neiuen Uebereinstimmung entziehe»» können. Mag die Welt noch so oft unsere »noralische Minderwerthigkeit behaupten, wir wissen, daß diese Uebereinstimmimg nur auf einer vulgären Gedankenverbindung beruht, der jede wiffenschaftliche Grundlage abgeht. Denn wer ist »vohl in das Innere unserer Seele gedr»,ngen und hat den Juden an sich beobachtet? Wer hat Juden und Nichtjuden, die auch in den anderen „Gesammtheiten" einander vollständig gleich sind: Kaufleute gegen Kaufleute, Unterdrückte gegen Unterdrückte und Hungrige gegen Hungrige abgewogen

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