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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-13 · Heft 41 (13.10.1899) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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— Am 30. September hatte die Zionistische VereiniglMg eine Sitzung mit der Tagesordnung: „Einrichtung hebräischer Sprachkurse." Ein sehr lobenswerthes Unternehmen, ob's aber was hilft zur Förde» rnng der sehr im Argen liegenden Kenntniß der heiligen Sprache. Nous verrons. — In Ehrenfeld hält der Rabbinatskandidat Markus einen Vortrag über das Thema: „Hat das Judenthnm eine Mission Zn erfüllen?" — Auch in Werktätiger Menschenliebe steht Kölns jüdische Gemeinde mit in erster Reihe. So ist es lobend anzuerkennen, daß unsere hiesigen mit Glücksgütern gesegneten Familien in hervorragender Weise Zur Unterstützung der Hinterbliebenen der beidem Ha ns ein stürz Verunglückten Beiträge spenden. Andererseits lesen wir einen schönen Akt der Wohlthätigkeit. von dem hier kürzlich verstorbenen Geh. Kommerzienrath v. Mevissen (Christ), der dem hiesigen Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache 6000 Mark testamentarisch vermacht hat. n. Gailirrgeri, 2. Oktober. Am 24. v. M. wurde dein Friedrichsheim für israelitische Sieche und arme Greise die hohe Ehre zu Theil, von der Frau G r o ß h e r z o g i n besucht und inspizirt Zn werden. Wie bekannt, ist die hohe Frau eine Autorität auf dem Gebiete des Wohlthuns und der Pflege. Um so mehr ist es erfreulich, daß die Anstalt nach der auf alle Einzelheiten sich erstreckenden Jnaugenscheinnahme und Erkundigung reiches Lob aus dem Munde der Fürstin erhielt. Es sei ihr, sagte sie, eine besondere Freude, daß diese Anstalt den Namen ihres hohen Gemahles trage, und sie behalte sich vor. ihm über alles genauen Bericht zu geben. Eine halbe Stunde verweilte Ihre Kgl. Hoheit in der Anstalt und beglückte jeden Pfründner dnrch huldvolle Worte. Begrüßt und geleitet wurde der hohe Gast durch den Arzt Herrn Dr. Heilbronn und das Lokalkomitee, all feiner Spitze Herrn Ludwig Rothschild, da der Vorsitzende. Herr Bernheimer. als Mitglied des Geuieinderathes am Eingänge des Ortes die fürstliche Frau erwartete. Das Friedrichsheim. das in nächster Zeit seine Pfründnerzahl auf 20 steigern will, wird durch die Anerkennung, die ihm zu Theil geworden ist, im Beharren auf dem innegehaltenen Wege bestärkt. o. München, 9. Oktober. Der Mordprozeß kommt vor ein deutsches Gericht! Unter dieser Ueberschrift kündigt der sattsam bekannte antisenlitische Redakteur Wenng an. daß er eilt Strafmandat in der Höhe von 50 Mark erhalten habe, weil er in einem Artikel „Die Blutgreuel von Polna" groben Unfug begangen hat. Wenng hat dagegen Einsprllch erhoben, und es wird zur gerichtlichen Verhandlung über diese Sache kommen. Uns kann dies nur Recht sein; es ist zwar wenig wahrscheinlich, daß der Ritualmord bei dieser Gelegenheit zur Sprache kommen wird, aber sollte dies der Fall sein, so wird wieder einmal ein deutsches Gericht solchen! Spuk ins Gesicht leuchten, und er wird vor dem Licht wie Nebel vor der Sonne erst! eßeu. Grsterrrich - Ungar«. LI Wien, 9. Oktober. Unter imposanter Betheiligung der Gemeindeinitglieder hat am 7. d. Mts. die Protestkundgebung der israelitischen Kultusgemeinde gegen das Urtheil im Polnaer Prozesse stattgesunden. Merkwürdigerweise fanden keine Demonstrationen von gegnerischer Seite statt, und die Versammlung nahm ihren ungestörten Verlauf. In äußerst wirksamer und gedankentiefer Rede führte Dr. Güdemann, der das erstemal außerhalb seines heiligen Berufes das Wort ergriff, die Blntbeschuldigung auf das zurück, was sie wirklich ist: ein Gemisch von Lüge und boshafter Verdächtigung. „Ich frage mich", rief in edler Empörung Güdemann ans, „ob ein Christ, der es mit seinem Christenthum ehrlich meint, dieser Verleumdung unserer Religion Glauben schenken kann. Er würde ja den Ast absägen, auf dem er selber sitzt! Aus dein Grabdenkmal des Papstes Julius II. in Rom befindet sich die Mosesstatue Michelangelos, in Venedig giebt es eine Moseskirche, hier auf dem Franziskanerplatz und an der Front der Votivkirche steht die Statue Moses, und aus den fünf Büchern eben dieses Moses, aus der Thora, ist uns erst am heutigen Sabbath früh vorgelesen worden, wie Gott schon zu Noah sagte: „Wer Blut eines Menschen vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden. denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht." Und dieses Bild Gottes, welches unsere Religion in jedem Menschen erblickt, denn zu Noah's Zeiten hat es noch keine Juden und keine Christen gegeben, sollte eben diese Religion zu tödten gestatten, noch dazu um der Religion willen? Welcher Christ, Her da weiß, daß das Neue Testament an der Brust des Alten genährt ist, könnte diese Behauptung, ich möchte sagen diesen Muttermord wägen oder ihn uns zumüthen? Uns. denen die Thora das heiligste Palladium ist, zu dessen Vertheidigung nie ein Tropfen Christenblut vergossen würde, wohl aber Ströme von Judenblnt den Rhein und die Donau hinuntergeflossen sind." Weiterhin führte der gelehrte Redner das Urtheil mehrerer Päpste an, die den Ritualmord trotz aller Anschuldigung nicht glaubten, und jede Beschuldigung der Juden strenge verwiesen. Nachdem noch Dr. Heinrich Steger in vorzüglicher Rede die Jndeuverfolgungen der Jetztzeit geißelte, wurde folgende Resolution angenommen: „Durch die im Knttenberger Gerichtssaale von dem öffentlichen Ankläger in verhüllter, von dem Vertreter der Privatbetheiligten in unverhüllter Form gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft erhobene Blutbeschuldigung ist unser altehrwürdiger Glaube in seinen Grnndlehren beschimpft, unsere Menschenwürde und unsere bürgerliche Ehre besudelt worden. In dem Gefühle tiefster Empörung erheben wir heute an dieser Stelle versammelten österreichischen Staatsbürger jüdischer Konfession lauten Protest gegen die uns angethaue Schmach, die zugleich eine Erniedrigung der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Humanität und eine Erschütterung der Rechtsgrundlagen unseres geliebten Vaterlandes bedeutet. Gleichzeitig fordern wir als unser staatsbürgerliches und natürliches Recht, daß die Regierung durch volle Anwendung des Gesetzes solchen lügenhaften, barbarischen und fluchwürdigen Beschuldigungen entgegentrete." (Langanhaltender Beifall. Die ganze Versammlung erhebt sich.) — Die „Czeska Politika", welche zuerst die Mittheilung brachte, das; der Staatsanwalt in Ku t ten berg Dr. Schnei der-S w o b o da am Schluffe der Schwurgerichtspsriode au die Geschworenen eine Ansprache gerichtet habe, in welcher er denselben gesagt haben soll, sie mögen ihr Gewissen beruhigen, da Hilsner gestanden habe, veröffentlichen nunmehr eine amtliche Berichtigung des Staatsanwaltes, in welcher angeführt wird, die Unrichtigkeit dieser Mittheilung ergebe sich schon daraus, daß der Staatsanwalt Dr. Schneider-Swoboda in der Verhandlung, welche den Abschluß der Schwnrgerichtsperiode bildete, gar nicht fungirte und somit eine derartige Rede gar nicht konnte gehalten haben. — Der Kaiser hat dem ordentlichen Professor an der Universität in Wien Dr. Emil Znckerkan^dl den Titel eines Hofrathes verliehen. — Der Eisenbahnminister hat den Dr. SiegmundByk zum Ministerialvizesekretär im Eisenbahurniuisterium ernannt. — Die „Radikalne Lisch" in Prag sind wegen Abdruck des Wiener „Deutschen Volksblattes" über den Polnaer Ritualmord mit Beschlag belegt worden. Die Zeitung erhob Beschwerde, das Gericht hat jedoch diese Konfiskation bestätigt mit der Begründung: „In der beanstandeten Stelle wird ein falsches, für die öffentliche Sicherheit beunruhigendes Gerücht, ohne zureichende Gründe, es für wahr zu halten, verbreitet. Ueberdies ist ans jener Stelle das Bestreben zu ersehen, znm Hasse gegen die Juden aufzureizen." — Auch das hiesige „Deutsche V o l k s b l a t t" ist konfiszirt worden und zwar wegen eines Artikels über den Ritualmord. © Pk<*g, 5. Oktober. Um eines Haares Breite hätten wir heute hier wieder eine Plünderung der jüdischen Läden erlebt, wie sie in den Dezembertagen 1897 an der Tagesordnung war. Ein etwa zweihundert Mann starker Trupp schwer berauschter Rekruten durchzog gröhlend, die Passanten behelligend und allerlei Unfug verübend, die Straßen der Stadt. Fünf Sicherheitswachleüte, die den immer mehr anschwellenden Menschenhaufen begleiteten, ließen die Excedenten ruhig gewähren, denn man pflegt gegenüber diesen Rekruten immer sehr nachsichtig zu sein. Daß dies zu Zeiten, in denen die Wogen der nationalen Erregung sehr hoch gehen und der Rassenhaß die abenteuerlichsten Kulturblüthen treibt, ein Versäumniß bedeutet, zeigte sich bald. Aus dem Ringplatz wurde plötzlich der Ruf laut: „Gehen wir auf die Juden!" Sofort schwenkte der ganze Zug, der sich dnrch zahlreiche unsaubere Elemente auf seinem Wege verstärkt hatte, in die naheliegende Judenstadt, und bald war in der Goldenen Gasse, dem Hauptsitze der jüdischen Trödler, ein ohrenbetäubendes Geheul zu hören. Angsterfüllt schloß Alles schnell die Läden. Einigen Besitzern gelang dies nicht rechtzeitig, und gegen diese stürmten die Trunkenbolde und mißhandelten sie unter den Rufen: „Ihr Hilsners! Ihr müßt alle hin werden! Erschlagt sie!" Bald wirbelten Kleider, Stiefel. Hüte, welche die Trödler vor ihren Läden zu hängen hatten, in der Luft, aus einem Laden wurde ein Stuhl hervorgeholt und zertrümmert, und die Situation war eine so bedrohliche, daß nun auch in allen

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