Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
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M. Nomaucey: Der Antisemitismus hat aber noch arrdere, tiefer tiegeltde Gründe. ' M. Bergeret: Davon bin ich überzeugt. Der Politische und wirthschaftliche Atttisemitislnus, der sich mit dem religiösen in der Gefolgschaft Molines ultd den journalistischen Mönchen der „Lroix" verbrüdert, wird nicht nur gefördert vonderLaud- und Fettdalaristokratie, die, ohnmächtig gegenüber der ausländischen Konkurrenz, verarmt und hernnterkommt. Nein, er findet auch Nahrung bei dein rückständigen Kleinbürgerthum, jenen Alltagsmenschen, die sich den neuen, lockeren Formen voll Handel und Industrie nicht anpassen können. Sie alle tnüsfen sich abplageir und lassen dies den Inden entgelten, der — freilich nicht ilnmer mit allzu großer Bescheidenheit — vorwärts kommt. Der Bürger Coton: Ach, das ist ja alles blos Gerede — die Leute schreien: „Nieder mit der: Inden!" weil sie hoffen, dadurch die Republik stürzen und über die freigewordenen Stellen herfallen zu können. Die „feine Welt" möchte eben gern unter der Monarchie recht einträgliche Aemter bekleiden. Sie ist ja auch bei dein Goldminenkrach ordentlich reingelegt worden. Ja, ja, die Goldminen, die lvaren das Panama der Aristokratie. M. Romancey: Der Jude verschlingt utts mit Haut und Haaren . ., das steht nun einmal fest. Doch Geduld! Uns fehlt es ja, Gott sei Dank, nicht an Energie,- und so werden wir den Juden scharr noch zwingen, alles wieder von sich Zu geben, und werden ihn dann nackt aus dem Lande jagen. Der Bürger Coton: Vortrefflich! Und wenn Sie Israel nun ausgeplündert und fortgejagt haben, wenn Herr v. Rothschild seirr Hans für einen Esel verkauft hat, werden es die Arbeiter dann besser haben? Würden ihnen die arischen .Kapitalisten geneigter sein und ihnen bessere Arbeitsbedingungett stellen? Wird daun uns die Befreiung winken? Warum sollten wir Antisemiten sein? Wie kämen wir dazu, Rodin liebet zu haben als Shhlock? Oder ist es vielleicht schöner, von' Herrn Vantour aufgefressen zu werden, als der Habgier von Moses Geiermann zmn Opfer zu fallen? Wir haben mit der Synagoge nichts zu schaffen, aber wir haben auch kein großes Vertrauen zu der „Muttergotteskirche zur heiligen Werkstatt". In der Uebermacht des Geldes liegt das ganze Uebel, 'darum bekämpfen wir das jüdische Kapital gerade so wie das christliche und lassen Christen und Semiten ruhig um ihre armseligen Interessen streiten. Es ist uns auch sehr gleichgiltig, ob Jakob St. Peter ausplündert, oder ob St. Peter seine Hand auf den Geldsack des Inden legt. Wir können uns nur freuen, wenn sich so das Kapital in beit Händen Weniger konzentrirt. Das wird uns am Tage der großen Abrechnung die Arbeit sehr erleichtern. Eine Partie. Eine Humoreske. Von I. Zangwill. EUILLETON J^iues Tages fiel es David ein, daß er heirathen müsse. o) Er begab sich, sofort zu Sugerman, dem Schadchen. „Ich habe jetzt das ^Richtige für Sie," sagte der große Heirathsvermittler. „Ist sie hübsch?" fragte David. „Ihr Vater hat ein Schnhwaarengeschäft," antwortete Sugerman begeistert. „Wie viel, glauben Sie, kriegt sie?" „Nun, es ist kein großes Geschäft; aber sie werden zufrieden sein." „Wo könnte ich sie sehen?" „Ich will es so einrichten, daß Sie nächsten Sabbath Nachmittag hingehen können." „Sie werden mir doch nicht mehr als ein Pfund aufrechnen?" „Keinen Groschen mehr! . . . Was ein'frommes Mädchen! Ich bin überzeugt, Sie werden glücklich werden: Sie ist so gut erzogen. . . . Aber natürlich fünf Prozent von der Mitgift." „Hm! Nun, meinetwegen." — Vielleicht kriegt sie gar nichts mit, dachte er mit dem tröstlichen Gefühl, daß er vielleicht den Schadchen überlisten werde. Samstag besuchte David das Fräulein, und mit Sonntag stürzte er zu Sugerman, dem Schadchen, ins Zimmer. „Ihr Mädchen schielt!" rief er empört. „Das ist was Ausgezeichnetes," sagte Sugerman, „eine Frau, die schielt, kann ihrem Mann nie gerade ins Gesicht sehen und ihn zu Boden schmettern. Wer wird sich vor einer Frau, die schielt, ducken?" „Das Schielen könnte ich noch ertragen," fuhr David zweifelnd fort, „aber sie stottert auch." „Ja, giebt es demt was Besseres, wenn man sich streitet? Da ihr das Reden schwer fällt, wird sie stiller seilt als die meisten Frauen. Ich rathe Ihnen, zuzttgreifen, so lauge es noch geht." „Aber sie hinkt auf dem linken Fuß!" ries David verzweifelt. „Gott im Himmel, wollen Sie damit sagen, daß Sie llicht eiltsehen, was für eilt Bortheil es ist, un'tm man eilte Frau hat, die Einen iticht auf Schritt und Tritt begleiten kann?" David verlor die Geduld. „Aber das Mädchen ist auch noch bucklig!" schrie er wüthend. . .„Mein lieber David," sagte der Heirathsvermittler, indem er entschuldigend die Achseln zuckte mtd die Hättde attsbreitete, „mein lieber David, Vollkommenheit können Sie tticht erwarten." Nichtsdestoweniger wollte David keine Verunnft annehmen. Er beschuldigte Sugerman, er bringe ihn tutt seine Zeit und halte ihn zunr Narren. „Zum Narrert halten, meint ich Ihnen die Aussicht auf eilte Schuhwaarengeschästsinhaberstochter mache!" rief der Schadchen empört. „Sie werden sich selbst zum Narren haltett, wenn Sie solche Geschichten machen. Ihre Mitgift wird genügen, daß Sie sich als Schneidermeister etabliren können. Jetzt müssen Sie sich für dreißig Schillinge wöchetttlich als Zuschneider abrackern. Das ist der bare Unsinn. Wenn Sie ein paar Maschinen hätten, könnten Sie selbst Zuschneider halten. Für ein Butterbrod kriegen Sie heutzutage so viel Sie wollen.". Das gab David zu denken, und er entfernte sich, ohne die Unterhandlungen definitiv abgebrochen zu haben. Die ganze Woche wurde ihm von Zweifeln getrübt; feine Arbeit wurde unsicher, seinen Kreidestrichen mangelte es mt der gewöhnlichen Entschiedenheit, mtd er schnitt nicht immer den Rock genau nach dem Tuch. Seilte Zerstreutheit wurde so auffällig, daß die