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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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-- 499 - Verleumdungen uud Beschuldigungen, die tagtäglich gegen uns erhoben werden, mit kaltem Blute anznhören, und unser Ehrgefühl völlig abgestumpft gegen sie geworden ist, wenn trotzdem noch immer ein Beben der Entrüstung-durch unsere Reihen geht, und ein Sturm der Empörung von allen Seite« losbricht, um diesen Schmutz voll sich abzuschütteln, so ist es ein Beweis, daß nicht äußere Furcht und äußeres Ehrgefühl, sondern daß es der Geist des Volkes ist, der hier brennend die Schmach , empfindet und sie abzuwälzen sucht, und daß hier die wundeste Stelle in unserem Herzen getroffen ist. ■ Doch jedes Uebel hat seine gute Seite, d. h. seine gute Lehre. Auch das große Uebel, von dem wir jetzt sprechen, bietet uns eine derartige Lehre. Wir aber, die wir nicht die Herren nuferes Schicksals sind, sondern, ob wir wollen oder nicht, das'Gute und das Böse von außen empfangen, wir sollten jedenfalls aus dem uns zugefügten Bösen die gute Lehre, die in ihm enthalten ist, ziehen, damit sie uns wenigstens einen halben Trost gewähre. Eines der bedelltendsten Momente im gesellschaftlichen Leben ist der sogenannte eonsensus oninium, die „allgemeine Uebereinstimmung". Es gab eine Zeit, da selbst die Philosophen in dieser Uebereinstimmung einen sicheren Beweis für den Gegenstand, der sich jene errungen hat, erblickten, uild sie'ließen sie unter anderem als einen der Beweise für das Dasein Gottes gelten. Jetzt allerdings wissen die Philosophen sehr genau, daß es keine noch so große Lüge oder Thorheit giebt, die nicht unter günstigeil Umständen die allgemeine Uebereinstimmung gewinnen kann. Aber nur die Philosopheil wisse» es, das Volk hingegen kennt auch jetzt keine größere Autorität als diesen Konsensus. Wenn die ganze Welt glaubt, daß es so ist, dann ist es sicher so, und meint ich es auch nicht begreife, so begreifen es ja die Anderen, und wenn ich auch darin einen Widerspruch zu sehen glaube, so sehen ihn ja „Alle" nicht minder, und trotzdem glauben sie's, sollte ich denn klüger sein wollen als die ganze Welt? Dies ungefähr ist die Gedankenverbindung im Hirn des gemeinen Mannes, und auf Grund derselben fügt er zu der allgemeinen Uebereinstimmung auch die seinige hinzu und wird auf diese Weise selbst ein Theil derselben. Und so groß ist die Macht der Uebereinstimmung, daß; meistentheils sogar Derjenige, der selbst der Gegenstand derselben ist, ihrem Banne sich nicht entziehen kann. Wenn die „ganze Welt" von irgend Jemand behauptet, daß er besonders klug oder besonders fromm sei, oder wenn sie ihm eine sonstige gute oder schlechte Eigenschaft andichtet, so wird er selbst schließlich daran glauben müssen, auch wenn er Anfangs von jenen Eigenschaften, die ihm die Welt zuschreibt, nicht das Geringste in sich verspürt hat. Dieser Einfluß der „Uebereinstimmung" geht sogar so weit, daß sie allmälig auf seinen Charakter einwirkt und ihn nach und nach dahin bringt, daß er jenem Zustand, auf dem ihn die Welt glaubt, thatsächlich nahekommt, jedenfalls nahezukommen sucht. Daher warnen die Pädagogen mit Recht davor, die Kinder am Anfang ihrer Entwickelung auf ihre moralischen Mängel aufmerksam zu machen oder ihnen gar Fehler anzudichten, die sie gar nicht haben. Die Folge könnte sein, daß sie in jenen nur.noch bestärkt, für diese aber nur noch empfänglicher gemacht werden. Es versteht sich von selbst, daß die „Welt" nicht für Jeden dasselbe sein kann. Für den Menschen besteht seine Welt nur in der Gesellschaft,^ als deren Mied er sich^fühlt, und deren einzelne Individuen ihm in irgend welcher Beziehung nahestehen. Hingegen legt er nicht den geringsten Werth auf die Uebereinstimmung seitens der Gesellschaft, deren Geist ihm vollständig fremd ist, und zu deren Gliedern er in keinem inneren Zusammenhang steht. So geben die Orthodoxen und Freisinnigen nicht das Geringste auf die.gegenseitige Ueberei»- stinnnung selbst in Dingen, die nicht religiöser Natur .sind. Der Spott und die Verhöhnung der einen Partei macht auf die andere nicht den geringsten Eindruck, die eine existirt überhaupt nicht für die andere. Erst wenn sie durch die Verhältnisse gezwungen werden, fortwährend mit einander in Verbindung zu treten, und sich allmälig daran gewöhnen, vor allem das Menschliche in dem Gegner zu achten, dann erst erweitert sich auch ihre „Welt", und ihre gemeinsamen Anschauungen unterliegen nunmehr dem Einfluß der Uebereinstimmung der neuen und umfassenderen gemeinschaftlichen „Welt". Daher kam es auch, daß, so lange die Juden ihre Auserwähltheit im buchstäblichen Sinne begriffen, sie in ihrem inneren Wesenswerth von den Beschimpfungen seitens der Völker unbeeinflußt bliebe». Sie waren sich ihres Werthes bewußt, und di« allgemeine Uebereinstimmung außerhalb ihrer Gemeinschaft ging sie absolut nichts an, denn der Kreis der „Uebereinstimmenden" erschien ihnen nichts anderes als eine besondere Meuscheugattung, die von ihnen grundverschieden war und sich mit ihnen in gar keinen Zusammenhang oder selbst Vergleich bringen ließ. Der Jude konnte mit. unerschütterlicher Seelenruhe all die sittlichen Mängel und verbrecherischen Thaten anhören, die ihm die Uebereinstimmung der Völker andichtete, ohne irgend welche Scham oder Erniedrigung innerlich zu empfinden. Was lag ihm denn daran, was diese „Fremden" über ihn dachten? Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen möchten. — In unserer Zeit ist nun die Sache anders geworden. Jetzt hat unsere „Welt" eine bedeutende Erweiterung erfahren, und die europäische Uebereinstinimung beeinflußt uns sehr, beträchtlich auf allen Gebieten des Lebens. Da wir nicht mehr wie früher die „Welt" aus unserem Kreise ausschließen, müssen wir nothwendig beeinflußt werden, wenn die „Welt" uns aus ihren Kreisen ausschließen will. Ein russischer Schriftsteller stellte dieser Tage die naive Frage: Da doch nun. einmal die ganze Welt die Juden haßt, ist es denn denkbar, daß die ganze Welt Unrecht und nur die Juden Recht hätten? Und eine derartige zweifelnde Frage schleicht sich auch jetzt gar anchem von uns ins Herz. Ist es denn denkbar, daß all die äßlichcn Eigenschaften und schlechten Thaten, die die ganze Welt den Juden zuschreibt, nichts iveiter wären als Trug und Verleumdung? Und ein derartiger Zioeifel, sobald er einmal erregt ist, findet mit Leichtigkeit eine Stutze in jenen falschen Verallgemeinerungen, die so. häufig sind bei der großen Menge. Die bekannte Anekdote von dem englischen Reisenden, der, als er in eine italienische Stadt gekommen und in einem Hotel einem stotternden Kellner begegnet war, in sein Tagebuch, schrieb : „Die italienischen Kellner stottern", will uns in witziger Form den Gedankengang der großen Menge bei ihren Verallgemeinerungen zeigen. .Alle Erscheinungen, die sie an irgend einem Einzelding lvahrnimmt, .schreibt die Menge gewöhnlich der Gesammtheit zu, der jenes Ding seinem gewöhnlichen Namen nach angehört. Sie weiß nicht, daß ein Einzelding gleichzeitig vielen Gesammtheiten an- , gehören kann, daß es, mit anderen Worten, die eine Eigenchaft mit den Einzeldingen der einen Gesammtheit und eine

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