Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Konzept. Man kann den Aerger der Antisemiten .begreifen, denen es trotz eifrigsten Schreiens ihrer Blätter nicht gelingen will, in Deutschland die Oeffentlichkeit für ihr neues Ritualmordmärchen zu begeistern. Daher giebt die „Deutsche Wacht" in Dresden die Parole aus: „Wenn aber aus unserem Parteitage gegen das ungesunde römische Wesen Stellung genommen worden ist, so hatte das — wie Obiges beweist, auch seine hohe Berechtigung. Front gegen Rom! Front gegen Juda! das ist unsere Losung. Wir werden unserem Ziele näher kommen, das mögen sich die Herren vom Centrum wie die mit den krummen Nasen gesagt fein lasserr!" Das Münchener „Deutsche Volksblatt" geht in seinem Aerger noch weiter. Dieses Organ des Herrn Wengg in Müncherr und des Mechanikers Schneider in Wien konstatirt, „daß marr sich in den katholischen Redaktionen beeilt, den Juden in der Polna-Affäre hilfreich beizuspringen", urrd schließt seine Ausführungen: „Wir erwähnen diese Fälle nur, um zu zeigen, daß die Centrumsblätter in ihrent Eifer, ben Inden zu bienen, die Heiligen und die päpstliche Bulle leugnen und Lügen strafen. Eine saubere Gesellschaft, Dummheit und Niedertracht sind hier vereint." Nun weiß wenigstens die klerikale Presse, was sie ist, wenn sie dem edlen Brüderpaar Wengg-Schneider nicht blind gehorcht! * Die „Narodny Listh", das offizielle Organ der Jungtschechen, das leider auch verschämten Antisemitismus treibt, geißelt das würdelose Gebühren der „deutschen", besonders der reichsdeutschen Antisemiten treffend in folgenden Ausführungen : „Als die tschechischen Geschworenen in Kuttenberg den Juden Leopold Hilsner wegen Mordes zum Tode durch den Strang verurtheilten, da nannten uns die deutschen Judenfresser sofort geliebte Brüder, Helden der Intelligenz und Wahrheitsliebe. Beschützer der arischen Rasse, und fanden auf einmal, daß die Rasse, die sie früher nur mit einem unreinen Hausthier verglichen, bildschöne Mädchen zeuge. Es genügte die Vernrtheilnng eines Inden, daß nur in die deutsche Walhalla ausgenommen werden. Selbstverständlich geizen wir nicht im Geringsten um diese problematische Ehre. Wir konstatiren dies nur aus dem Grunde, damit klar werde, mit was für einem schadhaften Fonds politischer Ehre und Konsequenz der deutsche Antisemitismus disponirt." Das wird der: Tschechen doch nichts helfen. Die deutschen Antisemiten werden fortfahren, in ihnen die geliebten Brüder 311 verehren, so lange jene auch gegen die Juden Hetzen. * Es ist nicht genügend beobachtet worden, daß das führende Blatt des V a ti ka n s, der bisher wenig judenfreundliche „Offervatore Romano", in der letzten Woche einen hochoffiziösen Artikel für die Inden gebracht hat. Es heißt dort: „In Betreff des Antisemitismus, der so grundlos der katholischen Kirche vorgeworsen wird, indem man sogar die Katholiken beschuldigt, in den Reiheil Derjenigen zu sein, welche die Juden in Algier prügeln und überall verfolgen, würde es genügen, einige Thatsachen anzuführen." Das römische Blatt citirt sodann eine von dem israelitischen Synhedrium zu Paris 1807 abgegebene Erklärung, worin konstatirt wird, daß verschiedene Päpste und viele andere geistliche Personen der katholischen Kirche die verfolgten Juden in Schutz genommen haben, urrd fährt dann fort: „Man könnte überdies fragen, ob denn der Antisemitismus nur in Frankreich existirt. Ist nicht etwa in Preußen und Deutschland der frühere Hofprediger Pastor Stöcker ein Haupt des Antisemitismus? Und sind es irr Rrißland die Katholiken, lvelche die Austreibung der Juden bewerkstelligen? lXnb Rom hat dem Antisemitismus eines Drumont nie feine Billigung ertheilt. vielmehr schleudert dieser in feinen Büchern Beschimpfungen gegen die „römische Kurie", weil sie jenen nicht gebilligt hat." In eineur Nachtrage zu diesen Zeilen führt der „Offervatore" aus einer Konstitution Jnnocenz IN. einen Passus an, in dem 'es heißt: „Die Juden sind lebendige Zeugen des wahren Glaubens. Es ist den Christen nicht erlaubt, dieses Geschlecht auszurotten. Niemand wage, ihre Friedhöfe zu verunreinigen oder Leichname für Geld auszugraben, dies Alles unter der Strafe der Exkommunikation." Das Blatt schließt seine Ausführungen mit den Worten: „Und wie die Vorgänger Jnnocenz III. gethan hatten, wie er selbst gethan, so handelten auch stets seine Nachfolger. Sind beispielsweise die von Pius IX. den Juden gewährten Freiheiten und Erleichterungen unbekannt? Die Handlungsweise des Papstthumes gegenüber dem Judeuthume war durchweg itnb immer ein Werk erleuchteter Liebe und Duldung." & Eine mehr als seltsame Nachricht bringt die „Jüdische Presse" aus zuverlässiger Quelle: Die Universalerben der Baronin Hirsch sollen die Auszahlung des Legates von 10 Millionen Francs an die Alliance israelite universelle verweigert haben. Bekanntlich ist, da es in Frankreich feilt eigentliches Vereinsgesetz gisbt, die Alliance nur tolerirt und daher keine juristische Person. Aus diesem Grmide können ihr nur indirekt Legate hinterlaffen werden, und die Baronin Hirsch hat deshalb jene 10 Millivnenstiftnng der Jewisli Kolonisation Association vermacht mit der Bestimmung, daß die jeweiliger! Zinsen an die Alliance zur Erhaltung ihrer Schulen im Orient abzuführen sind. Unter dem Vorwände, daß das Gesetz urngangen sei, weigern sich nun die Erben, die 10 Millionen anszuzahlen. Die Alliance hat nothgedruugen die Klage eingeleitet; das Urtheil in diesem Prozeß ist ungewiß, das Urtheil über diese Art von Erben steht aber schon heute fest. £ Die Juden sind nun einmal an allem Schuld. Selbstverständlich auch an dem Krieg mit Transvaal. Philipp Stanhope, einer der wenigen englischen Brrrenfrennde, sagt, daß die eigentlichen Anstifter des Vorgehens der englischen Regierung, das zum Kriege mit Transvaal führt, die jüdischen Millionäre von Piecadilly und Park Lane sein. Der Korrespondent der „Times", Mr. Monhpenny, dagegen behauptete, vor einigen Wochen wenigstens, Präsident Krügers einzige Reformidee sei, den nutzlosen russischen Juden das Bürgerrecht zu geben. Wer hat nun Recht? Ist übrigens gleichgiltig, denn der Jude wird doch verbrarrnt. Urrd die afrikanischen Kaffern fangen schon damit an, es ihren deutschen, tschechischen und französischen Gesinnungsgenossen gleich zu thurr. Aus der Berliner Gemeinde. . 8. Berlin, 8. Oktober. ie Tagesordnung der heutigen Sitzung der Repräsentanten- Versammlung war eine so reichhaltige, daß der Rest derselben noch abgesetzt werden mutzte. Zum geschäftlichen Theil eröffnete der Vorsitzende Herr Louis Sachs der Versammlung, daß die Herren Professor Geiger und Syndikus Dr. Minden auf längere Zeit beurlaubt und dafür die Stellvertreter Rechtsarnvalt Dr. Beit Simon und WillibaldLöwenthal einbernfeu seien. Den größten Theil der Debatten nahm der in unserer vorigen Nummer