Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-13 · Heft 41 (13.10.1899) · p. Seite 487

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228353--55849-3292092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4M Die Versannnluttg beschließt, dem „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" sich anzugliedern mit der Bedingung, daß die zli gründende jüdische Lehrerzeitung tendenziöser religiöser Erörterungen nach der einen oder anderen Seite hin sich enthalte, und daß einem badischen VerenrSmitglied Sitz nnd Stimme in der Redaktion des Blatteeingeräumt werde. Eichstätter-Schwetzingen bittet den Vereinsvorstalld, bei der Behörde dahin vorstellig zu werden, daß auch an solchen israelitischen Genleinden Badens, an deren Volksschule kein israelitischer Lehrer angestellt sei, das israelitische Bekenntniß eine Vertretung in der Ortsschülbehörde finde. Bezüglich des Punktes 4 der Tagesordnung erkennt die Versammlung in der Berufung des Vorsitzenden zum Sekretär des Großherzoglichen Oberraths und Direktor des Landesstiftes keinen zwingenden Grund zur Niederlegung seines Vereinsamtes; sie bittet vielmehr den Vorsitzenden, unter lebhafter Anerkennung seiner umsichtigen, er, sprießlichen Thätigkeit, in seinem Amte zu verharren. Schließlich erklärt sich derselbe hierzu für den Rest seiner Amtszeit bereit. Die nächste Generalversannnlung soll wieder in Karlsruhe stattfinden. In seinem Schlußwort wünscht der Vorsitzende, daß jeder Theilnehmer der Versammlung aus dieser neue Kraft und neue Liebe für seine Berussthätigkeit gewonnen haben möge. Bei dem an die Versammlung sich anschließenden gemeinsamen Mittagsmahle toastet Friedmann-Hockenheim auf den gesummten Vereinsvorstand. Namens desselben dankt der Vorsitzende und richtet einen kräftigen Appell an die Einigkeit der israelitischen Religionslehrer. die in der Verfolgung gemeinsamer großer Ziele sich groß erweisen müsse. Einigkeit thue noth. wenn weitere berechtigte Wüllsche des Standes der Erfüllung entgegengeführt und die Religionsschule zeitgemäß pädagogisch ansgestaltet werden solle. Er leert sein Glas auf das Erstarken der Eintracht der Lehrerschaft. Möchte dieser Wunsch sich erfüllen zur Ehre deS Standes und zum Segen für die religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend. Reflexionen. in. Hugo hat Paris das Herz Frankreichs genannt. Zutreffender konnte eine Bezeichnung kaum sein. Die Metropole eines Reiches ist der Ausgangs- und Sammelpunkt alles sozialen und politischen Lebens. Von da dringt es in die Pulsadern des Landes und kehrt im Kreisläufe wieder zurück, um Nahrung zu erhalten für seine tveitere Regsamkeit. Aber nicht nur das Herz, auch das Gehirn ist die Metropole. Sie ist die Brutstätte aller dasReich bewegenden Gedanken. Die Impulse gehen von ihr aus. Sie strömt dieselben aus, ititb sie wirken dann befruchtend oder auch verwüstend auf die Reichstheile. Segensreich war die Wirkung, als über Oesterreichs Gauen von Wien aus der Freiheitsgedanke sich ergoß, und „Gleichheit" und „Brüderlichkeit" deffen Kommentare bildeten. Alles blühte zu frischein Leben auf. Individuum, Familie, Gemeinde, Land, Staat — sie fühlten sich verjüngt. Frühling ward's. Schule lind Haus, kommullale und staatliche Institutionen, das private und öffentliche Leben waren angehaucht von dessen belebenden Düften. Man sog sie mit jedem Athemzuge ein und fühlte sich erfrischt und gestärkt. Wie anders gegenwärtig! Unter dem Gifthauche des Antisemitismus, der in Wien weht nnd weit über dessen Weichbild hinaus seinen Weg nimmt, versengt und verdorrt alles; Schwung und Fortschritt erlahmen, Handel und Wandel stocken; die Freude am öffentlichen Leben wird vergällt. — Dem Himmel sei es geklagt: „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich," Während das Judenthum die Aufgabe hat, in seinen Institutionen und Vorschriften als Muster zu dienen, kultiviren seine Bekenner mit Vorliebe die nicht nachahmenswerthen Sitten und Einrichtungen ihrer Gegner. Man wird hierin an die Klagen der talmudischen Lehrer gemahnt: „Was Verwerfliches bei ihnen (den Gegnern) ist. bas thut Ihr." Und was das Mißliche dabei erhöht, das ist. daß man im eigenen Lager zu schweigen bemüßigt ist, wo Reden an der Zeit wäre.- Früher bildete thatsächlich die Wiener Kirltusgemeinde Herz und Kopf der österreichischen Judenschaft. Bei ihr holte man sich Raths, bei ihr suchte und fand man Hilfe und Unterstützung, von ihr ging jede edle Anregung aus. Ihre Einrichtungen dienten als Vorbild und Beispiel den übrigen Gemeinden des Kaiserstaates. Ja, noch weit über Oesterreich hiliaus reichte ihr Einfluß auf dem Gebiete synagogaler uild adininistrativer Institutionen. Auf diese Weise bildete sich allmälig die Tradition heraus, daß Wien in allem und jedenl, was jüdisches Interesse berührt, der Vorrang gebührt. Es erlangte die Führerrolle. Und in der That, die Männer, die an seiner Spitze standen, berechtigten es dazu. Was man den Geist der Zeiten hieß, war der Herren eigener Geist. Wie anders jetzt! Die Wiener Kultusgemeinde hat abdicirt. Von ihrer Mustergiltigkeit ist feine Rede mehr. Rückläufigkeit in Sachen des Kultus, Mangel an ökonomischenl Sinn in der Verivaltung, Willfährigkeit gegenüber den Einflüssen und Forderungen voll außen, sind das Momente, die eine Anziehungskrast auszuüben vermögen? Und doch fordert gerade die Zeit der Lueger, Gregorig, Geßmann, Strobach, Schneider 6 tutti quanti, daß die Wiener Kultusgemeinde groß an Einfluß und Ansehen dasiehe. „Wenn ich sehe," führte Dr. Brust, der Vertheidiger in dem Strafprozeß gegen die Ziegelarbeiter in Wieller-Neudorf, aus, „wie-im Landtage uild in anderen Körperschaften in Wort imb Bild zu Mord uud Raub gegen die Juden aufgefordert wird, ohne daß Einsprache dagegen erhoben wird, weiln ich sehe, daß die katilinarischen Existeuzen, welche das thun, zu Namen, Ansehen und Vermögen gelangt sind, und nichts geschieht, um ihrem Treiben Einhalt zu thun, dann kann ich mich nicht wundern, daß Erscheinungen zu Tage treten, wie wir sie im Falle Rousseau beobachten konllten. Verdammenswerth sind gewiß Diejenigen, welche die heutige Anklage nicht getroffen hat." Wo stlld aber die Mäirner, welche durch ihr Ansehen und ihre Stellung angesichts solcher niederschmetternden und unsere Zeit schändenden Umstände mit der Macht ihres Einflusses die Machthaber aus ihrer Lethargie und Gleichgiltigkeit zu wecken vermöchte», um solchem verbrecherischen Treiben ein Ende zu machen? Man sagt, es fehle an Männern, welche die Führerrolle übernehmen wollen. Dem ist aber nicht so. Es sind deren im Gegentheil zu viele. Ob befugt und berechtigt, das ist freilich eine andere Frage. t- IV. Cervantes nennt, wenn wir nicht irren, die Sprichwörter in Umlanf befindliche Münzen, die ihre Prägung von den ii» ihnen sich bergenden Sentenzen erhalten, die vom Volksbewußtsein recipirt sind. So entstand auch das Sprichwort: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich werde dir sagen, wer du bist." In der That, wenn man noch so sehr bemüht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.