Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7.7 v!- 485 Auge behalten und riöthigenfalls einschreiten. Eine Zuwendung des Herrn Max Jaffa im Betrage von 10000 Mark zur Errichtung einer Stiftung für verschämte Arme, wobei Verwandte des Stifters in erster Reihe,berücksichtigt werden sotten, wurde debattelos genehmigt, ebenso die letztwillige Zuwendung des Herrn Naumann Abraham im Betrage von 65 000 Mark, und zwar 15000 Mark für das Krankenhaus, 20 000 Mark für die Alte r-s v e r s o r g u u g § a n st a l t und 30 000 Mark für die A r m e n k o;;; Mission, ferner die zur Erinnerung an die Vermählung ihrer ältesten Enkelin von Frau Konunerzienrath Adolfine Simon an das Hospital im Betrage von 8000 Mark gewährte Spende. Die Zulvendung des Herrn Max Meyer und der Frau Lina Meyer im Betrage von 3000 Mark, deren Zinsen um 3. Juli jedes Jahres an bedürftige jüdische Stndirende der hiesigen Universität und in zweiter Reihe an Zöglinge der Lehranstalt für. die Wissenschaftdes Iudenthnrns vertheilt werden sollen, veranlagte deshalb eine rege Debatte, weil diese Stiftung der Armenkommission überwiesen worden ist. Der Ausschutz hielt diese Bestimmung für bedenklich imb bat. in Erwägung zu. ziehen, ob die Vertheilung der Zinsen nicht dem Kuratorium der Ephraimstiftung überwiesen werden könne. Der Dezernent des Gemeindevorstandes, Herr Martin Simon, betonte, daß in unserer Gemeiilde leider »venig für Studirende gethan werde. Es sei deshalb mit Freuden zu begrüßen, daß die Armenkommission, an ivelche sieb die Stndirenden zuerst wendeten, nunmehr in der Lage sei. Hilfe leisten zu können. Die Bestimmung sei ausdrücklich von den Stifter;: getroste;; lvorden und könne nicht geändert werden. Der Ephraiuistiftnng, die in sich abgeschlossen sei, hätte die Gemeinde kein Recht, die Zulvendung zu überweisen. Sämmtliche Redner der Diskussion waren der Ansicht des Ausschusses und erklärten es für deprinnrend. die Studirenden von vornherein an den Bettel zu gewöhnen, Herr Man heim er lvarnte ausdrücklich davor, solche Stiftungen bei der Armenkomnnssion einznfnhren. Auf Ar;trag Löwenthal lvurde die Vertagung der Vorlage beschlossen, um mit den Stiftern in Unterhandlung zu treten, daß der Geuleirldevorstand die Vertheilung der Zinsen übernehme. — Die nicht auf der Tagesordllung befindliche, aber als dringlich von der Versamuiluug angenommene Vorlage betreffend Ae n deru n g des Kra u ke u h a n ssta tutes fand dadurch ihre Erledigung, daß die Einsetzung einer geiuisehteu Koumüsfiou zur Vorberathung beschlossen und die Angelegenheit den; Allsschuß 111 überwiesen wurde. — Der Rechnungsabschluß des Hospitals hat einen Uebcrschuß von 22600 Mark ergeben. Der Vorstand des Hospitals hat darauf den Antrag gestellt, die Anzahl der Hospitaliten, die bis jetzt 65 betrug, aus 80 zu erhöhen. Der Gemeindevorstaud will nur 75 genehmigen, während der Ausschuß 80, nliudestens aber 77 festzusetzeu beantragt. In der Diskussion treten die Herren Lölveuthal und Manheim er für die Erhöhung auf 80 ein. Vom Vorstand plaidiren Herr Martin S i u; o n und Herr I a c o b y nur für 75. Rechnerische Gründe hätten den Ge;ueiudevorstaud dazu veranlaßt, da verschiedene Summen des Ueberschusses nur vorübergehend, nicht als dauernde zu verzeichnen sein würden. Das Hospital hätte bereits im Vorjahre 65 Insassen anfnehmen dürfen und sei durchschnittlich nur auf die Zahl 58 gekonnnen. Das Bedürfniß zur weiteren Erhöhung könne sonnt augenblicklich kein so großes sein. Herr Oppenheim stellt unter großer Heiterkeit der Versammlung fest, daß die concedirte Zahl von 65 bereits überschritten sei und augenblicklich 74 Hospitaliten vorhanden seien. Herr Rudolf Mosse hält den Beschluß des Gemeindevorstandes für berechtigt, wenn mm; den Rechenstift benutze. Doch;;;üsse man diese Angelegenheit nnt dem Herzen auffassen. Wenn bereits 74 Hospitaliten vorhanden seien, so sei ja die Forderung von 80 Betten durchaus nicht zu hoch. Anßerden; lägen ein Dutzend Anträge nn; Ausnahnie zur Erledigung vor. Der Gen;eindevorstand solle in diesen; Punkte nicht kleinlich handeln. Bei der Abstimmung »vurde der. Hospitalverwaltung zunächst Decharge ertheilt und dann einftinnnig eine Erhöhung der aufznnehmenden Hospitaliten auf 80 beschlossen. — Die Sitzung endete nnt der Vertagung des Punktes 9, der Rechnungsabschlüsse verschiedener Verwaltungen betrifft. An die öffentliche schloß sich eine längere geheime Sitzung, deren Tagesordnung die Bewilligung einer Remuneration und die Wahl eines Assistenzarztes aufwies. Hebräische Sprachkurse. Von Dr. A. Friede m a n /4ä§ ist eine beschämende Erscheinung iiu Leben der deutschen, JOc) speziell der Berliner Juden, daß die Keuntniß der hebräischen Spruche ständig zurückgeht. Die Sprache lrnserer heiligen Bücher mit ihrer wundersamen Poesie, ihrem prächtigen Bilderreichthnm und der Kraft des Ausdrucks, die uoch Herder uicht genug zu preisen vermochtehat im westlichen Europa mehr imb mehr an Boden verloren. Kaum, daß die Jugend nothdürftig die Gebete zu entziffern vermag, jedes tiefere Eindringen in das jüdische Schriftthnm und damit die Fähigkeit, den reichen Schatz jüdischen Wissens und Fuhlens in sich aufzunehmen, verbietet sich von selbst. Und doch giebt es kein besseres Mittel zur Bekämpfung des Abfalls vom Judenthum, als die Keuntniß desselben. Wie soll inan für eine Lehre kämpfen, die man nicht kennt, wie soll man den widersinnigsten Angriffen ans Religion und Volk entgegentreten, wenn man dieses nur ans antisemitischen Witzblattern, die Vorschriften des Talmud ans Rohling'schen Ueversetznngen kennen lernt! Diesen betrübenden Zuständen kann nur durch die Verbreitung von Kenntnissen abgeholfen werden, und dazu gehört vor Allem die Aneignung hebräischen Wissens. Wir sind so stolz auf unsere kulturelle Ueberlegenheit gegenüber den Inden des Ostens, und wie unberechtigt ist doch dies Gefühl in vieler Beziehung. Jene russischen, galizischen und rumänischen Rabbiner im Kaftan, denen der westeuropäische Jude in Karlsbad und Marienbad sorgfältig aus dem Wege geht, haben zum großen Theil eine Fülle von Wissen - nicht nur in talmudischer Beziehung — in sich ausgenommen, die Staunen erregt. Schreiber dieser Zeilen hatte unlängst Gelegenheit, mit einem bekannten galizischen Ehasstd zu verkehren, der in der geistvollsten Weise über Sndermanu, Maeterlink, Franeois Coppo plauderte. Und dieser Mann gehört durchaus nicht zu den Ausnahmen. Ganz selbstverständlich aber erscheint es jedem östlichen Juden, daß er über dem modernen Wissen das des eigenen Volkes nicht vergißt, und dazu gehört vor Allem die hebräische Sprache. Und wie bildungsfähig ist die letztere! Hat man doch Schiller und eine große Anzahl .moderner deutscher Dichter in die Sprache unserer Väter übersetzt und in Rußland verbreitet. Erscheinen doch in Petersburg und Warschau sogar zwei hebräische Tageszeitungen, die Tausende von Lesern haben, und der Herausgeber des „Hazewi". Herr- Ben Jehuda, ist mit der Riesenarbeit eines hebräischen Lexikons beschäftigt. Alle diese Thatsachen sprechen dafür, daß die hebräische Sprache nicht zu den todten gehört, daß sie lebt und durch Aufnahme moderner Begriffe ans fremden Sprachen und Konstruktion neuer Wortbildungen, die wohl zu schaffen sind, lebensfähig zu erhalten ist. Wollen wir also eine kulturelle Ueberlegenheit geltend machen, so genügt es nicht, dieselbe einseitig zu beweisen. Wir westeuropäischen Juden sind vielmehr verpflichtet, uns wieder mehr mit unserer reichen Vergangenheit und mit der jüdischen Gegenwart zu befassen. In dieser Erkenntniß wurde im Frühling des Jahres ein Aufruf veröffentlicht, der die Unterschrift der hervorragendsten Inden aller Richtungen trug und zur Theilnahme an zu begründenden hebräischen Sprachkursen aufforderte. Derselbe war von reichem Erfolge begleitet, und am 1. Mai wurde die Lehrthätigkeit an einer städtischen Schule eröffnet