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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-06 · Heft 40 (6.10.1899) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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und neuerdings wieder in der Polnaer Mordsäche zu Tage getreten ist, von gebildeten Männern des tschechischen Volkes beurtheilt wird, zeigt ein Brief, den der jungtschechische Prager Universttätsprofessor Mafarhk an einen Freund der „Neuen Freien Presse" gerichtet, und den dieses Blatt veröffentlicht. Der bekannte Gelehrte giebt darin zunächst seiner Zuversicht und Freude Ausdruck, daß der Dreyfus-Prozeß bis zu dem nothwendigen Ende werde weitergeführt werden, und meint, die denkenden Monarchisten in Frankreich und überall würden gewiß einsehen, daß eine Monarchie, gestützt auf die Henker von Drehfus, in erster Reihe für Frankreich und ebenso für die übrigen Staaten eine permanente Krise bedeute. Professor Masarhk fährt dann fort: „Gelegentlich des Kuttenberger Prozesses will ich mich nicht über ben „Ritualmord" im Allgemeinen verbreiteir. Darüber sind die kulturgeschichtlichen Akten geschlossen. Allein erlauben Sie mir,, im Hinblick auf den speziellen Fall folgende Betrachtung auzustellen. Die Antisemiten werden es reicht müde, die Juden als das Non plus ultra der Schlauheit und Verschlagenheit hinzustellen: wie paßt nun zu diesen Eigenschaften die brutal-blöde Uuthat in Polna? Wenn heute irgend eine, offenbar geheime Gesellschaft oder Sekte Menschenblut haben wollte, so würde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben verschollenen Opfer tu den größeren Städten suchen und nicht auf dem Lande. Voll diesem Gesichtspunkte beurtheilte ich alle die in letzter Zeit als Ritüalmord allgeführten Fälle; auch der Polnaer Mord widerspricht allen Vorallssetzungen, die von ben Antisemiten selbst in Betreff des geheimen und geheim dnrchgeführten Ritualmordes gemacht werden. Sollte sich aber irgendwo ein Unglücklicher fillden, lvelchei der antisemitischen Suggestion erliegen würde, so wäre auch dieser Fall ans Rechnung des Antisemitismus mld feiner aufreizenden Propaganda zu setzen. So viel ich sehe, bat der antisemitische Aberglaube vom Ritüalmord gegenwärtig eine vorwiegend ökonomische Bedeutung. Die Alltiseliliteu geben vor, das Volk voll den wirthschaftlichen Valupyrell befreien zu wollen; ein Volk aber, respektive Volksschichten, welche in lvirthschaftlichem Fetischismus großgezogell wurden. werden de facto nur für die verschiedentlichen Vampyre jüdischer und christlicher Koufefsiou geradezu präparirt. Dieser antisemitische Aberglaube, wie ersichtlich, ist allgemein, ist international; gegen ihll ist darurn gemeiilschastliches Auftreten aller Gegner angezeigt. Sollte dieser Allfgabe diese meine Aellßeruilg irgend wie von Nutzen sein, verfügen Sie über ihre Veröffentlichung." Masaryk ist ein überzeugter tschechischer Patriot, dessen Urtheil die Antisemiten vom Schlage des Herrn Baxa und seiner Genossen nicht so leicht werden abthun köllnen. . - Das soeben ausgegebene Jahrbuch der Jewish PubUcation 8oeie!^ von Amerika für 1899/1900 enthält eine auf die zuverlässigsten existirenden Quellen basirte Schätzung der jüdischen Bevölkerung in den - Vereinigten Staaten, die gegenwärtig mehr als eine Million »unter der etwa 75,80 Millionen betragenden Gesammtpopulation. des Landes ausmachen dürfte. Es handelt sich nur um eine Schätzung, weil entsprechend der strikte durchgeführten Trennung der Kirche vom Staate in Amerika keinerlei amtliche Erhebungen über die Religionszugehörigkeit stattfinden. Derartige Schätzungell wurden aber schon seit 80 Jahren wiederholt gemacht und ergaben folgende bemerkenswerthe Zunahme: 1818 (Schätzung von M. Noah). . 3 000 1826 ( „ „ Jsaac C. Harty) . . . 6 000 1840 ( des Amerik. Almanach) . . 15 000 1848 ( von M. A. Berk). 1880 ( „ SEß. B. Hackenburger) 230 257 1888 ( „ Jsaac Morkens). . . . 400 000 1897 ( „ David Sulzberger) . . 937 000 Der Redakteur des „Jahrbuchs", Prof. Cyrus Adler, hat folgende jüdische Einwanderung in den ketzlell beiden Decennien festgestellt: Inden Jahren 1881—84 zusammen . . 74 310 „ „ 1885-99 in New--York . 417 010 „ .. Philadelphia 36 390 „ „ „ ' „ Baltimore . 20140 547 850 - Adler addirt diese Einwanderung seit 1881 der von Hackenburger ermittelten ziemlich korrekten Ziffer für das Jahr 1880 zu und kommt so zu einer Summe von 778107 ohne die Einwanderung über Kanada sowie die über Boston, New-Orleäns und sonstige Häfen. Mit Berücksichtigung dieser Faktoren sowie der natürlichen Vermehrung kommt Adler zu einer Gesammtziffer von 1043800. Hiervon entfallell rund 400 000 auf den Staat New-Iork, wovon für Groß-New-Uork mindestens 9/io gerechnet werden müssen, während der Rabbiner Dr. Gottheit für die amerikanische Metropole 400 000 Köpfe rechnet. Alls New-Iork folgen die Staatell Illinois und Perlnshlvanien mit je 95 000 Köpfen, Ziffern, die sich durch das Vorhandensein der beiden Großstädte Chicago und Philadelphia hinlänglich erklären. Dann folgt Ohio (mit den Großstädten Cincinnati und Cleveland) mit 50 000, darauf kommell Kalifornien (San Francisko), Maryland (Baltimore) und Missouri (St. Louis) mit je 35 000. Der Distrikt von Columbia mit der Bundeshauptstadt weist 3500 Seelen auf. Alle übrigen Staaten und Territorien beherbergen je zwischen 1000 und 20 000 Juden. * Neuerdings ist nach langer Zeit wieder einmal von den Juden in China die Rede. Der „Newyork Herald" bringt eine geschichtliche Betrachtung über sie, die zwar nicht viel Neues enthält, wegen des Schlusses aber ziemlich wichtig ist. Er läßt sich nämlich von einem Korrespondenten aus dem Reiche der Mitte Folgendes berichten : Die Juden warell schon 249 vor Christi Geburt in China bekannt. Sie kamen von Westen dahin und' wurden in chinesischen Schriften Taow-Kin-Kedow oder „Trenner der Adern vom Fleische" genannt. Sie beteten auch nach Ansicht der Chinesen Heen (den Himmel, die Gottheit) an. Von 58 bis 75 u. Chr. bestanden große jüdische Ansiedelungen in Kai-Fung-Foo, Hansho, Ningpo, Peking und Niughin. Ihre Sprache ist ein hebräischer Jargon mit chinesischen und hier und da persischeil Wörtern verrnischt. Sie befaßen das Buch „Esra", ein Beweis, daß sie erst nach der Schöpfung dieses Werkes von ihrem Volke getrellnt worden sind. Vom Christerlthum hatten sie nichts vernommen. Möglich ist, daß fie mit einem Theile von Alexanders Armee nach Persien und von dort nach China gelangt sind. Man glaubt auch, daß diese Juden erst die Seideuindustrie nach China gebracht haben. Der erste Entdecker der Juden in China lvar der Jesuitenmissionar Pater Gonzani. Er wies nach, daß sie den Landbau wie den Handel betrieben, auch Gelehrte lieferten, und Manche von ihnen es selbst bis zum Mandarin gebracht habell. Sie hatten große Ehrfurcht für den Namen des Confneins und verehrten, ilach Landessitte, ihre Vorfahren. Sonst aber lebten sie wie die Jndeit anderer Länder. Am Samstag wurde kein Feuer angezündet. Sie hielten au ihren Traditiouen fest, heiratheten nur unter sich uild versuchten nie. Proselyten zu machen. Ihre Synagoge war denl Tempel riachgebildet. mit eineur Allerheiligsten, wo die Gesetzesbücher ausbewahrt wurden. Der hohe Priester trug eine Seidenrobe mit einer scharlachrothen Schärpe über die rechte Schulter geschlagen. In Peking lebten vor 150 Jahren noch zwölf Familien, bereu Thorarolle ihnen und ihren Vorfähren über 500 Jahre gedient hatte. In Hansho bestandell mehrere Synagogen. Sie hatten Rabbiner ulld Schriftgelehrte. Die Juden gingen zum Theil bei der großen Ueberschwemmling iui Jahre 1446, bei dein Riesenfener in Peking im Jahre 1600, dann während der Revolution zu Grunde. Die eillzige Genleiude besteht heute noch,

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