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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-10-06 · Heft 40 (6.10.1899) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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Vom Tigris zu», Euphrat, von, Euphrat zum Nil sehen wir einen bekannten, geliebten, uns schon Werth gewordenen Mann mit Heerden und Gütern hin- und herziehen. Uber- Hebron und der Hain Mamre erscheinen uns als die wichtige Stätte, wo der Herr mit Abraham spricht und ihm alles Land verheißt, so weit sein Blick nur in vier Weltgegenden reichen mag." Aus den eingehenden, seitenlangen Ausführungen Goethes über unseren Stammvater Abraham nur diese Probe. Wir vom Samen Abrahams wissen, wenn wir in der nächsten Woche wieder den Wochenabschnitt „Lech lecho" lesen, was dieser Mann der Welt geworden ist, — und da die Herren Antisemiten-die Nachkommen Abrahams nicht vertilgen können, wie sie auf dem Parteitag als ihr Endziel verkündigten, so suchen sie wenigstens den Patriarchen Abraham zu beschimpfen, was ihnen unverwehrt bleiben mag zu ihrer eigenen Schande. Aie Woche. Berlin, 4. Oktober. ^er sich für diese Dinge interessirt, der konnte irr der letzten Woche das amüsante Doppelspiel der Presse anläßlich der Blutlüge von Pol na beobachten. Die Einen forderten die Juden auf, alles Mögliche zu thun, um die Wahrheit aufzudecken, die Anderen meinten, die Juden thäten viel zu viel in solchen Dingen und machten sich gerade dadurch verdächtig. Kurz, wie wir^s auch machen, ist es den falschen Freunden und echten Feinden nicht recht. Im Grunde genonunen wissen sie selbst nicht, was wir eigentlich machen sollen, und ehrliche Politiker zerbrechen sich darüber unfern Kopf in bedenklicher Weise. Sehr bemerkenswerth ist in dieser Beziehung ein Artikel von Professor Hans Delbrück in den „Preußischen Jahrbüchern". Dort heißt es u. a.: „Es ist ein Vorgang, der sich bei jebem sensationellen Prozeß, in den Juden verwickelt sind, wiederholt, und den wir vor wenigen Jahren bei der Verfolgung des unglücklichen Schlächters Buschoff in Xanten bei uns selber erlebt haben. Wenn der Verdacht eines schweren Verbrechens sich irgendwo auf eiiim Juden lenkt, so setzt sich so.fort die bei allen Völkern verbreitete antisemitische Stinlmnng dahinter, vergröbert die Verdachtsmomente und verallgemeinert die Anklage gegen das Judenthum überhaupt. Naturgemäß sind die Juden auf diesem Punkt sehr empfindlich, treten für ben Angeklagten auf die Schanze und suchen nachzuweisen, wie wenig er doch eigentlich belastet sei. Nicht lange dauerte, so sind sie fertig mit dem Urtheil, daß die Anklage schlechthin nichtig sei. Dieser Uebereifer aber reizt die Gegner zn der Frage: Wäret Ihr auch so sicher, wenn der Angeklagte fein Jude wäre'? Soll er etwa deshalb von vornherein als unschuldig gelten, weil er Jude ist? Gewiß haben die Juden absolut Recht, wenn sie bei jeder Anklage auf Ritualmord von vornherein die Anklage bekämpfen, denn der Ritualmord ist nichts als ein wahnwitziger, grauenhafter Aberglaube, und Blätter, die ihn auch nur als eine Möglichkeit hinstellen, sollten sich ihrer Unwissenheit schämen. Aber was diesen Aberglauben am Leben erhält, ist gerade. das leidenschaftliche und einmüthige Eintreten des ganzen Judenthnms für jeden dieses Verbrechens Verdächtigten. Gerade in diesem Augenblick spielt sich in Böhmen wieder ein solcher Fall ab. Was sollen die Inden machen? Sollen sie etwa, ohne zu kämpfen, den Justizmord geschehen lassen? Die Grenze ist schwer zu ziehen, aber so viel ist sicher, daß das Eintreten der Presse uild das Anrufen der öffentlichen Meinung gerade das Gegentheil von dem bewirkt, was erzielt werden soll: Nehmen die Juden die eine Partei, so nehmen die Antisemiten, die doch in der Volksmeinung die bei weitem Stärkerer: sind, die andere, und der persönliche Kriminalprozeß ist zur Parteisache geworden." * In der „Deutschen evangelischen Kirchenzeitung", die bekanntlich von Herrn Stöcker herausgegeben wird, befaßt sich Jemand auch mit denr Fall Dreyfus. Es heißt dort: „Ohne Zweifel ist Dreyfus Unschuldig". Aber sofortkommt das Chaserfüßchen: „indessen habe der Verurtheilte in völlig gutem Glauben an Rußland militärische Dinge berichtet", weswegen er verürtheilt worden sei. An einer anderen Stelle heißt es dann wieder: «Außerdem sollen in dem französischen Generalstabe große Summen, die zur Aufdeckung von 'Spionage bestimmt waren, zu Privatzwecken verbraucht sein. Die Verurtheilung von Dreyfus war eine Kulisse, die diese Unregelmäßigkeiten zu verdecken bestimmt war." Was sagt die antisemitische Presse, der Dreyfus immer noch der Schuldige ist, weil er Jude ist, zu dieser Erklärung ihres Herrn und Meisters? Der Artikel hat noch eine interessante Seite, er gesteht die Niederlage des Antisemitismus offen zu. „Es ist gewiß merkwürdig, daß der Antisemitismus gerade in Deutschland, wo er durch die Versammlungen der christlich-sozialen Partei im Jahre 4879 zu einer öffentlichen Angelegenheit wurde und dann die Welt überzog, zurückgegangen ist. Ans der Parteiversammlnng der antisemitischen Deutsch-Sozialen trat das klar hervor. Der Führer dieser Gruppe hatte selbst vorher erklärt, die Bewegung sei auf einen tobten Punkt gekommen, der überwunden werderr müsse. Vergleicht man diesen Zustand in Deutschland, besonders in Berlin, mit Oesterreich und Wien, so erhebt sich unwillkürlich die Frage, woher der Unterschied? Uns ist die Ursache ganz einleuchtend. Der österreichische und der französische Katholizismus ist eine einheitliche Macht, und zwar wesentlich eine antisemitische. Der deutsche Liberalismus, auch der religiöse, steht wenigstens öffentlich auf Seiten des Judeuthums; er ist zuweilerr jüdischer als die Juden. Jetzt eben rvieder wird der Mord in Polrra, bei welchem sich herausgestellt hat, daß ein christliches Mädchen durch Juden ermordet und völlig blutleer aufge furch en ist, von fortschrittlichen und sozialdemokratischen Blättern zu beschönigen gesucht. Die liberale Presse aber umfaßt in der protestantischen Welt Deutschlands wenigstens neun Zehntel, und das Judenthum sitzt in den allermeisten Redaktionen oder ist doch in ihnen allmächtig, Daher kommt es auch, daß mau es bei uns in den maßgebenden Kreisen schont, weil man es fürchtet. Die Aeußerung des Grafen Douglas ans dem Jahre 1888, Kaiser Wilhelm II. habe gesagt, er sei kein Antisemit, spricht ganze Bände. Vielleicht haberr die Deutsch-Sozialen dies Moment nicht gerrügend gewürdigt." Wir geben Herrn Stöcker zu, daß sein Antisemitismus eine totale Niederlage erlitten hat, wenn wir auch wissen, daß andere Gründe, als die oben angeführten, dabei maßgebend waren. Er ist freilich der Alte geblieben — in jeder Beziehung, wie man ans der Bemerkung über die Presse ersieht! Das Urtheil des Gerichts über die agitatorische Thätigkeit des neuen Hetzapostels Grafen Pückler hat zu mannigfachen Erörterungerl Anlaß gegeben. Nur die Betheiligten schwiegen sich darüber aus. Nun kommt zur Ergänzung aus Krefeld die Nachricht, daß auch am dortigen Gericht eure Verhandlung über die Rede des Grafen Pückler, Klein-Tschirne, stattgefunden habe. Die antisemitische „Deutsche Zeitung" hatte die Rede abgedruckt, und war deshalb Klage gegen dieselbe erhoben. Das Gericht erkannte aber auf Freisprechung, und zwar aus zwei Gründen: Erstens sei die Auflage der Zeitung eine so kleine, daß durch dieselbe eine Beunruhigung nicht hervorgerufen werden könne. Zweitens stehe der Redakteur aus einer so niedrigen Bildungsstufe, daß er sich der Verantwortung nicht bewußt sei. Die „Deutsche Zeitung" bringt selbstverständlich den Bericht, daß sie freigesprochen ist, ohne aber die vom Gericht angeführten Gründe mitzutheilerc. * Wie der antisemitische Fanatismus, soweit er in der ts chechischen Presse im Verlause der Dreyfus-Angelegenheit

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