Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 40 Berlin. 6. Oktober 1899 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner H*- Ludwig PHUtppsoir-Korm. Verlags-Erpedition: Gerlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen fnr Redaktion und Expedition, sind an. die Adresse: Verlag der. „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel r Die zweite These. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde.Brief aus Oesterreich. Mark Twain über die Ztuden. Von Dr. I. Chotzner. — Ein Dialog über-den Antisemitismus. Von Anatole France.. — Feuilleton: Eine.Partie. - Eine: Humoreske. Von I. Zangwill. — Jom Kipur. VI. Von Marha Rosenberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Mhslowitz, Hamburg,-Burgsteinfurt, München, Wien) Kuttenberg, Budapest, Paris, Newhork. — Jvhannesbllrg. — Don Rah und Fern. — Sprechsaal. Me Meile These. Berlin, 3. Oktober. Wj*ntf dem fünften Parteitag der deutsch-sozialen Resorm- Partei hat, wie wir schon erwähnten, ein Dr. Giese ö 5 einen Vortrag über den „Stand der Judenfrage am Ende des 19. Jahrhunderts" gehalten, in dessen These 2 „zur Befreiung deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einfluß ill Übereinstimmung mit ernst denkenden Theologen" Sturm gegen das Alte Testament gelaufen und dessen Entfernung aus dem Schulunterricht gefordert wurde. Der Korreferent, Reichstagsabgeordneter Bindewald, stellte sich auf den Standpunkt des Referentell. In der Debatte, in der unser Erzvater Abraham ill fürchterlicher Weise behandelt wurde, — voll dieser Seite beschimpft zu werden, ist eine Ehre, — lvies nur ein Delegirter, G. Weber (Hamburg), auf die schweren Anfeindungen hin, die man sich ans den Kreisel: zuziehen werde, die das Alte Testameilt als göttliche Offenbarung auffaffen. Diese Strömungen loerde schwerlich Jemand überwinden könnell. Aus denselben Opportunitätsgründen zog der Referent schließlich seine gegen das „Alte Testament" gerichtete These zurück. Die Aufnahme, welche indeß der Parteitag in der gesillnungsverwandten konservativen Presse gefuttdell, ist wesentlich aufRechnullg dieser These zu schreiben. Am Ende sehen die Antisemiten jetzt schon selber ein, daß sie einen großen Bock geschossen.haben, als sie die Bibel angriffen und ben Wodanskultus in überschwenglicher Weise feierterr. Auf dem Parteitags selbst hat indes; kein eillziger unter den antisemitischen Parteigängern einen Zweifel darüber gelassen, wie er über die biblische Geschichte als Grundlage des Schulunterrichts denkt. Diese soll künftig als antisemitische Parteidoktrin — wahrscheinlich nach einem voll dem Abgeordneten Rektor a. D. Ahlwardt verfaßten Leitfaden.in den Schulen vorgetragen werdöll; lautete doch der Schluß der These wörtlich: „Die Schicksale des Judenvolkes, seiner Patriarchen, Köllige und Propheten gehören in den Geschichtsunterrichts hier werden sie. bei rmparteiischer Darstellung ein w ichti g es Hilfs m ittel zurErkenntniß der jü d is ch en Volksart abgebe.ll." Der religiös-sittliche Inhalt des Alten Testaments, beu lllan doch llicht so ganz abzustreiten lvagte, soll so nebenbei als Extrakt verabreicht werden. . Wenn diese Herren nicht einsehen, daß der biblische Geschichtsunterricht, der im Alten Testanlerlt seine Wurzel hat, die Grund- . läge unserer heutigell Volksschulbitdllllg ist, und daß, wer die Axt an die Wurzel legt, beu ganzen Baum vernichtet, so wollell wir an der Erzählung eines einzigen großell Mannes Nachweisen, wie viel derselbe der ihm aus dem Alten Testaluellt in feiner Jugend erschlossenen Bildungsguelle verdankt. Die gebildete Welt hat kürzlich den 150. Geburtstag Goethes gefeiert. Hören lvir eillige Aussprüche Goethes über das „Alte Testament", namentlich über den geschmähtell Stannnvate.r Abraham. „Zum Hirtenstande gehörten die Erzväter. Ihre Lebensweise auf beni Meere der Wüsten und Weiden gab ihren Gesillnungen Breite und Freiheit, das Gewölbe des Hinlmels, unter dem sie lvohnteil, mit allen seinen nächtlichen Sternen, ihren Gefühlen Erhabenheit, lind sie beburfteu mehr als der hausbewohnende Ackerslllann des unerschütterlichen Glaubens, daß ein Gott ihnen zur Seite ziehe, daß er an ihnen Antheil nehme, sie führe rrnd rette." Wie unter dem Sternenhimmel in dem durch feine götzendienerische Umgebung viel geprüften Stammvater Abraham sich ans allen seinen Wanderzügerr der monotheistische Glaube imruer nlehr befestigt, bezeigt uns ferner Goethe, der den: „sanften, wahrhaft urvüterlichen Charakter Abrahams" , ein Ehrenzeuglliß ausstellt. Wie tief die Ausstrahlungen dieser Erzvätergestalt seine Jugendbildung beeinflußten, erkenllt der Dichterfürst bei dem Rückblick auf sein Leben. Er schreibt in seiner Lebensbeschreibung: „Die Bemühungen um die Sprache (Goethe lernte in der Jugend Hebräisch), um den Inhalt der heiligen Schriften eildigtell zpleU damit, daß voll jenem schönen lind vielgepriesenen Lazwe sowie von den Völkern lrnd Ereignissell, welche jenen FleA der Erde durch Jahrtausende hindurch verherrlichten, eine Lebhaftere Vorstellung in meüler Einbildllngskraft hervorging. , . . Unser Blick, unser Antheil bleibt inuner an. diese Gegenden'geheftet ... . Es geht ein Stammvater von hier aus, der . so glücklich ist, seinen Nachkommen einen erltschiedenen Charakter aufznprägen und. sie dadurch für ewige Zeiten zu einer großen und bei allem Glücks- und Ortswechsel zusämmenhaltenden Nation zu vereinigen. Vom Euphrat aus, nicht ohne göttlichen Fingerzeig, wandert Abraham gegen Westen. Die beiden Brüder ziehen nach Aegypten, und so ist uns der Schauplatz vorgezeichnet, auf den: einige tausend Jahre Pie ^bedeutendsten Begebenheiten der Welt Vorgehen sollten.