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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-13 · Heft 41 (13.10.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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; MM 63. Jahrgang. Nr. 41. ^ESL TT vV Air Vfr A Berlin» 13. Oktober 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Expedition: Lerlin, Zerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Jndenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofsc, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Kurpeles. ÄNhltlk. Leitartikel: Jüdische Sozialisten. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Hebräische Sprachkurse. Bon Dr. A. Friede m a n n. — Protokoll der 2. Generalversammlung deZ »Landesvereins der israelitischen Religionslehrer im Großherz ogthum Baden". — Reflexionen. IN. IV. — Tisza-Eszlnr und Kuttenberg. Bon Böla Tüth. — Don Isak Abravanel und der Gewürzhandel mit Calicut. Bon Prof. Dr. David Kaufmann s.A. — lieber „Jüdische Geschichte". Bon Prof. Dr. B. Kohlbach. — Feirilleton: Eine Partie. II. Eine Humoreske. Bon I. Zangwill. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westprenßen, Stettin, Kattowitz, Braunschweig, Köln, Gailingen, München Wien, Prag, Budapest, Johannesburg, Newport. — Bon Ray nnd Fern. Jüdische Annalisten. ai1 Berlin, 11. Oktober. Wieder einmal geht durch die Tagesblätter die Nachricht, daß eine jüdische Arbeiterverbindung in Warschau aufgelöst wordell sei. Als unschuldige Opfer dieses Geheimbnndes find zwei vortreffliche Volksschriftsteller, dereil Nanieu wir, obwohl sie uns bekannt sind, aus bestimulteu Gründen noch verschweigen wollen, verhaftet worden. Wir haben erst vor einiger Zeit die von einem hiesigen Blatte gebrachten Meldungen über jüdisch-sozialistische Propaganda in Rußland besprochen und daran, einige Bemerkungen ans sachkundiger Feder geknüpft, iu denen auf die große Gefahr hingewiesen wurde, die iu der erwähnten Propaganda liege. Wir erhalten jetzt von einem alten und treuen Mitarbeiter ans Wilna die nachstehenden Aufklärungen, die zur Ergänzung des Themas werthvolles Material bieten. Die ganze Angelegenheit ist, wie sich jetzt herausgestellt, doch zu wichtig, um kurzer Hand abgethan oder gar ignvrirt zu werden; sie erheischt vielmehr die volle Beachtung aller Derer, denen die Lage unserer unglücklichen Glaubensgenossen im großen Zarenreiche nicht gleichgiltig ist. Wir lassen nunmehr das Schreiben unseres geschützten Wilnaer Korrespondenten hier im Wortlaut folgen, behalten uns aber vor, noch darauf zurückzukommen: Der Artikel: „Jüdische Sozialisten" in Ihrem Blatte hat die cmläßlich der Maifeier hier stattgehabte Demonstration zum Gegenstand. Dort wird aus der „Freisinnigen Zeitung" eine diesbezügliche Mittheilnng entnommen, aus welcher deutlich zu ersehen ist, lvie wenig man, selbst in sonst über die Verhältnisse der russischen Inden gilt unterrichteten und wahrscheinlich auch wohlwollenden Kreisen, mit der seit einigen Jahren sich hier wild da bemerkbar machenden Arbeiterbewegung bekannt ist. Schauder Ausdruck des Berliner Blattes: Die hiesige jüdisch-soziEstische Partei" verräth die Unkenntniß der Sachlage. Ich lebe hier seit einer langen Reihe von Jahren und habe bis jetzt rwch nie von der Existenz einer sozialistischen Partei und dazu noch gar einer jüdischen gehört. Voll einer solchen Partei kann überhaupt bei uns gar nicht die Rede sein. Dazu fehlen vor Aller«. Fabriken und Hanvwerkerwerkstätten mit za h l re i cb e n Arbeitern. Das Fabrikwesen ist in Wilna und Umgegend erst im Entsteheil begriffen und, bis aus die zwei Briefnmschlagfabriken. sind nirgends jüdische Arbeiter zu begegnen. Halldlverker sind zwar größtentheils, ja fast ausschließlich Inden, aber voll einer Ausbeutung derselben uon Seiten der Arbeitgeber kaml man scholl deslvegell llicht sprechell, lveil ill Wirklichkeit die Halldlverksllleister nicht besser gestellt sind als ihre Gesellell ulld Arbeiter, die alle gleich ihr leidliches Durchkomlnen haben, aber allch nicht mehr und auch llicht weniger. Halrdrverksllleisker, die durch Wohlhabenheit oder gar Reichthum sich allszeichnen, finb ebenso selten wie Handwerksgesellen und Arbeiter, die unter einem „eiltsetzlichen Nothstand" schmachtell. Eine soziale Frage, wie eine solche iui Westen Europas sich geltend lilacht, feunt man bei llirs llicht, lvelligstells llicht hier ill Willla. Es klingt allch geradezu komisch, lvelln ulall liest: „Die „Sozialistell" (?) stürzten sich aus die lvenigen Polizeibeamterl, rissen ihnen die ltnifovmeii vonl Leibe, ninringten die Beamten nnd drängteil sie mit fort." . Der Korrespondent, der einen solchen krassen Unsinn niedergeschrieben hat, muß nicht b'los eine gar zu lebhafte, bis zur Krankhaftigkeit lebhafte Phantasie habell, er ttlus; auch llicht die leiseste Ahnung habeil von der instinktiven Allgst die unter den niedrigeren jüdischen Bolkc-klassen vor der Polizei herrscht. Hüttell damals die jüdischen Delllonstrallten etlvas Aehlltiches sich zu Schulden tomiuen lassen, es wäre wohl um ihre Freiheit für immer geschehen, und jedenfalls wären sie nicht «ach kurzer Zeit ill Freiheit gesetzt lvordeli, lvie es jetzt der Fall lvar. Es ist allch ein Jrrthmn, wenll llicht gar eine böswillige tendenziöse Lüge, wenll der angeführte Korrespolldellt die in Rede steheilde Delllvltstrativll ausschließlich dell 3üben iit die Schuhe schiebt; an dersetbell haben sich auch christliche Arbeiter und Halldlverker betheiligt. Aber diese Demollstration entbehrte üverhallpt jeder ernften BedelltlNlg «nt» lvar ilichts weiter als ein dummer Streich unreifer Burschen, die vvn politischen Wühlern. meistcns ansgeschlossellen Stndentell nnd dergleichell verpfnschtell Eristellzell, dazll abgerichtet rvurdell. So hat allch llllsere in ähntichell Sachen vielerfahretle Polizei die Denwustratioil allfgefaßt und über die arretirten Demonstranten keine schwerere Strafe verhällgt als eillige Tage Arrest nild Anslveisnng der nicht hiesigen Arbeiter nach ihrem Geburtsorte. Bei alledem ist die Betheiliglulg der jüdischen Arbeiter und Halldlverker an der erlvählltell Demoilstratioll, lvie Ihr Artikel treffenb bemerkte, eine sehr bedellkliche, ja tiesbetrübellde Erscheilllllig im Leben unserer hiesigen Glaubensgenossen und zeigt nur zu deutlich. lvie lveit die Arbeiterbewegung auch bei uns gediehen ist. Aber diese Bewegung hat mit der eigentlichen Arbeiterfrage ilichts genlein. Sie trägt vielniehr einen ausschließlich politischen Charakter unb ist, allein Allscheille llach, freinben Ursprungs. Spezifisch-jüdisches hat dieselbe an sich absolut nichts. Zwei unlängst verhaftete polnische Aerzte ulld ein Veterillär, lvelche ilichts Geringeres verfolgten, als die Herstellung Lithanens, gelten allgemein als die lnaßgebelldstell Leiter dieser unheilvollen Bewegung, geger: lvelche zu känrpsell die jüdische Intelligenz schon deslvegell allster Stande ist, als die bezeichnete Bewegung ill erster Linie gegen alles Jüdische Ulld vor allem gegell die jüdische Religion gedichtet ist. Die jüdischen Haildlverksbnrschell Mld Gesellell, lvelche von dell Denuigogell jener Belvegling verleitet, letzterer sich anschließen,

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