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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 Hat sich doch in den jüngst verflossenen Tagen die ganze gesittete Welt als diese Alliance konstituirt, um den Frevel des ultramontanen Militarismns zu brandmarken. Indessen darf uns diese denkwürdige Erscheinung, deren kulturgeschichtliche Bedeutung nicht hoch genug geschätzt werden kann, nicht in Illusionen Wiegen. Die Blutlüge, jenes sicherste Symptom des nicht abgestorbenen Mittelalters, hat sich ebenbürtig mit der Legende vom jüdischen Verräther flugs verflochten. Und so wird es noch lange Zeit, wir müssen es fürchten, sich immerfort wiederholen. Die israelitische Alliance muß in Permanenz bleiben, als das Syndikat der Menschenrechte und der Freiheit des religiösen Bekenntnisses. Wir danken es unserem Aeltesten, daß er mit heiligem Eifer und aus tiefer Herzenskraft dieses internationalen Amtes gewaltet hat: unsere Glaubensbrüder auf dem Erdenrunde gegen die Verbrechen zu schützen, welche im Orient und im Occident fortdauernd an ihnen verübt werden. Unser Jubilar ist ferner der Vorsitzende des Kuratoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums zu Berlin. Wir sind kein Freund der freien Universitäten. Und eine Ghetto-Hochschule gefällt uns ganz und gar nicht. Wir sind der Ansicht, daß die Wissenschaft des Judenthnms an die Universität gehört, ihrer selbst wegen, und nicht nur wegen der Wissenschaft des Christenthums, für die sie noch thäte wie das liebe Brod. Aber dem Staat fehlt bisher dieses historische Verständniß und diese religionswissenschastliche Weitherzigkeit. Und so müssen wir wohl oder übel mit einer Winkelschule vorlieb nehmen und auf die Zeit hoffen, in der die Thore sich öffnen auch für unsere Religionswissenschaft. Echte Frömmigkeit, prophetische Religiosität kann sich nicht tiefer, nicht fruchtbarer, nicht praktischer unter uns bethätigen, als indem wir für unsere Wissenschaft sorgen, für ihre Ehr« und für ihr Recht. In der Prägnanz seiner Spruchweisheit hat Zunz einmal gesagt: unser Ghetto höre nicht früher aus, als bis das Ghetto unserer Litteratur niedergeriffen sein wird. Darein müssen wir unser stolzes israelitisches Ehrgefühl setzen, daß unser religiöses Schriftthum zu derjenigen allgemeinen Anerkennung gelange, welche seinem Werthe unter den Stimmen der Völker entspricht. Unser Jubilar ist der Vorfitzende des Kuratoriums der Znnz-Stistung. Und in der Arbeit, die er seit Jahrzehnten in dieser Stiftung leistet, faßt sich daher am tiefsten wohl die mannigfaltige Thätigkeit zusammen, in welcher er, als der Anwalt unseres Rechtes und unserer Ehre, unermüdlich und unverdrossen, selbständig nnd unabhängig in der Klarheit und Festigkeit seines Urtheils und seiner Gesinnung, unbekümmert um das, was Andere von dein halten und darüber meinen, was er als seine Ueberzeugung erkennt, jenseits nnd oberhalb daher aller Schwankungen in den religiösen Parteikämpfen, aus der festen Einheit seines Wesens heraus allezeit und allerwege im lebendigen Wort seiner eindringlichen Rede, wie iir seiner gedrnngeuen, markigen Schrift energisch und tapfer unserer Sache gedient hat. Möge dieser Ritter unseres Glanbeils, im besten Sinn ein Mann ohne Furcht und Tadel, noch lange Jahre uns erhalten bleiben, als ein Vorbild der Stärke und der Treue im Glauben, bei gediegener rechtschaffener Arbeit für das allgemeine Wesell; und als ein Vorbild der Freudigkeit und des Ehrgefühls für das ewige Recht lmd die ewige Wahrheit unseres Glaubens; und als ein Vorbild der unerschütterlichen Zuversicht auf die endliche Anerkennung unserer Wahrheit und unserer Ehre.. Pros. Dr. H e r m a n n C o h e n. ' Srief aus Oesterreich. Oktober 1899. (^^-rüher, als Mancher dachte nnd, nebellbei bemerkt, es auch Manchem recht sein dürfte, komurt Licht in die '^ST künstlich verdunkelte Polnaer Affäre. Was wir in dem letzten Briefe über das „Geständniß" Hülsners bemerkten, hat sich als reine Wahrheit erwiesen, und in der Stunde, da der angebliche „Mörder" gestand und aus seinem großen Bekanntenkreise zwei „Schnorrer" als die Thäter bezeichnete, während er sich als Mitschuldigen hinstellte, in derselben Stunde ist die Peripetie in diesem Drania eingetreten, welches eine so gute Exposition aufzuweisen hat, deffen Katastrophe aber, wie wir mit Bestimmtheit schon jetzt annehmen können, nicht über uns, sondern über ganz andere Leute Hereinbrechen wird. Es wird Licht werden über diesem ganzen Lügengewebe, und dies Licht wird gut sein. Wird es doch zeigen,- was noch immer am Ende unseres Jahrhunderts, das sich so gern das des Fortschritts nennt, möglich ist in unserem vom Antiseinitismus durchseuchten Oesterreich, in welchem ein Lueger, ein Schneider, ein „Deutsches Volksblatt" es wagen, Staatsanwälte», Gerichtspräsidenten, ja Justizministern zu diktiren, wie man unschuldige Leute, ein unschuldiges Volk, eine altehrwürdige Religionsgenossenschaft beschimpfen und verurtheilen soll. Wir können mit Geuugthuung aber auch darauf Hinweisen, wie sich das bewährt hat, was wir als Universalheilmittel für unser Judenthum so oft in diesen Briefen bezeichnet haben. Es hat sich endlich das jüdische Volk erhoben. In imposanter Weise ist es ausgetreten, Rabbiner, Vorsteher und kleine Leute in überwältigender Eintracht. Man tränte seinen Augen nicht, wenn man von den Versammlungen im Wierwr,Musikvereinssaale, im „politischen Volksverein" zu Wien, und im Redoutensaale in der mährischen Landeshauptstadt Brünn las. Tausende und Tausende kamen, um feierlich gegen die Beschimpfung zu protestiren, ivelche unserer erhabenen Religion und unserem Volke angethan worden von obskuren, anrüchigen tschechischen Advokaten und beit sattsam durch ihre Affären bekannten Wiener Antisemiten. Die Letzteren sind in dem ganzen Prozeß die Rädelsführer, sie, die Fälscher von Stampiglie», Besitzer von verrufenen Häusern und Besucher von Maskenbälle» „beiin Wimberger", wo es so fein und säuberlich zugeht. Und die Schandpresse, welche diesen Gesellen zur Verfügung steht! Wahrlich, man verzweifelt am gesunden Menschenverstand, wenn man liest, was diese Zeitungen ihrem Publikum anfzutischen wagen. Und Tausende lesen alles dies gläubig und verdrehen heuchlerisch die Augen dabei. Mit Stolz können wir es sagen, wir sind besser als dieses Volk, welches die Moral des Alten Testaments abschaffen möchte. Diesem Gelichter ist der Patriarch Abrain, der erhabene Vater unseres Volkes, ein Dorn int Auge, der für die Sünder Sodoms gebetet hat! Gebetet hat 3000 Jahre vor der Entstehung des neuen Bundes! Doch wer wird Antisemiten vom Schlage der Redakteure des „Deutschen ^Volksblatt", der „Deutschen Zeitung" belehren wollen? Wer wird Gesellen wie Vergani, den Helden von Mühldorf, wie Gregorig, den Sittenrichter von Wimbergers Saallokalitüten, wie Schneider, be» Stampigkien-Mann, wie Baxa, einen tschechischen Advokaten, von dessen eigenthümlichett Rechtsanschaunngen die Welt noch erfahren wird, belehren wollen? Es ist wohl das Beste, biefe ganze Gesellschaft ihrem Schicksal zu überlassen, das sie

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