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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-20 · Heft 42 (20.10.1899) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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Nufrlond imb einige andere kontinentale Zünder. Was die Indenrage in England anbetrifft, so spricht Herr White es ja selbst ans, wenn die Juden uns zu Grunde richten würden, so hätten wir eben kein besseres Schicksal verdient. Angenommen nnn, die Juden könnten ansgerottet werden, würde dann die Moral nnd der gute Glauben im öffentlichen Leben so sehr viel besser sein als heute? Der skrupellose nnd eigennützige Jude hat in allen Ländern der Welt sein Gegenstück in den» skrupellosen und eigennützigen Christen, und wir können die -Besorgnisse Whites nur als ein Kompliment ansehen. das er der Ueberlegenheit und Tüchtigkeit der Inden hat «lachen »vollen — Eigenschaftell, die wir im Grunde bewundern müssen. Die Frage der Einwanderung rnittelloser Inden in England ist tatsächlich ernster Natur, aber es ist dies keille spezifisch jüdische, sondern eine ökonomische Frage. Wenn die nlittelloseu Fremden, die zu uns herüberkommen, statt Inden Protestanten wären, so bliebe diese Frage gerade so bedelltullgsvoll nnd ernst. Aber White hat sich unglücklicherweise nicht die Mühe gegeben, darüber uachzudeilken; ohlle Zlveifel weiß er recht viel über die Inden, aber er hat die Jndenfrage nicht studirt, und kein Leser wird in seinen! Buch die erwartete Aufklärung finden, die Ausführungen des Verfassers können ihn nur verwirren." Der 80. Geburtstag des Kerrn Sanitätsrath Ar. Salomon Nruinann zu Berlin ist nicht nur ein Freudentag für feine Familie und für den großen Kreis seiner Freunde, sondern zugleich ebenso sehr ein Tag der Ehre für unsere ganze Glaubensgemeinde. Das Alter zu ehren, ist nicht nur ein Zeichen allgemeiner Gesittung: Diejenigen zn preisen, denen die Würde der Aeltesten zuzusprechen ist, das ist ein wichtiges Verfahren der Musterung und der Heerschau bei öffentlichen Körperschaften. Ist doch die Zahl Derer nicht groß, und zumal in den Weltstädten nicht, die als Veteranen uns voranleuchten in fröhlicher, nnithiger Kampfgesinnung für den weltgeschichtlichen Lauf unseres prophetischen Judenthums. Es inuß uns eine große Freude sein, das Erlebuiß zu feiern, daß ein ritterlicher Mann unseres Glaubens das „Alter der Kraft" erreicht in ungebrochener Rüstigkeit und ungetrübter Klarheit. Wir feiern an solchem Ehrentage eines hohen, kraftvollen Alters gleichsain die unverwüstliche Dauer unseres Glaubensstammes. Und es ist der Stolz der Dankbarkeit, indem wir an einem solchen Tage das Alter und einen unserer Aeltesten ehren und feiern. Die Ehre aber ist kein materieller Besitz. Und ein geistiges, ein sittliches Gut ist sie nur darin, daß sie ein Hebel und ein Wahrzeichen ist für sittliche Aufgaben, die sie zu schützen die seelische Macht hat. Sie ist ein Banner der Pflicht. So soll uns auch dieser Ehrentag Pflichten vergegenwärtigen und für dieselben sammeln, deren vorbildliche Erfüllung die Ehre des Mannes ausmacht, dessen Jubelfest wir begehen. Und es ist in seinem Sinne, daß wir vornehmlich dieser Aufgaben echter Ehre gedenken; in seiner lebendigen Gegenwart aber, der wir uns erfreuen, nur dieseil „Theil seines Ruhmes" zur Aussprache bringen, der seine sachlichen Verdienste bezeichnet. Es ist gerade ein Jahr her, daß Neu manns 40jähriges Jubiläum als Stadtverordneter der Stadt Berlin gefeiert wurde. Und was wir am 16. September 1892 zu seinem 50jährigen Doktorjubiläum in diesen Blättern aussprechen durfte», das ist von berufener Seite objektiv bei diesem seltenen feierlichen Anlaß anerkannt worden. Was wir damals die soziale Religiosität des Mannes nannten, das haben die Adressen des Magistratskollegiumsund der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin in historischen Ausführungen als seine Verdienste um die Stadt nachgewiesen, wie er sie als Sozialreformer seit seiner ersten Schrift vom Jahre 1847: „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum" sich erworben hat: Nicht aus dilettantischem Thatendrang war seine öffentliche Wirksamkeit herporgegangen, sondern seiner ernsten wissenschaftlichen Ausbildung war sie entsprungen. Daher konnte sie auch in denjenigen Arbeiten fruchtbar werden, die der wirthschastliche Reformer als medizinischer Statistiker und allmälig auch als Statistiker in anderen sozialen Krankheitsfragen anerkannterweise geleistet hat. Es ist hinlänglicher Anlaß für uns, festlich einem Manne zn danken, dem die Stadt Berlin in ihren berufenen Vertretungen solche Verdienste zuerkannt hat. Aber wir haben ein noch unmittelbareres Recht und einen noch dringlicheren Anlaß, das Jubelfest dieses Mannes als einen Ehrentag für uns zu feiern. Denn dieser Stadtverordnete voll Berlin war als solcher stets und immerdar ein Anwalt unserer Sache und unserer Rechte. Ihm lag der Wahngedauke fern, als ob er ein Sonderrecht verträte, indeiil er das Recht der Juden in der Stadtgemeinde von Berlin behauptete; sondern der Gedanke lvar in ihm lebendig, daß er dem Wohle der Stadt diente, iildem er das Recht dieser Minderheit ihrer Mitbürger hoch hielt. Doppelte Buchführung in Fragen der öffeiltlichen Sittlichkeit kannte dieser Mann ilicht; und die feste, gediegene nnd geschlossene Einheit seiner Persönlichkeit dostlmentirte sich jederzeit in der Einheitlichkeit dieses seines bürgerlichen Verhaltens; und diese Eiilheitlichkeit wurzelte in dem Ernndzug seines Wesens: in seinem begeisterteil Glauben an den ewigen weltgeschichtlichen Beruf des prophetischen Jndenthums. Die Zeiten sind vorüber, in denen der Jude der öffentlichen Wirksamkeit sich hingeben zu dürfen glauben konnte, ohne anders als in stiller Diskretion seiner religiösen Differenz Allsdruck zn geben. Man getröstete sich, daß die sittliche Potenz unserer religiösen Ideen und Traditionen entweder bereits allgemein anerkannt sei oder sehr bald unbestritten und bereitwillig zugestanden sein werde. Die letzten Jahrzehnte haben unseren Optimismus, eines der jüdischen Vorurtheile, von Neilem ans eine harte Geduldprobe gestellt. Jetzt gilt es, zu bekennen: „ein Jbri bin ich, und den Herren Zebaoth ehrfürchte ich". Diskretion wird mißverstanden, wird als schwächliches Zugeständiliß, als das halbe Aufgeben einer doch gewißlich verlorenen Sache aufgefaßt. Wir müsseil in allen unseren Handlungen wieder erkennen lernen den Werth des alten Ausdrucks für die Gesammtpflicht unseres Bekenntnisses: „die Heiligung des göttlichen Namens". Wir nlüffeil wieder Kämpfer werden und llicht aus einem falschen Patriotismus die Sonderheit des Bekenntnisses verschweigen. Unter einer solchen Verschämtheit leidet nicht blos die Religiosität, sondern nicht »linder die vaterländische Gesinnung. Denn das Vaterlaild kommt in Gefahr, wenn ein Theil seiner Kinder den Muth der Ueberzeugung in einer Frage des Gewiffens verleugnet. Und bis jetzt wenigstens ist di« Religion noch ein Problem des Gewissens. Unser Jubilar hat aber auch außerhalb seiner kommunalen Wirksamkeit unsere religiöse Sache gefördert. Er ist Vorsitzender des deutschen Zweiges der Alliance Jsraelite Universelle. Man könnte meinen, diese heilige Alliance sei nunmehr überflüssig.

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