Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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zwar nicht wisse, dessen Aufbewahrungsort ihr aber bekannt sei. Und nun ereignete sich aber das Unglaubliche. Die Behörde schenkte den Angaben Glauben und ordnete eine Untersuchung an, die ergab, daß sich die Familie täglich die Zähne putzte und dazu das röthliche übermangansaure Kali benutzte." So geschehen am Ende des neunzehnten Aahchhrruderts! — Am 17. v. M. wurde vom Kaiser, der anläßlich der Manöver in Klagen für t Audienzen ertheilte, auch eine Abordnung der Israeliten empfangen. Da die Israeliten tu Kärnten der Grazer Knltnsgemeinde gesetzlich zügetheilt sind, waren die Herren Präses Bernhard Bitter und Rabbiner Dr. Mühsam aus Graz herbeigeeilt, um dem Monarchen ihre Huldigung darzubringen. Ihnen hatten sich angeschloffen die Herren Max Stößl, als Vertreter der israelitischen Bewohner von Klagenfurt, und Dr. Bernhard Kramer aus Kirchbach im Gailthale, als der der Israeliten Kärntens. Nachdem der Rabbiner mit Erlaubniß des Kaisers bedeckten Hauptes den Segenssprnch gesprochen uub eine kllize Anrede gehalten, erwiederte der Kaiser, daß er seinerzeit die neue Synagoge in Graz besichtigt habe, erkundigte sich über die Entwickelung der Inden in Klagenfurt und Kärnten und sprach jeden Einzelnen der Deputation in huldvollster Weise an. © Krrttenberg, 8. Oktober. Die Wiener uub Berliner Blätter bringen heute fast übereinstimmend die Meldung, daß in dem Prozeß von Polna eine neue Wendung eingetreten,sei. Leopold Hilsner hatte bekaniltlich rmch der Urtheilsfällnug das Geständniß abgelegt, bei der Mordthat betheiligt gewesen zu sein, und als die Mörder zwei Juden, Erbmann und Wassermann, bezeichnet. Jetzt hat er dieses Geständniß, das nur auf Aufschub des Strafvollzuges berechnet war, widerrufen, und gleichzeitig sind die beiden Bezichtigten, nachdem sie ihr Alibi bewiesen haben, wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Man meldet darüber aus Prag und Wien: In Kuttenberg hat der zum Tode verurtheilte Hilsner sein G e st ä n d n i ß z u r ü ck g e n o ni m e n. Er erklärte, er habe es abgelegt, urn seine Hinrichtung, die er »rach den falschen Vorspiegelungen mehrerer anderer Häftlinge für unmittelbar bevorstehend hielt, auf unbestimmte Zeit zu verschieben, und beharrt jetzt wieder dabei, er sei an dem Morde der Hrnza unschuldig. Die beiden von ihm Beschuldigten, Erbmann und Wassermann, die in Schlau und Auscha ermittelt wurden, konnten ihr Alibi für den 29. März vollkommen Nachweisen und wurden a u s d e r Haft entlassen. — Die tschechischen Geschworenen im Prozeß Hilsner hatten den Beschluß gefaßt, eine große Reihe zumeist deutscher Blätter, welche sie wegen ihres Verdikts in diesem Prozeß heftig angegriffen, strafgerichtlich zu verfolgen. In einer Zusammenkunft, die sie gestern abhielten, beschlossen sie nun, von jeder strafgerichtlich eu Verfolgung Abstand zu nehmen, da daS Geständniß Hilsners ihnen „eine glänzende Satisfaktion" geboten habe. Werden sie nun wieder die Klage aufnehmen? B. Blldöpest, 28. September. Der neueste Roman, dessen Schlußkapitel sich vor einigen Tagen in einem Budapester Standesamt« abspielte, wo Ungarns greiser Dichterfürst Maurus Jökai der jugendlichen Schauspielerin Bella Groß die Hand zum ewigen Bunde reichte, hat begreiflicherweise große Sensation hervorgerufen. Ueber die diesem Bunde vorangegailgenen Geschehnisse referirt Egyenlösäg im Folgenden: Das große Publikum, das durch verschiedene Zeitungsberichte vom Plane Jäkais Kenntniß erhielt, weiß natürlich nichts von den Anstrengungen, die gegen das Zustandekommen dieser Ehe gemacht wurden. Wir sind in der Lage, darüber einiges mitzutheilen. Im Elternhause der Braut erschien nämlich, nachdem die Zeitungen die Verlvbungsnachricht brachten, ein Exzellenzherr, später auch eine Exzellenzdame und boten der Braut 20 000, später 50 000 Kronen an, wenn sie Jökai seines Versprechens entbinde. Das Mädchen wies diesen Antrag mit Entrüstung zurück und sagte, daß sie dies gegen ein Entgelt nicht thue, aber geneigt sei, znrückzutretell. wenrl Jokai persönlich von ihr Abstand nehme. Jükai erschien in Begleitung des Exzellenzherrn bei seiner Braut, um van ihr Abschied zu nehmen. Die Zusammenkunft verlief so ziemlich dramatisch. Das Mädchen war selbstverständlich eine Weile sehr befangen. Nach einigen peinlichen Augenblicken, die in lautloser Stille verliefen, richtete sie an den Exzellenz- Herrn die Bitte, an Iükai in ihrer Gegenwart die Frage zu richten, ob sie ihn in irgend einer Weise veranlaßt oder gezwungen habe, ihr die Ehe zu versprechen. Jükai erklärte, daß dies niemals geschehen sei, daß vielmehr das Mädchen es. war, das ihm diesen Gedanken aus dem Kopf schlagen wollte. Das Mädchen gab mm mit Thränen in den ’ Augen die Erklärung ab, daß sie, nachdem sie die Worte Jökais vollständig beruhigt hätten, nun zurücktrete. Jükai aber — schickte den Exzellenzherrn fort und erklärte, daß er nicht znrucktrete und 'jent Versprechen halten wolle. Die Fanlilie machte null An- ' streliguugen, das Mädchen — zum Christellthum zu bekehren, doch auch dieser Versuch , blieb erfolglos. Das Mädcheil berief sich cmf ihr Elternr Haus, wo ihr eine religiöse Erziehung zu Theil wurde. und aus ihr Gewissen, das dies llicht zuließe. Uebrigens, sagte sie. dürfe auch Jükai dieses Opfer von ihr llicht verlangen. Auf eine seitens seiner Familie an Iokai gerichtete Anfrage erklärte er. daß. wenn sie llicht aus Ueberzeugung zum Christeilthulll Übertritt, er des äußeren Scheines halber in eine Taufe nicht einwillige. So -geschah es denn, daß der Dichterfürst mit einem armen jüdischen Mädchen vor dem Standesamte erschien. Ihr Großvater -war im Szaboleser Komitat unter dem Namen „der Jude Salomon aus Jäk" als sehr fronimer Manu bekannt; er lvar ein ,jChassid“ und verkehrte sehr häufig mit den Wunderrabbis. — Ullter beti heldenurüthigen Kombattanten des Freiheitskampfes lvar auch ein Jude, namens Bernhard Schönberg, der als Offizier der Nationalgarde sich große Verdienste erwarb. Er wurde gefangen genommen und vom österreichischen Auditoriat zum Tode durch den'Strang verurtheilt. Das Urtheil wurde bald darauf vollstreckt. Die Bürger der Stadt Güns haben mm eine Bewegung eingeleitet, um sein Andenken durch die Errichtung eilles Deuklnals zu ehren. — Dozent Dr. Samuel Roua wurde zum öffentlichen außerordentlichell Professor all der hiesigen Universität ernannt. Frankreich. X. Paris, 29. Septenlber. In der trübell Zeit, die über die französische Judeuheit hereingebrochen, giebt es natürlich, wie immer und überall, auch hier Juden» die leider so pflichtvergessell finb, die Sache unserer Gegner zu betreiben. Eine von Denen, die nach deui Bericht des Staatsprokurators die orlballistische Sache gefördert haben, ist eine Jüdin, Frau Jules Porges. Sie hat dem Herzog von Orleans 100000 Frallcs gespendet als Beisteuer für seine Propaganda. Die afrikanischen Miuell ihres Gattell haben der Frau Porges. welche eine geborene Wodiauer aus Ungarn ist, die Mittel geboten, ihre kostspieligen orleanistischen Passiollen befriedigell zu können. Frau Porges ist royalistisch. Es ist jetzt in Paris chic, für das orleanistische Königthum zu schwärmen und für den künftigen König in der Kirche St. Philipe du Roule zu beten, auch wenn die Wiege dieser fromm gewordenen Schwestern lveit entfernt von dieser noblen Pariser Kirche gestanden hat. Frau Porges ist, lvie die Pariser bösell Zungen behaupten, nicht aus Ueberzeugung royalistisch, sondern nur mit Rücksicht auf ihre Bälle und Soireen. Sie hat sogar von der Republik eine Auszeichnung angenommen, die Rettungsmedaille, welche ihr Minister Bartholl verschaffte, weil sie nach dem Bazarbrallde die Verletzten in ihrem der Rue Jean Gvlljon nahe gelegenen Palais pflegell ließ. Vor einigen Wochen weilte Madame Porges in Mariezrbad. Der Herzog voll Orleans gebrauchte dort auch die Entfettullgskllr. Er will als magerer König auf beu Thron seiner Ahnen steigen. In Marienbad gab Frall Porges dern Herzog lurd der Herzogill zll Ehren einen Nachmittagsthee. Lange Zeit verweilten der Herzog und die Herzogill von Orleans bei Madame Porges. Als die hoheil Gäste Abschied uahnien, küßte die Frau Herzogin nicht allein Frau Porges. sonderll auch deren Schwester uub Tochter. In Marienbad sprach mail viel darüber, daß Herzog Philipp und die Herzogill bei Madame Porges erschienen waren. Das Amüsanteste aber an der ganzen Geschichte ist das Faktum, daß die ganze orleanistische Verschlvörnrlg — in dem jüdischen R e st a u r a n t von Baruch in Marienbad stattgefunden hat! Hellte stellt Frau Porges dem Herzog 160600 Francs zur Verfügung, obwohl sie weiß, daß derselbe ein eifriger Vertreter des frailzösischeil Antisemitismus ist. — Eill anderer, nicht weniger pflichtvergessener Jude ist der Direktor des „Soir" Herr Gaston Poll onais. dessen antidreyfnsistisches Organ jüngst iu der unverschämtesten Weise die Predigt entstellt hat, die der, Grand Rabbin de France, Zad ok Ca hu, am Versöhnungstage gehalten hat, ulld auf die die Nationalisten ulld Antisemiten sich stützen, um eine Maßregelullg des Grvßrabbillers zu verlangen. Der „Temps" veröffentlicht nun den richtigen Wortlaut der ans Dreyfus bezüglichen Stelle aus der Predigt, er lautet: Beten wir zu Gott, auf daß er sich unseres unglücklichen Bruders erbarme, des traurigen Opfers eines' furchtbaren Verhängnisses. Beten wir zu