Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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regierung das ehrende Verdienstkreuz verliehen, und seitens der städtischen Behörde wurde er zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt. Zu der Beerdigung, die heute Morgen stattfand, hatten sich außer Verwandten, Freunden und Gemeindemitgliedern auch die angesehensten Kaufleute unserer Stadt eingefunden. Friede seinem Geiste! x. Frankfurt a. M., 22. September. Die feierliche Entlassung des am 1. Oktober in den Ruhestand tretenden Direktors des Philanthropins, Dr. Hermann Bärwald, fand heute Vormittag im festlich geschmückten Turnsaal der Anstalt in Gegenwart der Lehrer und der Zöglinge statt. Außerdem wohnten die Direktoren der höheren Schulen, der israelitische Gemeindevorstand, der Schulrath, die Familien der Lehrer und verschiedene geladene Ehrengäste der Feier bei. Stadtrath a. D. Anton Horkheimer richtete Namens des Schulraths und im Auftrag des Provinzial-Schulkollegiums Worte des Abschiedes und des Dankes an den Direktor, der nach mehr als dreißigjähriger Thätigkeit sich der Ruhe - hinzugeben gedenkt. Namens des Lehrerkollegiums sprach Prof. Dr Theobald Epstein. Ein Schüler überreichte ein Album mit den Bildern sämmtlicher Schüler. Dr. Reinhardt, Direktor des Goethe-Gymnasiums, sprach Namens der Direktoren den Scheidegruß. Der Gefeierte dankte in bewegten Worten. Er schilderte dann den Werdegang des Philanthropins von den ersten Anfängen im Jahre 1804 und schloß mit Segenswünschen für das fernere Gedeihen der Schule. Möge es Herrn Dr. Bärwald vergönnt sein, der wohlverdienten Muße sich in ungetrübtem Glück noch lange zu erfreuen! r. Mannheim, 22.^September. Am 5. d. M. verstarb dahier im Alter von 73 Jahren der Rabbiner Dr. Julius Fürst, der über 19 Jahre als Klausrabbiner in hiesiger Stadt gewirkt hatte. Derselbe erfreute sich des Rufes eines hervorragenden Gelehrten auf dem Gebiete der orientalischen Sprachwissenschaften, denn er verfügte nicht nur über ein umfassendes jüdisch-theologisches Wissen, sondern auch über eine Kenntniß - der klassischen und orientalischen Sprachen. Mit Vorliebe beschäftigte er sich mit der Erforschung der griechischen und lateinischen Fremdwörter, die sich in den Talmuden und Midraschim in sehr großer Zahl vorfinden. Zahlreiche Abhandlungen, die er in den angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hat, vor allem aber sein „Glossarium graeco-hebraeum", das er in einer besonderen Audienz dem Großherzog überreichen durste, zeugen sowohl von der Meisterschaft, womit er diese Materie beherrschte, als auch von seinem hervorragenden Wissen und seiner ausgedehnten Belesenheit. Mit namhaften zeitgenössischen Fachgelehrten stand er in regem Briefwechsel, und für die fernere Bearbeitung der talmudischen und midraschischen Lexikographie werden die Leistungen des Entschlafenen stets einen schätzenswerthen Beitrag bilden. Indessen erstreckte sich auch sein Forscherfleiß auf zahlreiche allgemein litterarische und historische Fragen, und es seien von seinen zahlreichen Abhandlungen aus den verschiedensten Gebieten nur die über „Das peinliche Rechlsverfahren im jüdischen Alterthum", über die Lesfing'sche Ringparabel und endlich seinen -letzten Aufsatz, der den rastlosen Gelehrten bis in seine letzten Lebenstage beschäftigte, über „König Saul" erwähnt, in dem er eine Ehrenrettung dieser gewaltigen biblischen Gestalt unternahm. I. Fürst wurde im Jahre 1826 als Sohn des dortigen Rabbiners in Heidelberg geboren. 1864 wurde er selbst Rabbiner in Endingen, 1859 in Bayreuth, später in Mainz neben Aub. Die Beerdigung verlief am 7. d. M. unter zahlreicher Betheiligung der Gemeindemitglieder und des Vorstandes der Gemeinde in der dem edlen Entschlafenen gebührenden Weise. Rabbiner Dr. Steckelmacher sprach am Grabe unter Zugrundelegung von Jerem. 31, 12 und hob namentlich hervor den edlen Forscherdrang des Verewigten, die Idealität seiner Lebensbestrebungen und wie er in ihnen volles Genügen fand und volle Befriedigung. Er hatte mannigfache kleinliche Anfechtungen zu erfahren; aber „seine Seele war wie ein getränkter Garten", eben infolge jener inneren Befriedigung wie auch infolge seines innigen Familienglückes und der warmen Anerkennung der auserlesenen Schaar Derer, die den inneren Werth und Gehalt eines Menschen zu würdigen verstehen. Er war auch während der beiden Tagungen der Synode durch das Vertrauen der Rabbiner des Landes zum geistlichen Synodalmitglied gewählt worden und beide Male Alterspräsident. Er war ein edel anspruchsloser, bescheidener und immer heiterer, gemüthvoller Mann. Immer und überall war ihm die Möglichkeit, sich mit der Wissenschaft zu beschäftigen, „die heilige Zijonshöhe, auf der seine Seele in erhabenen Wonnen schwelgte, in den Wonnen wahrhaft idealen und auch fruchtbaren Thorastudrums, auf der er die Segtznsfülle des Ewigen in vollen Strömen genoß, von der aus ihm auch mancherlei Kümmernisse wie in fernen, tiefen Niederungen fich verloren". Möge dem Verstorbenen die Erde leicht sein! Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 25. September. Mit der Verurtheilung des Hilsner in Polna ist die Angelegenheit noch lange nicht beendet, aber wenn die Sache nicht bald zu Ende ist, weiß Gott, welche absurden von Hilsner in der Todesangst, oder auch von anderen Ideen verlockt, vorgebrachten Phantastereien die antisemitischen Blätter noch in Umlauf setzen werden. Zahlreiche jüdische Gemeinden, Brünn an der Spitze, haben einen Protest gegen die als Ritualmord bezeichnete That Hilsners veröffentlicht; der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat einhellig beschlossen, dem Ministerpräsidenten, dem Justizminister, dem Kultusminister und dem Statthalter in Niederösterreich den nachfolgenden Protest zu überreichen: „Wir protestiren hiermit auf das Feierlichste und Entschiedenste gegen die von antisemitischer Seite in den Polnaer Prozeß hineingetragene tendenziöse Beschuldigung, daß das Judenthum oder irgend eine jüdische Sekte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe oder jemals gelehrt oder geübt habe. Wir hegen zwar das volle Vertrauen, daß die österreichische Regierung die uns als staatlich anerkannter Konfession zustehenden Rechte auch gegenüber dieser allerschädlichsten Verleumdung, welcher noch vor wenigen Jahren in China Hunderte von Christen zum Opfer gefallen sind, wahren werde. Unser Vertrauen in die Maßnahmen der Negierung kann uns jedoch nicht hindern, unserer Empörung über die unserer altehrwürdigen Religion zugefügte Schmach Ausdruck zu geben. Wir haben geschwiegen, so lange man nur die materiellen Interessen unserer Glaubensgenossen durch Verdächtigungen und Verleumdungen zu schädigen suchte. Heute aber wird in frecher Weise Hand gelegt an unser Heiligstes, an unsere Religion; und da werden wir, wie unsere Väter es gethan haben, mit Gut und Blut für die Ehre und Reinheit unserer Religion eintreten und sie gegen den schändlichen Anwurf der Blutbeschuldigung vertheidigen. Wien, am 20. September 1899. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde Wien." Auch der Verein gegen den Antisemitismus erläßt einen Aufruf, in dem er die österreichischen Juden eindringlich ermahnt, diese Angelegenheit nicht mit der gewohnten Indolenz und Nachlässigkeit zu behandeln. Hoffentlich nützt es etwas! — Die beiden Schriftleiter der antisemitischen Zeitung in Brüx wurden wegen der antisemitischen Exzesse in Saaz, an denen sie theilgenommeu, zu einer Arreststrafe verurtheilt. — Unter den neuernannten Herrenhausmitgliedern befindet sich auch ein Israelit: Gustav R. v. Mauthner, wurde am 16.'April 1848 in Horschitz in Böhmen als Sohn eines Industriellen geboren. Er absolvirte in Prag die Handelsakademie und trat am 3. August 1869 in die Kreditanstalt ein, der er mit sehr kurzen Unterbrechungen bis heute angehört. Im Jahre 1876 wurde er Direktorstellvertreter und im Jahre 1880 Direktor dieses Institutes. Direktor v. Mauthner hat bei allen großen Staatsgeschäften, welche die Gruppe der Kreditanstalt in den letzten zwei Jahrzehnten vermittelte, hervorragend mitgewirkt, v. Mauthner ist der Schwiegersohn des verstorbenen Präsidenten der Kreditanstalt Karl Weiß R. v. Weißen- Hall. Er besitzt den Orden der Eisernen Orden zweiter Klasse und den preußischen Kronenorden, Er nimmt unter den Persönlichkeiten, welche die Wiener Kreditinstitute leiten, die erste Stellung ein und genießt auch wegen seiner reichen Erfahrung auf dem Gebiete des Geld- und Kreditwesens und wegen seiner strengen Rechtlichkeit, welche den Grundzug seiner Geschäftsführung bildet, allgemeines Ansehen. Direktor Mauthner dürfte sich ohne Zweifel der Verfassungspartei anschließen. — Professor Dr. Ludwig Finkel wurde zum ordentlichen Professor der österreichischen Geschichte an der Universität in Lemberg ernannt. 0 Kuttenberg, 24. September. Ueber die sogenannten „Geständnisse" des Leopold Hilsner bringen die Prager Blätter folgende nähere Angaben: „Hilsner sagte vor dem Untersuchungsrichter aus, es seien zwei Juden zu ihm gekommen, Josua Erbmann aus Trebitsch und Salomon Wassermann aus Goltschsenkau, die ihn fragten, ob er ihnen nicht ein unschuldiges junges Mädchen nennen könne. Zu welchem Zwecke sie dasselbe brauchtet, sagten sie ihm nicht. Er habe zuerst gezögert, dann aber die Hruza genannt. Er selbst leugnet, an dem Morde