Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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480 über den Zaun, geradezu durch die Thür, uub erst in der Kammer der Wittwe Prisa kommt er zu sich: „So, da bin ich ja auch bei Euch, Gott sei Dank!" ruft * er erleichtert aus. Im Dorfe wurde tnbeffen rrrchbar, das; der Müller früh am Morgen, barfusz, ohne Kopfbedecklmg, in unvollkonlmener" Toilette plötzlich zur Wittwe und ihrer jungen Tochter hineinstürzte. Und noch dazu sagte er: Gott sei Dank, da bin ich ja auch , bei Euch! Die alte Prisa schlug die Hände zusammen, die Hela sprang im bloßen Hemde auf, und kann;, daß sie nothdürftig sich ein Röckchen überwarf, schrie sie den Müller an: „Bist wohl betrunken, Du Missethäter, konntest Dein Haus nicht finden und platzest hier so herein." Der Müller aber läßt den Groll über sich ergehen, schaut sie verliebt an und sagt: „Hau' nur zu, so viel Du willst!" Und sie versetzt ihm eine schallende Ohrfeige. „So haue noch!" Und bald schallt eilte zweite. „Willst Du noch schlagen, geliebte Hela?" Und bald hat er die dritte Ohrfeige weg. Wie sie aber sieht, daß der Müller weiter still steht, als ob nichts passirt ist, fängt sie an bitterlich zu weinen und ruft: „Ich Arnie, Betrogene, wer wird sich Uteiner annehmen, nicht allein verlassen hat mich das Ungeheuer, jetzt bringt er mich noch um meinen guten Ruf! Vor dem ganzen Dorfe hat er nlich beschimpft. Ihr guten Leute," sagt sie zu dem zusammengelaufenen Volke, „dreimal habe ich ihn geschlagen, und er denkt nicht daran, die Kammer zu verlassen. Belehrt mich doch, was soll ich thun mit ihm? . . . ." . Und der Müller erlviedert darauf ganz ruhig: „Bist Du nun fertig mit den Ohrfeigen, sag's offen, dann kann ich mich wohl auf die Bank setzen und ein wenig ausruhen, beim müde bin ich, zum Umsiuken müde!" Die Alte merkte zuerst, daß etwas in der Sache nicht richtig ist, und sagte zu ihrer Tochter: „Halt ein, Hela, fragst nicht, was los ist, und schlägst, siehst, der Bursch ist nicht ganz richtig im Kopfe!" Und zum Müller gewendet sagte sie: „So erzähle mir doch, guter Mann, woher kommst Du, und in diesem Zustande, und wagst es noch, zu sagen: Gott sei Dank, da bin ich auch bei Euch!" Der Müller reibt sich die Augen und erlviedert: „Sage rnir, Tantchen, ganz offen und ehrlich, schlafe ich, oder wache ich? Und ist seit gestern Abend eine Nacht oder ein ganzes Jahr vergangen, und komme ich jetzt zu Euch von meiner Mühle oder bin ich vom Himmel gefallen?" „Pfui!" sagt die Alte und macht das Zeichen des Kreuzes. „Du scheinst geträumt zu haben, Mensch!" „Ich weiß nicht, Frau Mutter, ich weiß schon gar nichts mehr!" Er setzt sich auf die Bank, und siehe, am Fenster vorbei kommt Jonkel mit seinen; großen Bündel. Der Müller springt auf und zeigt den Weibern den Juden. „Wer geht dort?" fragt er. „Das ist ja unser Jude Jankel!" „Und was trägt er?" „Ein Bündel ans der Stadt." „So, nun, wie könnt Ihr denn da sagen, daß ich geträumt habe? Der Jude ist doch wieder da. Ich habe ihn doch eben an der Mühle mit demselben Bündel gesehen." — „Und warmn denn sollte er auch nicht wiederkommen?" „Es hat ihll doch in; vorigen Jahre der Teufel entfüh.rt, der Hapun." Und nun erst fing der Müller an, seine Erlebnisse zu erzählen, und immer größer wurde die Volksmenge, die ihm zuhörte und sich dann sagte: Nun muß der Müller die Hela doch heirathen, denn er hat sie um ihren guten Ruf gebracht. Er aber behauptet, froh zu sein, sie geheirathet zu haben, denn er hätte sie immer lieb gehabt, und erst in der Nacht, wo er sich in der Macht des Bösen befand, und sie ihll von diesem befreite, da erst sah er, wie werth und theuer sie ihn; geworden. Jetzt leben die Beiden glücklich auf der Mühle mit ihren Kindern. Und die Schenke hat der Müller längst aufgegeben, auch ben Wucher, und wenn mal Einer davon spricht, wie es dann wäre, wenn der Teufel wieder den Judeir holt, und wer wohl dann die Schenke übernehmen möchte, da macht er nur eine abwehrende Handbewegung lind Pfeift lustig vor sich hin. Solche Geschichte ist nun mit dem Müller passirt, und niillmer wird man es erfahren, war es Wahrheit oder nur ein Traum. Eine Lüge kann es doch nicht gewesen sein, denn der Müller war kein Lügner. Auch Gawrilo, der Geselle, lebt noch auf der Mühle, und wenngleich er auch gesteht, in jener Nacht tüchtig betrunken gewesen zu sein, so will er sich genau besinnen, daß der Müller ihm die Thür selbst damals geöffnet, unb daß sein Gesicht bleicher war als der Tod. Auch kam der Jcmkel wieder, und Apanas war barfuß und betrunken. Also kann das alles nicht ein Traum gewesen sein. Und wiederum, wie konnte es nur geschehen, wenn sich, dies alles in einem Jahre abgespielt hatte, und der Müller scholl am anderen Tage in dem beschriebenen Zustande zur Hela hereinstürzte, .daß sich Alle darüber wunderten. Es ist wohl besser, die Sache nicht weiter zu. untersuchen. Ist es Wahrheit oder nur Trallm, so viel will ich Ellch nur sagen: Vielleicht hat irgelld Einer von Euch einen bekannten Müller, oder es muß nicht durchaus ein Müller sein, aber lvenn dieser zwei Schenken hat und über die Juden herfällt, selber aber die Menschen noch ärger schindet, dann leset ihm diese Erzählung vor. Dann steht fest, er verwirft sein Handwerk, und wenn nicht gar, so reicht er Ellch ein Gläschen Schnaps, doch sicher diesmal unverdünnten. Auch giebt es welche, die, wenn sie die Erzählung sich angehört haben, wie bellende Hunde über Euch herfallen werden. Diesen würde ich sage;;: „Schimpft so viel Ihr wollt, aber einen Rath will ich Euch geben: Nehmt Euch in Acht, daß es Euch nicht ebenso ergehe wie dem Müller, denn seht Ihr, die Bewohner dieses Dorfes Neu-Kamenka sehen seitdem öfter deilselben Tellfel über ihrem Dorfe kreisen; seit er es llämlich mit dem Müller versucht hatte, will er nicht noch einmal ohne Beute heinlkehren. Er kreist in der Luft wie ein angeschosseller Vogel und ist stets auf der Lauer. Und darum, gute Leute, seht Euch vor, daß mit-Euch nichts Schlimmes passire. Und derweilen lebt wohl. Wenn ich nicht ganz so erzählt habe, wie es Euch gern gefiele, nehmt es von mir einfachem Menschen nicht für ungut. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.