Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 486 Mehr als 40 junge Leute meldeten sich zum Eintritt, so daß die Einrichtung dreier Kurse ermöglicht wurde. An dem ersten betheiligten sich nur Anfänger, die zweite und dritte Lehrstufe wurde von Fortgeschritteneren besucht, so daß auch mittelleichte Bibelstücke gelesen werden konnten. Gemäß der Absicht, welche bei Errichtung der Unterrichtsknrse vorwaltete, wurde ein Lehr-! buch zu Grunde gelegt, das alle Vortheile moderner Unterrichtsinethoden in sich vereinigt. Es ist dies die hebräische Chrestomathie des bekannten Schriftstellers und Pädagogen I. CH. Tawjew. Das Buch hat in zwei Jahren 7 Auflagen erlebt und zeichnet sich durch fließende Sprache und vorzügliche Bearbeitung der Stücke aus. Jedem derselben geht eine deutsche Uebersetzung der Vokabeln voraus, und der Stoff ist so geordnet, daß der ganze Sprachschatz der Bibel, ein großer Theil des hebräischtalmndischen und des modernen Wortreichthums Aufnahme gefunden hat. Die Grammatik wurde von der bewährten Lehrkraft der Kurse, Herrn I. Friedländer, nach der analytischen Methode bei der Lektüre erörtert. Im rmtersten Kursus wurden so die einfachsten Lautgesetze, die regelmäßige Deklination sowie die regelmäßige Konjugation durchgenommen. Der zweite Kurs erledigte bei einer —dem ersten gleichen — Anzahl von 15 Stunden die Lautgesetze in ausführlicherer Fassung, die regelmäßige Konjugation und Deklination und die hauptsächlichsten Typeil - der unregelmäßigen Verba. Im Kreise der Vorgeschrittensten wurde die Tawjewsche Chrestomathie nur zur Präparation benutzt, während als eigentliche Lektüre das Buch von Eisenstadt > '22 TtÖ diente, das prächtige Schilderungen aus dem- Leben der litthauischen Inden enthält. Auch schriftliche Uebersetzungen ans dem Deutschen ins Hebräische wurden angefertigt,' und diese belebende Art des Unterrichts hatte erfreulicherweise regen Besuch und Eifer der Theilnehmer zur Folge. Die Neueröffnung derunterso günstigen Auspizien begonnenen Kurse findet um die Mitte des Monats statt. Es steht zu hoffen, daß schon im kommenden Semester eine erweiterte Lehrthätigkeit Platz greifen und durch Errichtung eines vierten Kursus dem Studium der Bibel der ihm gebührende Platz zugewieseu werden kann. Dazu bedarf daS Unternehmen aber der warmen > Unterstützung aller Derer, die sich ein Herz für das Jndenthum bewährt haben. Dann wird es seinen Zweck erfüllen: Stählung zu dem schweren Kampfe um die Existenz, den wir auf geistigem! Gebiete zu führen haben.? Protokoll der 2. Generalversammlung des „Fandesvrreins der israel. Religionslehrer im Großherzogthum Baden" zu Karlsruhe, am 13. August 1899. fagesordnung: 1. Berichterstattullg: a) des Vorsitzenden, b) des Kassirers, 2. Vortrag: Methodik des hebräischen Uebersetznngs-. Unterrichts. Referent: Lippmaun-Karlsrnhe. 3. Besprechung, von Vereinsangelegenheiten (n. a. freie Aussprache über die Gründung einer jüdischen Lehrerzeitung). 4. Wahl eines Vorsitzenden. 5. Festsetzung der Tagesordnllng für die 3. Generalversanlmlnug. Anwesend sind 28 Mitglieder. Der Vorsitzende giebt in seinem Begrüßungsworte dem Wunsche nnd der Hoffnullg Ausdruck, daß der junge Verein, bis jetzt noch ein zartes Pflänzchen, zu einem Baume sich entfalten möge, in dessen Schatten die Mitglieder, besonders die jungen, ausrnhen können. Er weist darauf hin. wie im verflossenen Jahre die materielle Lage der Religionslehrereinen erheblichen Schritt vorwärts gekonimen sei. Dank dafür gebühre insbesondere dem Großherzoglichen Oberrath, der den Gesetzentwurf eiugebracht und zur Verbesserung desselben die Wünsche der Lehrerschaft entgegen genommeil habe. Dank der Synode, daß sie der Vorlage des Großherzoglichen Oberraths zugestimmt, Dank aber auch llnserem geliebten Gryßherzoge, der durch Schaffung der israelitischen Landessynode den Israeliten seines Landes einen erneuten Beweis seiner fürstlichen Gesinnung gegeben, die er auch vor Kurzem mimt verehrten jüdischen Gelehrten gegenüber bekundete. In das von dem Redner ansgebrachte Hoch auf den Landesfürsten stimmt die Versammlung jubelnd ein und beschließt, dem zur Zeit in Norderney weilenden Herrn Oberrath Negierungsrath Dr. Mayer ans Karlsruhe den wärmsten Dank für die dem Religionslehrerstande bewiesene Fürsorge telegraphisch anszusprechen. Ans der Berichterstattung des Vorsitzenden ist hervorzuheben: Der Verein hatte im vergangenen Vereinsjahre den Tod mehrerer Mitglieder zu beklagen, einige haben den badischen Staatsverband verlassen, etliche sind hinzugetreten. so daß der Verein nunmehr 83 zahlende Mitglieder zählt. Dem Wunsche der dem Großherzoglichen Oberrath überreichten Petition entsprechend, deren Erledigung demnächst zu erwarten steht, soll die Anstellung der israelitischen Religionslehrer Badens fortab eine definitive fein. Herr Professor Dr. Aschkenasy in Heidelberg hat in dankenswerther Weise durch.. Zuwendung eines werthvollen Geschenkes (Mandelkern'sche Konkordanz) den Grundstein. zu unserer Bibliothek gelegt. Der Kassirer bittet um pünktlichere Einhaltung des auf beit 1. Juli festgesetzten Zahlungstermins für die Beiträge, eventuell um die Ermächtigung, die rückständigen Beiträge durch Postauftrag zu erheben. Lippmann-Karlsruhe referirt hieraus in eingehender Weise über die „Methodik des hebräischen Uebersetzuugsnnterrichts". Der Vortragende schließt sich im Allgemeinen den Darlegungen des Kollegen I. Spanier-Stolzenau über dasselbe Thema an. Folgende Thesen mögen den Vortrag illustriren. 1. Vorbedingung des Uebersetzungsunterrichs ist korrektes, geläufiges Lesen, damit die Kraft des Schülers ungetheilt sich jenem zuwenden könne. Die in einem Schuljahre durchzuuehmenden Gebetstücke sind daher im Vorjahre möglichst oft zu lesen. 2. Wie bei jedem Unterricht, so ist auch beim hebräischen Uebersetzungsunterricht die häufig beliebte ausschließliche Anwendung der Meniorirmethode sowie jede Methode, welche, indem sie den Lehrer entlastet, den Schüler belastet, zu verwerfen. 3. Vor Beginn des eigentlichen Uebersetzens sind die Schüler mit der ethischen und liturgischen Bedeutung des Gebetstückes bekannt zu machen. (Zielangabe und Vorbereitung.) 4. Die Schüler sollen wissen, was sie übersetzen. Deshalb gebe der Lehrer zuerst eine klare deutsche Uebersetzung des Ganzen. (Darbietung.) 5. Der Lehrer fragt die deutschen Wörter einzeln ab. die Schüler sagen die entsprechenden hebräischen Wörter, zuerst ans dem Siddur, später auswendig; hierauf umgekehrt. Zum besseren Verständuiß sind die hebräischen Wörter grammatikalisch zu erläutern, und das Ergebniß werde an die Wandtafel geschrieben. 6. Der Lehrer führe durch Besprechung des Durchgeübten den Schüler in das Verständuiß des Gebetstückes ein. 7. Erst jetzt gebe der Schüler die Uebersetzung in gutenr Deutsch wieder und folge dabei im Siddur. 8. Der Lehrer entwickele die religiösen und sittlichen Lehren aus dem behandelten Stoffe und setze sie in Beziehung zum Leben. An den mit Beifall aufgenommenen Vortrag schließt sich eine lebhafte Debatte an, die im Wesentlichen völlige Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Referenten ergiebt. Levy-Rheinbischossheim möchte mit Rücksicht auf die dem Lehrer so knapp bemessene Unterrichtszeit für den hebräischen Uebersetznngsunterricht die memoriale Methode nicht ganz verwerfen. Hanauer-Mosbach würde es gern sehen, daß der Referent seine Methode an einer Lehrprpbe zeigte. Diesem Wunsch kommt der Vortragende durch Uebernahme einer Probelektion für die nächste Generalversammlung entgegen. Bei Punkt 3 der Tagesordnung enipfiehlt der Vorsitzende mit warmen Worten die Einsetzung einer Fnrsorgekom m i ssion, die bei Krankheits- und Todesfällen von Vereinsmitgliedern deren Familie mit Rath und That helfend zur Seite stehen solle? Die Versammlung giebt ihre nngetheilte Sympathie für diesen schönen Gedanken dadurch zu erkennen, daß sie den Vorstand zur Ernennung hierzu geeigneter Vertrauensmänner ermächtigt.