Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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. somit allgemein kaufmännisches Bertranen besitzen müssen, ohne welches eine kommerzielle Thätigkeit kaum möglich ist. Ein schöner« geschichtlich bekannter Beweis von christlichem Vertrauen und jüdischer Ehrlichkeit bietet sich in der Thatsache dar,. daß nämlich während der französischen Revolntion der Herzog von Hessen vor. seiner Flucht neun Millionen Dollars dem Juden Rothschild in Frankfurt a. M. zur Aufbewahrung übergab, die Letzterer nachher Pünktlich und mit den «»wachsenden Zinsen retournirte. Was die zweite Frage anlangt, so glaubt der Verfasser, daß der antisemitische Fanatismus mehr aus Neid und Mißgunst als aus irgend einem anderen Grunde entstanden ist pnd zu bestehen fortfährt. Haben doch schon die alten Römer, wahrscheinlich aus demselben Grunde, die Juden verfolgt und dies«. Verfolgung auch auf die ersten Christen ausgedehnt, weil sie eben Letztere als Juden ansahen und demnach behandelten. In späteren Jahrhunderten hat derselbe Neid die Vertreibungen der Juden aus verschiedenen europäischen Ländern verursacht, da man befürchtete, daß ihr allzu großer Erfolg in allen ihren Unternehmungen der übrigen Bevölkerung Schaden verursachen würde. Diese Auseinandersetzung, meint der Verfasser, könnte leicht als Antwort auf die dritte Frage dienen. Judenverfolgungen werden wohl nach wie vor, und namentlich bei den unteren Klassen, mehr oder weniger stattfinden, aber keineswegs ausschließlich aus religiösen Motiven. Theilweise wird dies auch deshalb geschehen, weil die meisten Juden so exklusiv sind und gewisse Eigenheiten in ihrem Thun und Lassen besitzen, die sie von der übrigen Bevölkerung der Welt separirt halten. Gelegentlich berührt Mark Twain im fraglichen Artikel auch Dr. Herzls Plan in Betreff der Gründung eines abgesonderten jüdischen Staates und macht dabei folgende charakteristische Bemerkung: „Ich bin", sagt er, „nicht der Sultan und habe persönlich nichts gegen diesen Plan. Doch würde, man, meiner Meinung nach, politisch handeln, wenn man eine solche Vereinigung der gewandtesten Köpfe der Welt in einem freien Lande (außer in Schottland) verhinderte. Es ist nämlich nicht rathsam, dieser Nass« Gelegenheit zu geben, daß sie ihre Macht aussinde." Die bisher citirten Andeutungen Mark Twains über die Juden geben dem Leser nur einen zweideutigen Begriff von dessen wirklicher Stellung ihnen gegenüber, da jene wechselweise viel Lob und nicht wenig Tadel enthalten. Etwas bestimmter drückt sich der Verfasser am Schluffe des in Rede stehenden Artikels darüber aus, und da dieser besonders interessant ist, so soll er hier in toto angeführt werden. „Wenn die vorhandene» statistischen Tabellen", heißt es daselbst, „glaubwürdig sind, so bilden die Juden kaum ein Prozent in der gesammten menschlichen Rasse, oderum dies bildlich auszudrücken, man könnte sagen, sie seien wie ein winziges Sonnenstäubchen, das sich in der himmlischen Milchstraße gänzlich verliert. Eine solche, unsagbar kleine Minorität in der weltlichen Bevölkerung wäre demnach allzu unbedeutend, als daß man ihr irgend welche ernste Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Und doch erregte die Existenz der Juden vor Jahrtausenden schon ebenso viel Aufmerksamkeit, wie es in der Gegenwart geschieht. Sie waren und sind nämlich in der Geschäftswelt besonders hervorragend, und nicht minder bereicherten sie die Zahl der historisch berühmten Persönlich-, leiten, die äuf dem Gebiete der Weltlitteratur, der Kunst und Wissenschaft, der Musik und der Medizin und in vielen anderen wissenschaftlichen Zweigen einen klangvollen Namen haben. Und was noch mehr ist, sie sind proportionell viel zahlreicher als jede andere Nation darin vertreten. Um dies zu erreichen, hat der Jude zu allen Zeiten einen harten. Kamps durchzumachen gehabt, und während er so kämpfte, waren seine Hände in Fesseln geschlagen. Kann man es ihm also verargen, wenn er auf diesen Kampf mit einem gewissen Stolz zurückblickt? Der Aeghpter, Babylonier und Perser, sie alle waren mächtig und füllten die Welt mit Geräusch und glänzendem Prunk, aber allmälig welkten sie machtlos dahin, bis sie zuletzt gänzlich verschwanden. Ebenso viel Lärm machten die alten Griechen und Römer, und auch sie theilten daffelbe Schicksal. Andere Völker traten dann auf, die ihre brennenden Fackeln eine Zeit lang hoch hielten, doch leuchten diese Fackeln jetzt blos noch wie im Zwielicht, oder sie sind nunmehr gänzlich verloschen. Der Jude sah sie alle und überdauerte sie alle, und er ist außerdem jetzt noch nach wie vor iti voller Manneskraft. Erzeigtweder Altersschwäche noch irgend welche Abnahme in seiner Energie, denn sein Geist ist stets aufgeweckt und bleibt immer thätig. Alles ist sterblich, nur der Jude nicht; alle anderen Kräfte sinken dahin, aber die seinige wird nicht abgeschwächt. Was ist wohl das Geheimniß seiner Unsterblichkeit?" Gin Dialog über den Antisemitismus. Vo» Auatole Fraiice.h ^^^^adarne Cäsaire: Ich bin Eefühlsantisemitin. M- Berger et. Dagegen läßt sich mit Vernnnftgründen freilich nicht ankämpfen. Aber das Gefühl darf Sie doch nicht dazu verleiten, unbillig zu sein. Sie schaden sich ja selbst mit Ihrer Ungerechtigkeit gegen die Juden, gerade so, wie der Spruch des Kriegsgerichtes, das Drehfus unschuldig verurtheilt hat, sich mehr gegen die Richter als gegen ihr Opfer kehrt. Madame Cesaire: Die Antipathie ist mir aber nun einmal angeboren. Der Bürger Coton: Vielleicht doch eher anerzogen worden durch die kleinen frommen Geschichten, die man Ihnen in der Kinderzeit zu lesen gab. Madame Cäsaire: Das glaube ich nicht. M. Bergeret: Jedenfalls mutzte es Ihnen doch auffallen, daß die Juden in diesen Traktätchen mit ebenso viel Liebe wie Haß bedacht werden. Vor Christus sind sie „das auserwählte Volk", „die Auserlesenen des Ewigen". In diesem Sinne Preist sie Bofsuet mehr, als es je ein Rabbiner gewagt hätte. Nach Christus aber ändert sich alles. Da erscheinen sie als ein Ausbund von Verworfenheit und belastet mit dem ewigen Fluche, der Verräther Judas wird zum Symbol der ganzen Raffe. Ich wette, auch Sie machen die Juden für den Tod Ihres Heilands verantwortlich, Madame Cssaire: Da habe ich übrigens neulich in einem sehr hübschen Artikel gelesen, daß Christus gar kein Jude war, sondern als Arier im Lande der Heiden geboren sei. Das hatte ich schon immer geahnt und habe niich sehr gefreut, einmal Gewißheit darüber zu erlangen. ’-1) Deutsch von Heliuuth Friedeman».