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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-06 · Heft 40 (6.10.1899) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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473 Anlage B Uebersicht über die schulpflichtigen jüdischen Kinder ln Berlin, welche, ergangener Aufforderung ungeachtet, weder den von der , Synagogen-Gememde eingerichteten Religionsunterricht besuchen, noch einen anderen Religionsunterricht erhalten. Zeitpunkt: 1. Oktober 1898. — Nach Schulklassen getrennt. Lau- . Gesammtzahl der schulpflichtigen jüdischen Davon erhalten weder jüdischen noch anderen Religionsunterricht Prozentsatz sende Ä r t der Schulen Knaben Mädchen Knaben Mädchen Knaben Mädchen Nr. in den älteren in den jüngsten 3Zahrin den älteren in den jüngsten in den älteren in den jüngsten in den älteren in den jüngsten Spalte Spalte Spalte Spälte Jahr¬ Jahr¬ 3 Jahr¬ Jahr¬ 3 Jahr¬ Jahr¬ 3 Jahr¬ 3/7! 4/8 5/9 i 6/10 gängen gangen gängen gängen gängen gängen gängen gängen 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 : 12 1 18 14 1 Höhere Lehranstalten in Berlin und Prinz Heinrich-Gymnasium in Schöneberg 2135 965 — — 55 53 — — 2.58 5,50 — — 2 Oeffentliche höhere Mädchen-Schulen . — — 1158 572 — — 12 297 — — 1,04 51,92 3 Städtische Gemeinde-Schulen . . . . 1088 698 1135 692 65 102 36 79 5,98 14,61 3,17 11,42 4 Jüdische Schulen. 344 259 238 147 5 Privat-Schulen .. 170 175 1410 550 28 44 119 101 16,47 25,29 i 8,44 18,36 Gesamrntzahl 3737 209.6! 3936 1961 148 199 197 477 3,69 9,49 | 4,24 24,32 Brief aus Oesterreich. „ September 1899. au meiner Kindheit lebte in Mähreil ein „Chasen", welcher bekannt war durch feine schöne Stimme, seine Schwäche für das schöne Geschlecht und nicht ani wenigsten durch seinen Mutterwitz. Der Mann hieß Schemaja linb Pflegte gern auf Gastrollen zu gehen, damit sich recht Biele an seiuem Ternpelgesang erbauen, llnd er die so oft leere Tasche wieder fülle.' Einst übernachtete er in dem nlährischen Städtchen P. Gegen Morgen brach eine Fenersbrnllst in der Judengasse ans, und unser musikalisch schnarchender Scheuläja wird von seinem Zimmergenosseu geweckt: „Schemaja, steh'auf, es brennt in der Gaß'."- Dieser aber dreht sich genlächlich aufs linke Ohr ltiib spricht die geflügelten Worte: „Bevor nicht ganz P. in Flammen steht, bringt Ihr nlich nicht ans dem Bett." Diese Anekdote mag zur Heiterkeit anregen, was aber nicht heiter stilnmt, das ist ihre Anwendung. Es mußte wirklich die Brandfackel in unsere ganze Judenheit geschleudert werden, bevor sich die ehrwürdigen Rabbinate inld nicht minder ehrwürdigen Vorstände von ihrem Lager erhoben, um feierlichst Protest dagegen einzulegen, daß man im Jahre 1899 das Judenthum wieder verbrenne, llm feierlichst dagegen Einsprache 31t thun, daß im Gerichtssaal von kaiserlich königlichen Beamten verkündet werde: Zwar sind der gesunde Menschenverstand mld neben ihm Gelehrte, Fürsten, Päpste dagegen, von der Lüge des „Btutritnals" zil sprechell, es muß aber doch etwas daran sein, denn während der jüdischen Feiertage ermordete ein jüdischer Taugenichts unter Assistenz eine reine christliche Jungfrau; was ist null das Motiv des Mordes? Ein Rallbattentat ist ausgeschlossen, ein Sittlichkeitsdelikt auch, aber die Inden brauchen für ihre Mazzot Blut, und deshalb lnuß in bem Walde bei Polna das Verbrechen aus religiösen Motivell geschehen sein. Wer das llicht versteht, der nluß sich bei österreichischen Staatsanwälte:: oder bei tschechischen Advokaten oder aber in der Redaktionsstllbe des „Deutschen Volksblatt" Verstand holen. Was wir in diesen Briefen so häufig beklagt, die geistige und moralische Erschlafsullg des Jndenthums in Oesterreich,! das im kleinlichen Gezänk, in Kantorell- und Friedhossfrageu sich äußert, sie hat sich in der Affäre Polna, welche für uns traurigere Bedeutung hat als die Dreyfus-Affäre, so ganz deutlich gezeigt. Mau luußte dem Judenthum das Messer an die Gllrgel legen, ehe es sich emporraffte,^ehe ein Schrei der Entrüstllllg unseren Führern sich entrang, ehe sie sich erhoben, da die Flammen des Hasses über unseren Här:ptern zufammeuzuschlagen drohten. Der Judellhaß, der solche abscheuliche, Entsetzen erregende mittelalterliche Gestalten ulld Forznen ann.imnlt, wird wohl wieder einige friedensäuselnde lethargische Naturen von ihrem Optimismus heilen. Deutsch-Nationale, Christlich-Soziale und edle Tschechensöhne in der Tschamara stehen im brüderlichen Verein gegen uns. Hub da sage man noch, der Haß trenne nur unb verbünde nicht. Bewaffnet erheben sie sich gegen einander und machen Staatsaktionen daraus, wenn ein Schaffner den Namen einer Eisenbahnstation nur deutsch aufvitff, befehden sich blutig wegen eines tschechischen Nachtwächters, wem: es aber gilt, den Juden zu vernichten, find sie plötzlich vereinigt die edlen Nachkommen (?) der Teutoburgerwaldkämpfer und die nicht nünber edlen Libussasöhue. Und diese Leute wollen uns Kultur und Civilisation bringen, sie sprechen vom jüdischen Mittelalter, vom senilen Semitismus und' von der Veraltung unserer Heiligen Schrift, die vor Jahrtausenden, als Germanen und Slawen überhaupt noch nicht bestanden, feierlich verkündet hat: „Du sollst nicht tödten und nicht falsches Zeugniß ablegen gegen Deiner: Nächsten." Was wir Juden von Denen zrr errvarterr haben, welchen wir uns so gern anbiederrr möchten, dieser garrze Polnaer Prozeß hat es blitzartig erleuchtet, und wem da die Augen nicht aufgehen, der bleibt mit ewiger Blindheit geschlagen. Die Tragödie von Polna hat auch ihr satirisches Nachspiel erhalten. Ob dieser Hilsner der Mörder ist oder nicht, kommt für uns Juden nicht in Betracht; seine Motive noch weniger, obgleich der hochgeachtete Psychiater Dr. Kornfeld m einem vorzüglicher: Artikel nachgewiesen, daß es sehr wohl perverse sexuelle Krarrkheiten sein können, welche ihn dazu verarckaßten- Hilsner wird trotz der rvidersprecher:den Zeugenaussage:: vernrtheilt, die Arrgst erwacht in dem sorrst ganz apathischen Ge-

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