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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-13 · Heft 41 (13.10.1899) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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niauifestiren ihre Angehörigkeit zur selben meist durch frivole und trotzige Verletzung der heiligsten Gebräuche und Vorschriften unserer Religion. Das Einzige, was sich dagegen thuu läßt, ist die Gründung von „Chewroth", welche Prediger (Maggidim) engagirte in „Klausen" und „Bote Midraschim", um Handwerker und Arbeiter (am Sabbath und Feiertagen) zu belehren und so dieselben vor jenen Demagogen und deren verhängnißvollen Propaganda zu warnen, was auch nicht ohne Erfolg geschieht. Uebrigens wurde hier auch eine Leihbauk gegründet, welche gegen äußerst günstige Bedingungen den Handwerkern und Kleinhändlern Darlehen bis 80 Rubel bewilligt, nur die etwaige Roth dieser Klassen zu steuern. Aber den jüdischen Handwerkern zu verhelfen, nach den inneren Gouvernements überznsiedeln, erweist sich, in Anbetracht einerseits der vielen Beschränkungen, die außerhalb des Ausiedelungsrayons auch für Handwerker immerhin noch herrschen, andererseits wegen des Vorzugs, welchen jüdische Handwerker, die hier am Orte keine lohnende Arbeit finden, der Emigration nach Amerika und Afrika vor der Immigration in die inneren Provinzen des Reiches geben, als wenig geeignet, die materielle Lage des Handwerkerstandes zu heben, umsomehr, als die Arbeitslöhne der Handwerker in den inneren Provinzen, mit Ausnahme der Residenzen, zufolge der dort herrschenden Armuth, Mißernten und geringer Kultur meist kleiner sind als im Ausiedlungsrayon, wo man wegen der häufigen Emigration unserer Handwerker nach Amerika und Afrika gezwungen ist, gewissermaßen mit diesen Welttheilen zu konkurriren. Bewilligt ein Meister feinen Gesellen nicht den Lohn, welchen sie fordern, so ziehen letztere nach Amerika, und er, der Meister, ist genöthigt, auf seine Kosten Gesellen aus den kleinen Städtchen Lithanens und Polens sich zu holen. Ueberhaupt ist bei uns der Handwerkerstand in den letzten Jahren relativ gut situirt. Schlimm ist es nur bestellt um die Kleinhändler. Trödler, die früheren Schankwirthe und deren Dienstpersonal, besonders aber die Tagelöhner, die nicht emigriren können, weil sie in Amerika und Afrika nichts Ordentliches anzufangen wissen. Wenn die oben besprochene Arbeiterbewegung nichtsdestoweniger hauptsächlich unter den Handwerkern wühlt, so beweist schon diese Thatsache, daß dieselbe nicht etwa von einem „entsetzlichen Nothstand" hervorgerufen wurde, dem die jüdische Intelligenz abzuhelfen hätte, fonbevn von politischen Aufwieglern ins Werk gesetzt ist. mit welchen begreiflicherweise nur die Regierung den Kampf aufnehmen kann. Wie uns scheinerr will, hat der geehrte Korrespondent die Tragweite und Ausdehnung der jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland doch erheblich unterschätzt. Es mag sein, daß sie in Wilna nicht die Bedeutullg hat, welche man einzelnen Vorkommnissell beilegte. In Polen und Mittelrußland ist sie aber tatsächlich vorhanden, wie die verschiedenen Strikes und andere noch wertiger erfreuliche Anzeichen Jeden, der sehen kanrl, belehren. Da ist kein Vertuschen mehr möglich. Es gilt der Gefahr, denn für eitle solche halten wir die ganze Bewegung, muthig ins Altgesicht zu blicken und über die Mittel nachzusinnen, wie man ihr begegnen, vor allem, wie man die ökonomische Lage der jüdischen Arbeiter urrd kleinert Handwerker in Rußland heben kann. Are Woche. Berlin, 10. Oktober 1899. f ie Antisemiten lieben es, sich als die Generalpächter des Patriotismus aufzuspielen, als die Deutschesten der Deutschen, den Juden aber ihre Jnternationalität vorzuwerfen. Allein das Gegentheil ist wahr; der Polnaer Fall hat so recht deutlich eine internationale Organisation des antisemitischen Klüngels gezeigt, und wer noch daran gezweifelt hätte, den belehren die neuesten Veröffentlichungen in den antisemitischen Blättern eines Besseren. Mit aller Energie wird hier die international« antisemitische Genreinbürgschaft gepredigt und mit Stolz die Thatsache verzeichnet, daß die Erbfeinde der Deutschen, der Franzose Drumont und der Tscheche Hajek, Herrn Wengg ob seines Kampfes gegen die Juden beglückwünscht haben. Die Parole ist gemeinsamer Kampf gegen Juda, selbst wenn mau darob gegen die Interessen seines Vaterlandes handelt. Und diese Gesellschaft will uns Mangel an Patriotismus und Jnternationalität vorwerfen! * Gegenüber den Angriffen, die die Bibel auf dem Antisemitentage in Hamburg erfahren, ist es von Interesse, aus den Verhandlungen des Deutsch-Evangelischen Schulkongresses in Barmen, der in dieser Woche getagt hat, zu entnehme»:, wie sich diese Kreise zu dem Versuch stellen, der das „Alte Testament" aus Haus und Schule zurückdrängen möchte. Professor Holzhäuser hat dort den Vortrag über den „Alttestainentlichen Unterricht in den höheren Schulen" gehalten und sich natürlich auch »nit der Frage beschäftigt, ob das alte Testament nicht ganz aus dem Unterricht zu entfernen sei, ob man es theilweise oder nur unter gewisse»» Bedingungen beibehalten dürfe. Die erste Forderung »vird damit begründet, daß das Alte Testament entbehrlich sei, denn „Christus sei in: Neuen Testament enthalten", beide unterscheidei» sich sehr »vesentlich, den» Alten Testament komine ein geringer pädagogischer Werth zu, die Ethik beider sei verschieden, das Alte Testament spreche gegen die Psychologie, es verhindere also die religiöse Erziehung, uud darum sei die Religio»» der Zukunft das Christenthu»n ohne das Alte Testament! Professor Holzhäuser sprach nun wohl die Meinung des Kongresses aus, we»:n er dagegen Folge»»des ausführte: „Diese öffentlich vertretenen Ansichten hätten deswegei» Wert»», »veil sie die Anschauung eines großen Theils der Gebildeten »viedergeben. weil sie das Christenthum geruianisiren, d. h. versittlichen »vollen. Eine Beschränkung »oerde d»»rch die historisch kritische Forschung gesordert, die litterarhistorisch und religionsgeschichtlich die Schriften und Geschichte des Volkes Israel durchgeprüft habe und ein von der bisherigen Anschauung gälizlich verschiedenes Bild entivirst. Will inan dies berücksichtigen. dann kann man direkt in die kritische Arbeit einführen oder der Lehrer geht den herkömmlichen Gang, berichtigt aber nebenbei oder man legt das Hauptgeivicht auf die Propheten und die Poesie. Andere wollen die religiösen und sittlichen Wahrheiten an der Hand der Geschichte in Lebensbildern anschaulich auf der Unter- und Mittelstufe darstellen; erst a»»f der Oberstufe solle die Kritik beginnen. Hier aber leidet durch Beobachtung der orthodoxen Methode die Wahrhaftigkeit Schaden, und der Geringschätzung der Bibel »vird der Lehrer kaum wehren können. Vom Unterricht muß eine berechtigte Kritik anerkannt werden, aber die heutige ist vielfach tendenziös, denn sie spricht bestrittene oder bestreitbare hypothetische Ergebnisse als sicher aus. Wenn man Gott bejaht, dann muß man auch die Schrift bejahen. Die Kritik darf sich nur mit der „Naturseite", d. i. de»» univesentlichen Dingen, beschäftigen. Durch die Schrift komme»» wir zu Gott." Wir meinen, daß auch für unsere Kreise in diesen Aeußerungen manches Beherzigenswerthe liegt. * Die Antisemiten sind mit den Klerikalen recht unzufrieden. Hofften sie doch, den Prozeß in Potna zu einer rechten Ritualmordhetze gegen die J»»den ausschlachten zu können, und dabei n»acht ihnen die Haltung der ultramontanen Presse einen argen Strich durch die Rechnung. Man kann doch alle Organe des Cerrtrums nicht gerade der Judenfreundschaft beschuldigen, und dennoch schreiben diese fast eillinüthig und unter Berufung auf die oft erlassenen Bulle»» der Päpste, daß es keiire»» Ritualmord giebt, und verderben den Hetzern das

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