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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
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mit eiserner Hand ergreifen und der wohlverdienten moralischen Züchtigung überliefern wird. Vielleicht werden diese Gesellen es noch herausbringen, daß die Inden den Bruder und die Mutter der Ermordeten geiniethet haben, um die ruchlose Thät zu vvllführen, damit sie zu dem für sie so nothwendigen Blute gelangen! Bei uns ist ja alles möglich. Und nun zum zweiten Punkte. Das jüdische Volk hat sich erhoben. Es hat nicht aus die Allerweltsbefreier gewartet, ivelche „Parteitage" halten, von Gerechtigkeit und Menschlichkeit sprechen, über die „Völkererlösung" endlose, langweilige Reden halten und daun in ihren Blättern witzig sein sollende Berichte über die jüdischen Volksversäiinnlungen bringen. Man nennt die Sozialdemokratie eine Judenschutztrnppe; nie ist ein verlogeneres Wort gesprochen worden. Wir hätten einen schönen Schutz, wenn wir auf den warten sollten, ivelche» uns diese Partei gelvährt oder gewähren wird. Man lese nur, was die „Wiener Arbeiter-Zeitung" über die große Protest-Versammlung im Musikvereinssaale berichtet, wie sie den Aufschrei eines schwer beleidigten Volkes mit einer Antiseunten-Radauversannnlttng vergleicht, und ich denke, gar Mancher wird von dem Gedanken geheilt sein, als hätten wir hier Hilfe oder Schutz zu erwarten. Von dieser Seite kommt dir, mein armes Volk, keine Hilfe. Hilfe kommt uns vorn Herrn, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, und von uns. Ja, in uns ist die Quelle, aus welcher wir Hoffnung, Trost, Zuversicht und Hilfe schöpfen. Ist unser Volk nicht stark genug? Wer insbesondere die echte und rechte jüdische Volksversammlung in Brünn miterlebt hat, in demselben Brünn, das wohl mit Recht als Hochburg der Assimilation, der Indolenz, der vollkommenen religiösen Gleichgiltigkeit erklärt wird, der wird nicht mehr sagen: Es giebt kein jüdisches Volk. Wie da die Entrüstungsrufe während der vorzüglichen Rede des Dr. Richard Rappoport aus Wien fielen, wie es dann wieder anfjubelte und battu gleich dem Brausen eines erregten Meeres durch die gewaltige Volksmenge ging, das muß man gesehen, gehört, erlebt haben. Diese Polnaer Affäre, so wird man erklären müssen, wird ein zwar sehr schweres, aber auch gutes Heilmittel werden, welches beftimmt ist, Israel aus seinem Schlafe zu erwecken, das schlummernde Israel -Oesterreichs. Wir wollen hier nicht darauf zurückkoinmen, wie der Redner die Kuttenberger Gerichtsverhandlung sagen wir besser dieses Gewebe von Lüge und Heuchelei, zerfaserte, wie er alle Einzelheiten dieses Prozesses beleuchtete und die ganze Affäre darstellte als das Werk einerleider übermächtigen, bei uns herrschenden Partei; wir wollen nur eins aus seiner Rede herausgreifen, was wir schon so oft wiederholten. Wir Juden müssen uns zusammenschließen, die faulen, überfaulen Elemente aus unserer Mitte 'abstoßen und uns auf Niemand Verlässen als ans uns selbst; hinaustreten müssen wir in die Oeffentlichkeit, laut verkünden, was unserer Religion gebührt, die nichts zu verhehlen, nichts zu verbergen, nichts zu verstecken hat. Unsere Religion wendet sich an das ganze Volk, „das gesammte Volk stand um den Sinai und nahm die Donnerschläge und Blitze der Offenbarung währ", unser Talmud lehrt nichts, was der Thora widerspricht, ja, er erhebt die Lehren der Bibel, er sublimirt sie, er verkündet Gerechtigkeit allen Frommen und Gerechten der Völker, er lehrt Liebe zur gesammten Menschheit. Wir haben kein Mysterium, kein Geheimniß. Leider aber, leider müssen wir gestehen, jüdische Glaubensgenossen kennen selbst den Inhalt des Judenthums nicht; sonst hätte man es in diesen finsteren Tagen nicht selbst von jüdischer Seite hören können. eS gäbe jüdische „Sekten" . . . n. s. w., und man wisse nicht, was diese lehren, und was des Unsinns und der Unwissenheit noch mehr ist. Soweit hat es die Gleichgiltigkeit, der Hnmanitätsdusel und die schmähliche Entäußerung des Judenthums gebracht, daß Kinder unseres Volkes über dieses herfallen, es schmähen, seine Vertreter beschimpfen und diese als Klerikale und Pfaffen bezeichne». Wir wagen es zn behaupten, daß Blättchen, welche von jüdischen Jünglingen herausgegeben werden, die aber nicht als Inden gelten wollen, sondern gern an ihre „Rasse" vergessen machen möchten, Blättchen mit blutigrothem Umschlag, wie gerade jetzt ein solches in Wien erscheint und die .Welt unsicher macht, Blättchen, welche die „Jndenfrage" lösen, indem sie allen Juden den Rath geben, sich täufen zu lassen, uns mehr scha als alle Gregorigs und Schneiders! Diesen Gesellen w ihr Lohn nicht ansbleiben, es wird Licht werden, und sie werden vor diesem Lichte verschwinden; was uns aber unsäglichen Schaden bereitet und säst nicht zu bessern ist, das ist das Treiben jener Clique, welcher das Judenthum ein Dorn im Auge ist, obwohl oder weil sie aus ihm stammt. Weg mit diesen faulen Zweigen, damit der Stamm nicht Schaden erleide. Ein guter Anfang ist gemacht. Die Inden haben sich ihres Judenthums erinnert. Schickt der Herr überfein Volk Unglück, so ist auch schon die Hilfe bereit. Gehen wir weiter auf dem mm betretenen Pfade, und, wie in alten Zeiten, wird wieder ein Haman hervorgebracht haben einen starken Mardochai. Iwri. Gin halber Trost. Aus dem Hebräischen von Ach ad Haam.h nter att beu Kränkungen, unter denen wir in der letzten Zeit zu leiden haben, berührt uns keine so tief und so schmerzlich als die Blutlüge. Diese ungeheuerliche Verleumdung, die scholl so alt ist und schon so häufig erhoben wurde, ist uns immer wie neu, und sie wirkt mit ungeschwächter Kraft nicht blos auf Diejenige!: von uns, die sich am „Thatorte" befindeil, sondern überall, wohin nur die Kunde von jener Verleumdung dringt. Wenn im Mittelalter die gesammte Jüdercheit sich mit jenen unglücklicher: Opfern, denen das Loos, die Sündenböcke der Eesammtheit zu sein, zugefaller: ist, solidarisch fühlte und sich gewissermaßen als deren Mitangeklagte betrachtete, so war es erklärlich, durch die materielle Gefahr, in die dre Gesammtjndenheit jedesmal in eine«! solchen Falle thalsächlich gerieth. Und wenn vor einem halben Jahrhundert, in den glücklichen Anfängell der Gleichberechtigung, die Blutlüge von Damaskus eine solche Entrüstung erregt hat, so war es, in: Gegentheil, durch die ungeheure Empfindlichkeit verständlich, die die westeuropäischen Juden in den Flitterwochen der Emallzipation da, wo ihre Ehre und ihre Rechte auf dem Spiele stände::, an den Tag legten. Wenn aber in unseren Tagen, da einerseits die materielle Gefahr, besonders für die vom Schauplatz Entfernten, nicht mehr groß ist, und da wir andererseits schon längst gewohnt sind, die h Der unter obigem Pseudonym schreibende Herr U. Ginzberg in Odessa ist einer der hervorragendsten und feinsinnigsten Schriftsteller der neueren hebräischen Litteratur. Die Red.

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