Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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488 ist, sein eigentliches Wesen zu verbergen','- es wird vffenkllndig, sobald man den Umgang gewahrt, den inan Pflegt-. Lautere Charaktere werden vor jeder Berührung mit unsauberen sich hüten, während zweifelhafte nicht sehr heikel sind in der Wahl ihrer Kameraden und so uuroillkürlich ihren Kern verrathen. Dasselbe gilt bei Gelneinschaften. Man braucht nur die Wahl zu kennen, die sie in Bezug auf ihre Funktionäre treffen, nur über ihren Charakter nicht im Zweifel-zu-sein. Verfolgen sie edle Teildenzen ulid nehmen ihre Obliegenheiterl ernst, bann werden sie auch mit aller Sorgfalt Vorgehen, tonm es sich um die Regnisition voll Orgalten handelt, die berllfen sein sollen, ihre Aufgabe ausführen zll helfen. Kultusgemeiuden mit ihrer etninetlt moralischen Mission haben in solchem Falle umsomehr Borsicht zllgebrauchen. Lastet schon an rmd für sich die Verantwortlichkeit schiver arlf ihlleu, so Potellzirt sich dies, wenn sie dieselbe auch für Diejenigen übernehluell. die tn ihreul Namen amtshandelu. Nur eine leichtfertige oder disgualifizirte Berivaltulig könnte darin apathisch sein. Mit Fug und Recht kalln daher das eitirte Sprichwort in Beziehung auf jede kommunale Leitung dahin variirt werden: „Sage rlns, wer deine Angestellten sind, und mir können dir sagen, wer bu bist." Keine Funktionäre finb in einer Kultusgemeinde von solcher Wichtigkeit und Bedeutung wie der Rabbiner und der Lehrer. Es genügt nicht, wenn sie eine entsprechende Slllttlne von Kenntnissen besitzen, sie lllüssen vietnlehr eine noch größere Summe voll Lebenserfahrullgerr sich erworben haben, um dem Berufe, welchem vorzustehen sie auf sich gellonunen, voll und ganz gellügen zu fbnneu. Ulld lvas ihre Lebensführung betrifft, so darf fein wie immer gearteter Zweifel über deren Korrektheit bestehell, da sie durch ihr Beispiel veredelnd auf die Gemeinde zu wirken die BestinlUlilNg haben. sticht geliug beklagt kann es lverden, daß in letzter Zeit österreichische Killtnsgenleillden, die bis jetzt in biefem Belang rigoros waren, ihre Rabbiller, man tarnt sagen, direkt aus der Schule heraus rekrutiren. Mag auch keilte Einwendung erhoben loerdett könnet: über ihre Beherrschung des schulpflichtigen Pensums, das sie zu absolviretl haktet!, so ist es doch mehr als fraglich, ob sie bei ihrer Jugend und dein Mangel an jeder praktischen Lebenserfahrung Autorität genug besitzen, tutt sich Geltung zu verschaffen. Und was soll erst bezüglich ihrer Allfgabe als Prediger gesagt werden? Die wohlgesetzte Rede, das Pathos, die Affektation in: Vortrage machen es sicher nicht atls, daß ihre Predigten Eindruck auf die Zuhörer zu tnachen nicht verfehlen. Ernster Sinn, ehrliche Ueber.zengung, praktische Lebensanschaullng, korrekter Lebenswandel, bescheidenes Wesen, die im Bortrage znul Auskommen, diese allein vermögen es. Was kann also nothwendiger sein, als daß jede Kultusgetneinde bei eventueller Wahl ihres Rabbiners sich die Ueberzeugnng verschaffte, ob der betreffende Kandidat thatsächlich der: Forderttngen in dieser Richtung auch zu entsprechen qualifizirt ist? Nachträgliche Unzufriedenheit führt zu Skandalen, die ebenso eine Schande für die Gemeinde wie für die betreffenden Rabbiner und die gesanunte Iudenschast sind, Xoininn .snnL odios«. Was der Lehrer für die Heranwachsende Jugend bedetltet, das zll erörtern ist-wohl überflüssig. Mehr noch als das-Amt des Rabbiners birgt das des Lehrers Segen lllld Fluch in sich. Welche Forderung ist also billiger als die, bei der Wahl von Rabbinern lllld Lehrern die äußerste Vorsicht zu gebrauchen? Der ganze Jammer der.Menschheit Nluß jeden ernst-denkenden Inden erfassen, loeuu er die traurige Wahrnehmung macht, in welch unverantwortlich leichtfertiger Weise hierin nicht selten vorgegangen wird. Nirgends blüht die Protektionswirthschaft üppiger als gerade in Füllen, wo die Besetzung von Fnuktionärposten auf der Tagesordnung sich befindet. Daher konunt es atlch, daß man oft vor unlösbaren Räthseln steht, wenn man die Qualifikation mancher Gemeindefunktiollüre kennen zu lernen Gelegenheit hat. Gut geleitete Gemeinden zählen zu ben Seltellhetten, weil die Gelvissenhäftigkeit bei der Wahl ihrer Organe fehlt. G—n Tis;a-Gs;lrir und Kuttenberg. Von V t» l a Tot h.h . ' #eute Nachmittags blätterte ich im zweiten Supplementband des großen „Larouffe". Das alphabetische Verzeichniß hat wohl de:: Zweck, daß utall sich, in einem Werke mit achttausend Spalten- und eitlem Gelvicht von achttausend Gramm rasch znrechtfinde. Doch das Suchen ninnnt gewöhnlich erst dann ein Ende, nachdein wir,'von der Neugierde getrieben, eine lauge Reihe von Artikeln, deren Titel uns auffielen, durchgelesen haben. So erging es rnir auch heute, als mir auf der Suche nach einem Artikel der Titel: „Affäre Tisza-Eszlrir" ausfiel. Ich lvar auf die Art und Weise der Besprechung gespannt und habe den Artikel mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in hundertfünfzig Zeilen znsamttlengefaßte Schilderung zertgt von der genauen, sachgemäßen Keuntniß des Prozesses -seitens des Verfassers des Artikels. Die Schmach von Tisza-Eszlrir wird dem gebildeten Ungarr: nicht zur Last gelegt. Der Alltor sagt es rundweg heraus, daß dieser mittelalterliche Prozeß das Werk einer wilden Partei war. Gott sei Dank, daß ganz Europa die Sache so berutheilt; denn in jenen tratlrigen Tagen war jeder gttte Ungar in Angst, daß wir nach dieser Klatschgeschichte zll den asiatischen Völkern gezählt werden, daß Dalnaskus und Eszlrir, Syrien und Ungarn in der Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts das traurigste Kapitel bilden lverden. Dernt nur diese barbarischen Völker haben noch in den damaligen Zeitlüllften daran geglaubt, daß z. B. der Reichstagsabgeorditete Dr. S. Bisontoi den Geschlnack der Suppe nicht mit Liebigffchem Fleischertrakt, sondern mit Christenblut verbessert. Daß die Unschuld der des Ritualinordes atlgektagten Juden so klar hervortrat, ist eigentlich gar nicht von Wichtigkeit und Bedeutung. Kotlnte es denn anders sein? Doch voll großer, nicht 31t unterschätzender Tragweite lvar es, daß die Freisinnigkeit Ungarns, das des mittelalterlichen Denkens und Fuhlens geziehen wurde, so unzloeideutig klargestellt wurde. Dent Antisemitismus rnachte bei uns der Umstand ein Ende, daß durch diesen Prozeß zwischen y Aus dent Ungarischen übersetzt von E. Blumgrund. Bergt. „Der Kronzeuge von Tisza-Eszlrir" von Böla T<»th. Allgetneine^ Zeitung des Jlldeuthnnis 1399 Nunnner 32.