Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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feilen, eilt Zellengenosse redet ihm vor, man konstruire bereits sei neu Galgen, jagt ihn in die Enge, und Hilsner gesteht, er habe heit Mord begangen, und nennt feine Spießgesellen, die man freilich nicht finden kann. „Deutsches Volksblatt", tschechischer Staatsanwalt, Dr. Baxa, Vertheidiger aller guten Menschen, ihr könnt nun jubeln uitd Hosiannah rufen. Das „Blutritual" ist erwiesen, und alle päpstlichen Bullen sittd Lügen. Was aber den gesunden Menschenverstand anlangt, so ist dieser ja stets nur bei Wenigen gewesen, und warum sollten die Ankläger von Kuttenberg zu diesen Wenigen gehören! Tieftraurig für uns ist es, daß wir an der Wende des Jahrhunderts mit solchen Fragen uns beschäftigen müssen. Verständige unter uns haben es vorausgesehen, daß es zn derartigen Ausbrüchen des Klassenhafies kommen werde. Man hat lange genug mit den Antisemiten geliebäugelt und ihre rohen Instinkte gehätschelt. Heute kamt eine Partei bei uns nur Volksthümlichkeit erlangen, wenn sie den Juden der Meute als Beute vorwirft. Wodurch ist Lueger groß und mächtig und angesehen geworden? Hat er sich Verdienste erworben um Staat oder Stadt? Nein, der kluge Mann weiß, woher in Oesterreich der Wind weht. Spricht Jemand von seiner Mißwirthschaft, flugs beginnt das Geschimpfe über die Judaei nefarii, und Alles horcht und lauscht und klatscht Beifall. Was Lueger kann, verstehen die edlen tschamarabekleideten Tschechensöhn^ auch. Ihre Volksthütnlichkeit verblaßt, und sie soll nun durch ntoderne Hexenprozesse, bei denen man Juden verbrennt, wieder aufgefrischt werden. Die Juden aber, sie schliefen sehr süß. Nein, manchmal erwachten sie, stritten und zankten unter einander, sahen, wie in jener Fabel, in jedem Ochsen unter ihnen den Feind, die falsche Katze aber erkannten sie nicht als solchen. Sie fühlten sich sehr geehrt durch ihr Gekose. Erhob Jemand seine Stimme, warnend, mahnend, ermunternd, dann wurde der Störetifried niedergedonnert und als Feind hingestellt. Nun flackert das Gebände, nun heißt es, retten. Retten? Ist noch Zeit dazu? Hat man die Gelegenheit nicht verabsäumt? Schwerwiegende Fragen allerdings, die sich uns aufdrängen. Was nützt es jetzt, darauf hinzuweisen, daß man gegen die ersten Christen auch Blutbeschuldigungen erhob? Wozu der ganze gelehrte Apparat? Warum hat man die Würde des Judenthums nicht gehütet? Warum die Mächtigen und Regierenden nicht aufgeklärt? Warum hat man es soweit kommen lassen? Warum ist man nicht energisch aufgetreten, so lange es noch an der Zeit war? Gestehen wir es nur, wir haben arg gefehlt, indem wir das Gefühl für das Judenthtnn in uns zurückdrängten und stets nur den Parteien Liebesdienste erwiesen, die uns nun durch Polna entlohnt werden. Die Juden in Böhmen sind ja stramme Tschechisch-Nationale, mögen sie sich ihren Lohn nun holeit. Daß der Jude vor allem Jude sein muß, daß er im politischen Leben keiner aufdringlichen, extremen Richtung huldigen darf, ist tausendmal wahr. Betrübend ist nur, daß Hexenprozesse ä la Kuttenberg uns erst darüber belehren müssen. , Papierne Proteste werden wenig nützen. Was uns vielleicht helfen könnte, wäre ein energisches Einschreiten bei den obersten regierenden Behörden. Was uns aber sicherlich helfen kann, ist strammes, muthiges Eintreten für uitser vielverlästertes Judenthum. Nicht Beugen, Kämpfen sei unsere Devise. Das- Gewinsel unserer charakterlosen Zeitungen hat wenig Werth. Das laute, offene, starke Bekennen, daß wir uns selbst werden zu Helsen wissen, der tapfere Kampf für unsere erhabenen Ziele wird uns aps dem Sumpfe ziehen, in welchen das Irrlicht des feigen Truges uns führte. Raffen wir uns auf, ehe das Gebäude niedergebrannt ist, und dann werden' uns Mordprozeffe, wie >vir sie erlebten, wohl erspart bleiben. Bekennen wir früher unser Judenthum, wenn noch das Haus des Nachbars brennt, und nicht erst, wenn die verzehrenden Flammen das unsrige schon ergriffen haben. Iwri. Mark Twain über die Juden. Von Dr. I. Chotzner. f er bekannte amerikanische Humorist Mark Twain, der augenblicklich in London weilt, hat im lausenden Heft des „Harper-Magazine" einen auf die Juden bezüglichen Artikel veröffentlicht, der allgemeine Aufmerksamkeit verdient. Folgender kurzer Auszug daraus dürfte wohl auch für die Leser dieses Blattes von einigem Interesse sein. In der Einleitung weist der Verfasser auf einen seiner früheren Artikel hin, der im vorigen Jahre in demselben Magazin erschienen ist, uttd worin Jener unter anderent auch von einer kurtosen Thatsache sprach, die er während seines jüngsten Aufenthalts in Wien daselbst notirt hat. Er war nämlich mehrere Male im dortigen Abgeordnetenhaus zugegen, als die Verhandlungen in Betreff des „Ausgleichs" mit Uitgar» stattfanden, wobei es unter den Mitgliedern der 19 Fraktionen desselben hier und da zum Streit und zum Klopfen kam. Doch bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß, so oft bei solcher Gelegenheit die Juden unnöthigerweise aufs Tapet gebracht wurden, alle diese verschiedenen Fraktionen sich sofort brüderlich vereinigten und einstimmig recht lustig auf Juden und Judenthum loszogen und sie mit den niedrigsten Schmähreden beschimpften. Als der fragliche Artikel in Amerika gelesen wurde, da wurde der Verfasser vott dort aus von vielen Seiten ersucht, er möchte doch seine eigene persönliche Meinung über die Juden ausdrücken. Dies thut er nun auch in seinem im laufenden Hefte des besagten Magazins erscheinenden Artikel, und zwar beaittwortet er darin einige von einem jüdischen Advokaten in Amerika an ihn gerichtete Fragen, von denen die drei folgenden hier besonders in Betracht gezogen werden sollen. 1. „Erfüllt der Jude seine Pflichten dem Staate gegenüber, und, ist dies der Fall, warum wird er meistens gehaßt und verfolgt?" 2. „Ist dev.Fanatismus allein die Ursache der antisemitischen Agitation?" 3. „Werden die Judenverfolgungen jemals aufhören?" In Beantwortung der ersten Frage beruft sich Mark Twain auf die vorhandenen statistischen Tabellen, woraus ersichtlich ist, daß die Liste der in verschiedenen Staaten alljährlich begangenen groben Verbrechen nur äußerst selten Juden aufzuweisen hat. Letztere, fügt er hinzu, sind in der Regel frei von aufrührerischen Agitationen gegen den Staat; ihre Armen fallen diesem niemals zur Last, und ihr Familienleben kann als mnstergiltig angesehen werden. Daß sie in ihrem geschäftlichen Verkehr ehrlich sein müssen, geht aus dem Umstande hervor, daß sie nämlich verhältnißmäßig allenthalben einen beträchtlichen Theil der Hauptgeschäfte in Händen haben und