Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Bergeret. Sie glauben also, daß Jesus kein Jude uutv. Was machen Sie dann aber mit den beiden Genealogien, durch rvelche Lrrkas und Mathärrs den Messias zur Erfüllung der prophetischen Weissagungerl aus dein Stamme Davids hervorgehen lasser:? Madame Ccsaire: Nichts. Ich freue mich nur, daß Christus kein Jude ist. M. Romancey. Ich bin auch Gegner der Juden, aber riicht arrs konfessioneller: Gründen, sonderrr weil die Juden Kosruopoliten sind. Denn ich sehe im Kosmopolitismus die größte Gefahr, die Frankreich bedroht. M. Bergeret. Wenn Sie alle in der Welt zerstreut lebenden Menscher: Kosmopoliten nerinen, so haben Sie allerdings Recht. Dann sind und waren die Inder: vor: jeher ihrem Weserr rurd Ternperament rrach Kosmopoliten, ja sogar, bevor rloch Titus, die Wonrre des Menscherrgeschlechts, ihre Neigurrg dazu durch die Verwüstung Judäas so sehr begürrstigte. Aber man sollte doch lieber zusehen, ob die Jrrden nicht fähig sirrd, fest und treu an ihrem Gebrrrtslande zu hängen. Wir irr Frankreich erkennen es doch allgenrein an, daß die deutschen Juden Deutsche sind, ebenso wie man umgekehrt in Deutschland zugiebt, daß die französischen Juden Frarrzosen sirrd. M. Romancey: Die Juden haben kein Vaterland, sie sind Börsenjobber und Spekulanten und rarrben planmäßig die Christen aus. Das ist doch sonnerrklar. M. Bergeret: Es leben 80 000 Juden in Frankreich, keineswegs alles Börsenwucherer. Die meisten sind sogar arnr. Früher, werrn ich an Sorrrrnerabenderr durch die St. Antoine- Vorstadt kam, sah ich rings um einen kleinen baurnbewachsenen Platz auf den Bänken zerlumpte Juden kauerrr. Wie sie dicht arr einander gedrängt dasaßen, Greise, Frauen, Kinder und Mädchen mit beu blauschwarzen Haaren, über ihnen das rrnzählbare Sternenheer, boten sie in ihrer dumpfen Ruhe ein Bild antiker: Elends mit orientalischem Anstrich. Diese Lerrte arbeitete!: der: ganzer: Tag über bei den kleirren Meister:: in der Vorstadt oder schacherten mit alten Kleidern. Trotzdern hingen sie, glaube ich, fester ar: ihrer Religion als die israelitischen Geldbarorre, die sich in unserer Gesellschaft allzu breit rnacherr. Auch raubten sie rricht planmäßig ihre christlichen Mitrrrenscherr aus! Seit jener Zeit Hübe ich irr der Provinz gelebt und weiß nicht, rvas aus jenen Vorstadtjuden geworden ist. Aber ich kenrre Jsraeliterr, die ihr^ Leben der Wissenschaft gerveiht haben urrd durch ihre Leisturrgerr Frankreich, unseren: gemeinsamen Vaterlande, zur hoher: Ehre gereiche»:. Der Eirre zählt zr: den ersten Hellenrsten der Welt, dem Anderen verdanken wir große Entdeckungen irr der Assyriologie, ein Dritter hat rrach einer vortrefflichen Methode die Gesetze der Sprache erforscht. In allen Zweigen des menschlichen Wissens überhaupt begegnet uran Inder:. Und diese Jude:: stehen dem Geldhandel ebenso fern wie jener Kabbalist Abulafia, der seirre tiefsinnigen Berechrrmrgen nicht etwa zur Bestinrmurrg seiner Vermögenslage anstellte - derrn er besaß keinen rothen Heller sondern weil er den numerischen Werth des Namens Gottes zu ergründe:: trachtete. M. Romancey: Ich ureine ja auch nicht die Juden, die nur der Wissenschaft leben, »nein Vorwurf richtet sich vielmehr gegen die jüdische Großfinanz, die aus alter Ueberlieferung und aus Geschäftsinteresse kosmopolitisch ist. M. Bergeret: Steht es mit der katholischen Großfinanz vielleicht anders? Ich möchte es bezweifeln. Auch sehe ich nicht, daß sich das Börsenspiel des Christen irgendwie von dem des Juden unterscheidet. Madame Cäsaire: Ich habe an den Goldminen verloren, und mein Geld haben die Juden eingesteckt. Darüber kann ich mich nicht beruhigen. Wäre ich von Christen ausgeplündert worden, so hätte ich das lange nicht so schmerzlich empfunden. Ist es nicht schmachvoll, daß man sich der Herrschaft des jüdischen Geldes unterwerfen muß? Ich wende mich an Sie, Herr Coton. Wir haben zroar nicht dieselben Anschauungen über Politik und Religion. Sie sirrd für Abschaffung des Kirchenbudgets, was eine furchtbare Ungerechtigkeit, ja geradezr: Rarrb sein würde. Sie sind für die Vergesellschaftung des Kapitals-so heißt es doch, nicht wahr? Der Bürger Coton: Jawohl. Madame Cescrire: Schrecklich! Als die Einkommen-• sterrer eingeführt werden sollte, wurde ich fast krank vor Aerger. Thatsächlich! Ich rvar mit der Frau eines Ministers bekannt. Ich ging zu ihr hin, warf mich ihr zu Füßerr und rief: „Gnädige Frau, erlauben Sie Ihrem Manne nicht, diese Jrrfanrie zu begehen!"-Ich wollte Ihnen nur Zeigen, daß wir nicht dieselben Ansichten habe::. . . Aber Sie sirrd Frarrzose vor: Rasse und Geburt, Franzose von alter Abstammung- Der Bürger Coton:-— Ich brr: der Sohn eirres Schnsters aus La Billette rrnd einer Milchfrau arrs Palaiseau. Madarrre Ccsaire: Nun also! Hegerr Sie rricht eirre unüberwindliche Abneigung gegen die Juden? Fühler: Sie sich rricht durch ihr ganzes Wesen, ihre Sprache, ihr Aussehen zurückgestoßerr? Der Bürger Coton: Verzeihe:: Sie, ich kenne solche Empfindsamkeit rricht. Nach Absolvirurrg der Musterschrrle trat ich in die Redaktion eines sozialistischen Blattes ein. Ich schreibe fürs Volk und theile seine Denkweise. Der gute Proletarier aber haßt keinen Merrschen seiner Nase wegen. Und danrr, mit Verlaub, ist er auch frei von jener: abergläubischen Vorstellungen, die den Bourgeois dumm rurd boshaft machen. Er glaubt rricht an das Märchen, daß die Inder: eine Bocksgestalt mit Hörnerrr auf der Stirrr urrd einen Schwanzarrsatz haben, oder daß sie am Charfreitag Hostie:: schärrden und Christenkinder kreuzigen. Er weiß, daß es Juderr giebt, die durch Wucher urrd Börsenspekulationen reich geworden sind und einzig urrd alleirr arrs Geldverdienen derrken. Aber er weiß ebenso gut, daß es Juden giebh die sich zu Anwälten der Gerechtigkeit urachen urrd ihr Leben der Befreiung des Proletariates widmen. Solche Hirngespinste wie der Rasseuunterschied existiren nicht für Leute, die im realen Leben täglich mit der Roth des Daseins zu kämpfen haben. Madame Ce faire: Oho! Es giebt auch antisemitische Arbeiter; ich habe sie selbst bei einer großer: Massenkundgebung auf den Boulevards beim Cercle militaire vorüberzieheu sehe::. Der Bürger Coton: Geben Sie sich doch keinen Jllusionerr hin. Das Proletariat kümmert sich absolut nicht um den Antisemitismus. Da giebt es noch Wichtigeres zu besorgen. * M. Romancey: Herr Coton, die Judenfrage ist eine Lebensfrage für Frankreich. Ich bin Grundbesitzer urrd Landwirth. Ich spreche aus Erfahrung. Der Bürger Coton: Der Kampf besteht eben zwischen der Feudal- und der Geldaristokratie, ist also ein Krieg der Besitzenden unter einander. Da braucht sich der Arbeiter nicht hineinzumischerr.