Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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hübsche Rose Grün, des Schneidermeisters älteste Tochter, die im selbe» Zimmer cm einer Maschine nähte, mit echt weiblichem Spürsinn errieth, daß er verliebt sei. „Was giebt's denn?" fragte sie neckisch, als sie unter dem Gerassel der Maschinen ihr ans Käsebrot» und Gingerbier bestehendes Frühstück einnahmen. „Ach, eine Partie schlägt man mir vor," sprach er mürrisch. „Eine Partie," rief Rosa, „Dir!" Sie arbeitete seit Jahren an seiner Seite, und die Vertraulichkeit hatte die zweite Person Einzahl hervorgebracht. David nickte und steckte ein Stück Käse in den Mund. „Mit wem?" fragte Rose. Er schämte sich und brummte die Antwort in die Bierflasche, die er an seine durstigen Lippen hielt. „Lea Vollowitsch," rief Rose, „Lea, die Tochter des Schuhwaarenhändlers?" David liefe den Kopf hängen — er ivufete nicht warum. Er wagte nicht, ihr ins Gesicht zu schauen. Sein Kopfhängen bedeutete Ja. Eine lange Pause entstand. „Und warum nimmst Du sie nicht?" fragte Rose. Es war mehr als eine Frage; es klang verächtlich und vielleicht sogar gereizt. David antwortete nicht. Wieder herrschte verlegene Stille, und zwar ziemlich lauge. Zuletzt hob Rose an: „Vielleicht desivegen, weil Du mich lieber hast?" fragte sie. David glaubte eine feurige Kugel in der Lust zu sehen; sie platzte, nnd er fühlte, ivie der elektrische Strom gerade durch sein Herz fuhr. Die Erschütterung warf seinen Kopf mit einem Ruck zurück, so daß seine Augen in ein Gesicht blickten, dessen Schönheit und Zärtlichkeit sich ihm znm ersten Male enthüllten. Das Gesicht seiner alten Arbeitsgenossin war verschwunden — vor ihm lächelte ein -schmeichelndes, kokettes Gesicht, das ungeahnte Dinge verhiefe. „Nu ja." antwortete er ohne eine merkliche Pause. „Nu gut," entgegnete sie ebenso rasch. Und in der Wonne dieses Augenblickes gegenseitigen Verständnisses vergaß David, sich zu fragen, warum er früher nie an Rose gedacht habe. Später erklärte er sich, dafe sie in sozialer Hinsicht immer höher gestanden hatte als er. Die Situation erschien ihnen zu traumhaft, um sie gleich den klebrigen zu erklären. David reichte Rose verliebt die Bierflasche, und Rose nahm einen Schluck wie zu einem Treuschwur'' das verstanden nur sie beide. Als David den Rest hinunterschlürfte, fühlte er sich ganz berauscht. Sie wagten nicht, einander zu küssen — die Plötzlichkeit der Sache machte sie verschämt, und dieses Gefühl der Heimlichkeit war süfeer, abgesehen davon, dafe Keiner von ihnen Lust hatte, dem Schneidermeister, einem finsteren alten Männchen, die Neuigkeit mitzutheilen. Davids Kreidestriche waren auch an diesem Nachmittag sehr unsicher; das beweist, wie Rose Recht hatte, als sie sie mit Liebe in Verbindung brachte. Ehe er sich an diesem Abend entfernte, sagte Rose zu ihm: „Weißt Du auch gewiß, daß Du Lea Vollowitsch nicht doch lieber hättest?" „Nicht um alle Schuhe und Stiefel in der Welt möchte ich sie nehmen!" antwortete David stürmisch. „Und ich gehe lieber ohne Schuhe als ohne Dich," be- , theuerte Rose. Die Treppe vor der Werkstätte war so schlecht beleuchtet, dafe ihre Lippen in der Dunkelheit sich fanden. „Nein, nein, noch nicht," sagte Rose, „vorläufig ist die Sache mit Lea Vollowitsch noch nicht aus; wer weiß, vielleicht hat . Sugerman, der Schadchen. Dich schon hineingelegt, ohne daß Du was davon weißt." „Nein," behauptete David, „ich habe das Mädchen nur eiu- <■ mal besucht." „Gut, aber Du mußt noch heute Abend zu Sugerman gehen und ihm sagen, Du hättest nicht das Herz, eine solche Partie zu machen." „Küsse mich, und ich werde gehen," bat David. „Geh', und ich werde Dich küssen," sagte Rose entschlossen. „Und wann werden wir es Deinem Vater sagen?" fragte er, indem er als das Nächstbeste ihre Hand drückte. „Sobald Du Lea losgeworden bist." „Aber wird er auch einwilligen?" „Nicht gern," sagte Rose offenherzig, „aber ich hoffe." „Das ist gut," sagte David. Er war kein tiefer Denker. David traf Sugerman beim Abendessen. Der große Schadchen bot ihm einen Stnhl an, sonst aber nichts. Gastlichkeit übte er nur bei besonderen Gelegenheiten. Als er Davids endgiltigen Beschluß hörte, war er so empört, dafe er seiüen Gast mit Borwürfen überhäufte. „Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie einen Schuhwaarengeschäftsinhaber zurückweisen, blos weil seine Tochter einen runden Rücken hat?" rief er ungläubig. „Es ist mehr als ein ruilder Rücken — es ist ein Höcker," versetzte David. „Und wenn auch? Bedenken Sie nur, wie wohl Ihnen wäre, wenn Sie Ihre eigenen Maschinen hätten. Wir kaffen doch die schwersten Lasten von Kameelen tragen, und haben die nicht auch einen Höcker?" „Aber eine Frau ist kein Kameel," versetzte David. „Und ein Zuschneider ist kein Schneidermeister," entgegnete Sugerman. „Genug, genug," rief David, „ich sage Ihnen, ich nehme sie nicht, und damit basta!" „Dahinter steckt etwas," behauptete Sugerman mißtrauisch. David schüttelte den Kopf. „Nur ihr Höcker," sagte er mit einem Anflug von Humor. „Moses Mendelssohn hatte auch einen Buckel," ries Sugerman vorwurfsvoll. „Ja, aber er war ein Ketzer," entgegnete David, der nicht nnbelesen war. „Und außerdem war er eiu Mann. Ein Mann mit zwei Höckern kann für jeden Buckel eine Frau finden, aber mit einer Frau ist das ganz was anderes." „Hüte Deine Zunge vor dem Bösen." citirte der Schadchen zornig. „Wenn Jeder so reden würde wie Sie, käme Lea Vvllowitsch nie unter die Haube." David zuckte die Achseln und erinnerte ih'^.^daß bucklige Mädchen, die »stottern, schielen und mtf dem linken Bein hinken,; in der Regel wenig Aussicht haben, unter den Traualtar geführt zu werden, „Unsinn! Blödsinn!" ries Sugerman zornig. „Das kommt blos daher, weil sie nicht zu mir kommen." „Nun Lea Vollowitsch ist zu Ihnen gekommen, aber zu - mir wird sie nicht kommen," sagte David und erhob sich, um - fortzugehen. Allsogleich stieß Sugerman einen Seufzer der Ergebung aus. „Also meinetwegen! Da muß ich mich eben um eine? Andere für Sie uinsehen."