Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'H f /*''V* ' - '■ > ..... -- 495 —— chikanirt. . . Das ist die Frucht der Erziehung des neuen Kurses. . dessen politische, und. soziale Anschauungen im Wesentlichen durch den Antisemitismus bestimmt werden. Doch nein! Wir ihnen dieser Jugend Unrecht, sie ist ja gar nicht antisemitisch, im Klub der Harmlosen waren ja auch, nach den Namen zu nrthekleu, zwei Inden: Wolfs und Kornblrun. Und hier, beginnt für uns der Humor von der Sache. Wenn man diesen schneidigen jungen Herren zugemnthet hätte, gesellschaftlich mit einem Juden zu verkehren, sie hätten diese Zumnthnng mit Entrüstung zurückgewiesen, und wäre der betreffende Jude auch innerlich und älifzerlich ein vollkommener Gentleman, von der höchsten moralischen und intellektuellen Kultur: thnt nichts, der Jude niuß hinlveg. Nur ein Mittel giebt e s, n m auch a l s I u d e z u nl g l e i ch b e r e ch t i g t e u K a v a l i e r zu avan ciren: das Jen. Sobald der Jude nur ein tüchtiger Spieler ist. dann sind alle Unterschiede der Nasse und der Konfession ausgeglichen. Mag er daun noch.so anrüchig lind ein noch so dunkler Ehrenmann sein, man trägt es ihm 'weiter nicht nach. Dann geniren sich die „Potentesten" Leute durchaus nicht, mit ihm im offenen Wagen Spazierfahrten durch den Thiergarten 311 machen, dann wandeln prinzliche Offiziere mit ihm Arm in Arm durch die Korridore der frequentirtesten Hotels: er hat'dann eben den Befähigungsnachweis als Gentlenian erbracht. Die Baccaratkarte ist das Entreebillet zu dieser noblen Gesellschaft." * Die österreichischen Juden befinden sich in vollem Kriegszustand gegen die wüthenden Angriffe der antisemitischen Preßmeute, denen die Mtrauwntanen in der Blutlüge willige Heerfolge leisten. So richtet das „Vaterland" an den Oberrabbiner Dr. Güdemann die Allfrage, ob er „mit demselben heiligsten Eide vor Gott beschwören kanll, daß im Talmud keine einzige Stelle vorkornme, die ziemlich verständlich zur Tödtung des „Akunl", des „Goi" nnd dergleicheil aufsordert?" Hinter dieser „Anfrage" steckt, wie jeder Kundige sofort evfenut, der echteste Jesuitisnuls. In demselben Artikel erkühnt sich das führende Organ des österreichischen Kollservatisnrus, folgende Behauptung aufzustellen: „Es finden sich vom zwölften Jahrhundert bis in die Neuzeit — um eine möglichst niedrig bemesselle Zahl anzugeben — milldestens sechzig historisch erwiesene Fälle voll Ermordung von Christen (nicht Kindern) durch Inden ans Neligionshaß. Bedenkt man mm, daß diese Fälle zu den verschiedelisten Zeitell llnd in den verschiedensten Ländern (Jtaliell, Tirol, Ungarn, Böhnien, Polen, Deutschland, Frankreich, Spanien, Englaild rc.) sich abgespielt haben, von in jeder Beziehung glaubwürdigen Zeugen berichtet werden und viele derselben durch das genaueste gerichtliche Verfahren konstatirt sind: wie kann man sie da mit der Phrase abthnn. das sei alles nur eine „niederträchtige. schamlose Fälschung der Wahrheit"? Wer das behallptet. muß es doch auch beweisen I" Also mindestens „sechzig" „historisch erwiesene Fälle"! „Historisch erwiesen" dllrch Zeugenaussagen und Gerichtserkenntnisse aus der Zeit vom 12. Jahrhundert bis in die Neuzeit! Wie viele Hexen wurden in demselben Zeitraum „durch Zeugenaussagen und Gerichtserkenntnisse" ihrer angeblichen Schandthaten überführt? Nicht sechzig, sondern Hunderttausende! Die Blutlüge war wie der Hexenwahn eür pathologischer Zustand, gegen welchen die Opposition der Vernunft wehrlos war ulld auch heute noch ist. & - ■ Gegenüber diesen Ausschreitungen des Hasses ist es wohlthuend, zu hören, daß der zwölfte Orientalistenkongretz in Rom auf Antrag des Kirchenrathes Professor Kautzsch einstimmig folgende Resolution angenommen hat: „Die zum zwölften internationalen Kongresse in Nom versammelten Orielltalisteil erachtell es angesichts der neuesten Vorgänge als ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, daß jemals durch iraeub welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benutzung von Christenblnt für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden wäre, ist schlechthin unsinnig und des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdig." Es ist bereits das zweite Mal, daß der Orientalistenkongreß zu der Blntlüge Stellung nimmt. Schon auf dem sechsten Kollgreß zu Lehden nahm er eine scharfe Resolution all gegen Rohlings „abenteuerlichen und entsetzlichen Wahn". Der Orientalistenkongreß ist eine wissenschaftliche Macht. Aber freilich, was bedeuten wissenschaftliche Mächte für den Pöbel von Kuttenberg, von Polna und Wien. Auf dem römischen Orientakistenkongreß haben auch die RilNlällell eine große Ratte zu spielen versucht. Mit lvelchem Rechte die angenehmen Volksstämme an der unterell Donau sich als Nachkommen der alten Römer bezeichnen, nurg dahingestellt bleiben. Thatsache ist, daß die Rumänen sich mit Stotz als Söhne Roms ansehen, daß sie im Jrnperator Trajan einen Natioualheldell und Stammvater verehrell, und daß die ewige Stadt, die „Mamma Roma", von ihnen mit ehrfürchtiger Liebe betrachtet wird. Unter den Mitgliedern des Orientalistenkongresses haben daher die rumänischen Delegirten den wissenschaftlichen Zwecken ihrer Anwesenheit auch den einer Bekundung natiolraler Zusammengehörigkeit und Anhänglichkeit beigesellt. Als sie aber einen Alltrag stellten, daß der Kollgreß selbst ihrer Agitation seine Synlpathie bezeuge, flihr ihnen Professor Oppe rt aus Paris kräftig in die Parade. Er fragte sie ironisch, ob der Kollgreß mit dieser Sympathiekundgebung auch eine Adresse an das rumüllische Volk richten solle, die Gleichberechtigung aller Kollfessivnen in ihrem klassifcherl Lande null endlich auch einmal durchzuführen. Darauf lehnte der Kongreß den rumänischen Alltrag einstimmig ab. Eine wirksame Illustration zu diesem Antrag waren die von antisemitischer Seite neuerdings in Rumänien verbreiteten Gerüchte, daß irgend welche Maßnahinen gegen die Judell bevorställden. Die rumänische Regierung tritt aber, wie lllan offiziös ans Bukarest schreibt, mit aller Entschiedenheit diesen Gerüchten entgegen. Es handle sich offenbar llm eine von antisemitischen Agents provocateurs ausgehende Agitation. Die Regierungsorgane geben die Versicherung, daß das Kabillet, von diesen Bestrebungen unterrichtet, alles aufbieteit werde, um Lebeu und Eigenthum vollen Schutz zrr gewähren. Die Regierung werde den guten Ruf Rumäniens nicht auss Spiel setzen und Recht und Gerechtigkeit nach jeder Richtung hin walten lassen. Werlacht da? * Auch selbst in En gla n d fängt der Antisemitismus zum Mindesten in der Litteratur und Presse sich zu regen an. Das Buch von Arnold White, dem früheren Vertrauensmann des Barons Hirsch: „The modern Jew“, hat in dieser Beziehung viel böses Blut gemacht. Aber der gesunde Sinn der Engländer sträubt sich doch gegen die albernen Zumuthungen des litterarischen und nationalökorlomischen Antisemitismus. So schreibt z.B. die kirchlich orthodoxe „Saturday Review" wörtlich: „Wir können uns der Ansicht nicht verschließen, daß die Judenfrage in den Äugen des Herrn- White nur--ein Gespenst ist, vor dem er sich bange macht. Die jüilgsten Ereignisse in FranAMch haben uns gezeigt, daß der Antisemitismus dort ein Produkt mittelalterlichen. Fanatismus oder regelrechter Dummheit ist. Das Gleiche gilt, für